Integration : Boxen: Eine Lektion fürs Leben

Eine Ausbildung? „Keine Lust.“ Die Schule? „Viele Probleme“, Schlägereien. Erst das Boxen gab ihnen ein Ziel. Jetzt kämpfen die Berliner Younes und Yaseen El-Khatib für ihre Zukunft.

von
Doppelschlag. Die Zwillinge Yaseen und Younes El-Khatib gehörten nirgendwo dazu. Nun haben sie in ein normales Leben gefunden – und Titelchancen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Doppelschlag. Die Zwillinge Yaseen und Younes El-Khatib gehörten nirgendwo dazu. Nun haben sie in ein normales Leben gefunden –...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Isi, wie ihn alle hier nennen, erinnert sich noch genau an die erste Begegnung mit den Zwillingen. „Ein bisschen brutal“ hätten sie ausgesehen, sagt er, und simpel, mit ihren kantigen Köpfen und den kräftigen Kiefern. „Geht!“, habe er ihnen zugeraunt. „Eine Stunde oder so später“ standen die beiden immer noch da, die Augen feucht. „Geheult haben die“, sagt Isi amüsiert. Da habe er sie aufgenommen.

Berlin-Schöneberg, Potsdamer Straße 152 – auf halber Strecke zwischen dem Laufhaus Love Sex Dreams und dem Sozialpalast an der Pallasstraße liegt das „Isigym“. Ali, Foreman, Tyson, Holyfield – Boxlegenden prangen an den Wänden des Sportvereins. Mittendrin steht Izzet Mafratoglu, Chef und Namensgeber.

Keine 1,70 Meter ist er groß, aber mit mehreren hundert Fights im Kampfbuch eine Größe im Berliner Sport und als Mitglied im Boxclub Schöneberg Wegbegleiter von Weltmeister Graciano Rocchigiani. „Ich nehme es mit den Jungs hier immer noch auf“, sagt Mafratoglu. Aber ohnehin läuft keiner, der ins Gym kommt oder wieder geht, an Mafratoglu vorbei, ohne ihm die Hand zu reichen.

Mafratoglu, ein Mann mit Boxernase und unbeirrtem Blick, hat nie um den ganz großen Titel geboxt. Dafür gründete er den Verein und holt Jugendliche aus dem Kiez von der Straße. Siegesurkunden hängen am Eingang und Landesmeistertitel, die seine Jungs geholt haben, auch eine „Dankesurkunde“ von Klaus Wowereit, vom Bezirk erhielt er den „Integrationspreis“.

„Das Wichtige ist, zurückzukommen.“

„Kein Verein wollte die Zwillinge“, sagt er. Younes und Yaseen El-Khatib heißen sie, vor 22 Jahren in Berlin geborene Einwandererkinder mit palästinensischen Pässen und ohne Berufsausbildung. Früh haben sie Ausgrenzung erfahren, Ausgestoßene waren sie, eine Minderheit unter den Minderheiten.

Weder waren sie Teil der türkischen Gemeinschaft, die auf den Straßen von Berlin stark ist, noch in einem arabischen Clan verwurzelt – in der Gesellschaft der Deutschen sowieso nicht. Die Tür zum Isigym stießen sie vor sieben Jahren zum ersten Mal auf. Jetzt kennen alle die Zwillinge, jetzt werden auch sie per Handschlag begrüßt, gehören dazu, vielleicht zum ersten Mal überhaupt.

Mit Rückschlägen kennt sich Isi aus. Er sagt: „Das Wichtige ist, zurückzukommen.“ Das ungeschriebene Gesetz des Boxens, wonach entthronte Meister nicht zurückkehren – im Leben sei es genau umgekehrt. Wieder aufstehen, nach einem Rückschlag, immer wieder – das lernten die Jungs bei ihm. Der Weg zurück oder überhaupt erst hinein in ein ganz normales Leben, das ist Boxen für Mafratoglu.

Im Laufschritt lassen Younes und Yaseen El-Khatib einen Arm kreisen, dann den anderen. Sie rollen den Kopf. Sie schwingen das Springseil. Es klatscht auf das schwarze Noppenlinoleum, pfeift los, ein Mal, zwei Mal, drei Mal, schneidet die Luft. Von der Decke hängen Pilze herab, an Ketten aus Eisengliedern, das feste Leder prall gefüllt. Die Zwillinge pressen die Luft aus der Lunge, während ihre Hiebe klatschend den Sandsack treffen. Jetzt zeichnen sich Ringe und Linien dunkel auf dem Stoff ab, auf der Brust, die Wirbelsäule entlang, Schweiß.

Yaseen läuft im Kreis, so wie fast immer

Younes sagt: „Wir machen das hier nicht aus Spaß, sondern um das Ziel zu erreichen.“ Und das Ziel sei eben, an die Spitze zu kommen. „Wie bei einem Berg, nach ganz oben, da steht der Weltmeister. Das Ziel ist es, den runterzuholen.“ Die Berliner Meisterschaft haben sie schon mal geholt, in der Bundesliga kämpfen sie auch. Und weil sie Siege gegen viel erfahrenere Boxer errangen, gelten sie als große Talente. Das lässt sie von Größerem träumen.

Fast jeden Tag kommen sie her, zum Training im Gym, nach zwölf Stunden Arbeit. „Wir hätten uns schon früher anstrengen sollen“, sagt Younes. Aber mangels Eifer wurden sie durchgereicht von einer Bildungseinrichtung zu nächsten. Und wer von der Hauptschule ins Arbeitsleben geworfen wird, hat nicht viele Möglichkeiten. Deshalb ist er wohl auch so groß, dieser Traum vom ganz großen Kampf.

Yaseen setzt sich wieder in Bewegung, läuft im Kreis, so wie fast immer. Er läuft, den Blick zu Boden gerichtet, die Arme baumelnd. Wovor flieht er? Oder wird er getrieben, von Bildern in seinem Kopf, vom Einmarsch des Boxers in die Arena? Mike Tyson wird er später als Vorbild nennen. Noch so einer, der Halt in Härte fand, gegen sich und seine Gegner. Tatsächlich erinnert Yaseens Gang an jenen des kantigen Bullen aus der Bronx. Der wurde als 20-Jähriger jüngster Boxweltmeister aller Zeiten und beendete fast jeden Kampf vorzeitig mit einem K. o. „So kämpft auch Yaseen“, sagt Mafratoglu: geradeaus, ran an den Gegner und immer drauf.

„Sport war meine Rettung“

Younes ist anders: Boxen ist „wie Schach“, sagt er. Man müsse „die Schwächen des Gegners suchen“ und sie ausnutzen.

Wie weit er damit schon gekommen ist, das überraschte sogar Mafratoglu bei einem Kampf gegen den Vize-Europameister in Bremerhaven vor zwei Jahren. Als Außenseiter stieg Younes in den Ring. „Wir dachten, der hält eine, maximal zwei Runden durch.“ Younes siegte nach Punkten. Der Vize-Europameister habe sich davon nicht mehr erholt. Ähnlich wie ein mehrfacher Berliner Meister, den Younes besiegte. „Wir machen Karrieren kaputt“, sagt Mafratoglu und lacht diebisch. Und er baut, mittelbar, auch welche auf. Die Zwillinge haben ja mittlerweile Arbeit.

Ein Mann betritt das Studio, „mach maln bisschen Mucke an für die Jungs hier!“, ruft er. Er hat die dunklen Haare zurückgekämmt, trägt Vollbart, schwarze Röhrenjeans und Lederjacke. „Schakal“, nennt er sich, denn „es ist nicht gut, wenn im Kiez jeder deinen Namen kennt.“ Er bringt seinen Sohn zum Training und erklärt mit großen Gesten, die seine steinbesetzten Siegelringe aufblitzen lassen: „Sport war meine Rettung“, habe ihn herausgezogen aus dem Leben im „Pallas-Kiez“, hielt ihn davon ab, Autoradios zu stehlen und Leute am Kudamm zu berauben. „Jetzt bin ich glücklich verheiratet, hab vier Kinder“, sagt er, und sein Begleiter schaut ungläubig, oder wirkt das nur so?

Der Wortführer geht runter, pumpt

Trainieren bei Isi, da ist sich der Schakal sicher, wird auch seinen Sohn von der Straße fernhalten. „Isi hat schon viele Kids gerettet“, ruft ein bulliger Mann in einer Trainingspause dazwischen, „einer ist jetzt Beamter.“ Dass sie an Isi glauben, hat mit dessen eigener Herkunft zu tun, seiner Geschichte - und wie er Geschichten erzählt vom Boxen, vom Milieu und vom Kiez.

Sie handeln vom Kämpfer aus einfachen Verhältnissen, der es durch Disziplin, Ausdauer und Aufrichtigkeit nach oben schafft. Anders als Rocchigiani, der zwar nach dem Titel griff, aber der eigenen Vergangenheit im Milieu nie entkam, hat Isi diesen wichtigsten aller Kämpfe gewonnen. Deshalb suchen alle seine Nähe: Auf einem Foto steht Isi im Isigym neben Ex-Weltmeister Wladimir Klitschko.

Plötzlich stehen zwei Jugendliche im Gym. Am Handgelenk des einen baumelt ein Plastikbeutel mit Teigtaschen in Alufolie, in der Rechten eine aufgerissene Tafel Schokolade. Sie laufen umher, feixen.

„Wie heißt du?“, fragt Isi, und weil keiner der beiden darauf eingeht, noch ein Mal. Jetzt schauen sie her, belustigt. Isi setzt nach: „Leg die Schokolade ab“, er deutet auf den Tisch. „Sonst ist die überall. Wie heißt du?“ - „Hassan. Und das ist Hussein“, sagt der Wortführer. Isi, unvermittelt: „Mach mal Liegestützen, zehn. Ist keine Schande, wenn du das machst.“ Er sagt das ruhig, ohne die beiden aus den Augen zu lassen. Der Wortführer geht runter, pumpt. „Ich komm morgen, trainieren“, sagt einer der beiden dann im Gehen.

Er holt einen Flakon aus der Tasche: 4711

Als die Zwillinge umgezogen sind, zum Aufbruch bereit, zieht Yaseen einen Flakon aus der Tasche: 4711. Er reibt sich das Kölnisch Wasser über die Arme. Ausgerechnet 4711? „Bruder hat mitgebracht“, sagt er. Einen ganzen Karton voll. In Wohnungsauflösungen mache sein Bruder.

Younes und Yaseen kommen aus Kreuzberg. Sie wuchsen in einem Haus an der Waldemarstraße auf, mit einem großen Hof, wo sich im Sommer Schachspieler treffen. Aber Berlin verändert sich, und als die Miete auf 1400 Euro steigt, zieht die Familie in die Leipziger Straße, in einen Plattenbau aus DDR-Zeiten. Der steht eingekeilt zwischen der Einkaufsmeile am Leipziger Platz und Hotelbauten der 1990er Jahre. Der Hausflur ist nikotingelb, der Aufzug ein enger Kasten aus Edelstahl, der im dritten Stock mit einem Seufzer hält. Die Wohnungstür steht offen. Die Mutter eilt herbei, Kopftuch, ein offenes Lächeln, sie geht vor ins Wohnzimmer.

Da sitzt ihr Mann auf dem Sofa vor dem großen Flachbildschirm, der laut gestellt ist, um das Rauschen des Verkehrs zu übertönen. Zu seiner Rechten setzt sich Younes, ganz aufrecht, Yaseen nimmt neben dem Besucher Platz. Ihre Schwester zieht einen Stuhl heran, etwas abseits der Couchgarnitur, hinter ihrer Mutter.

Wenn es zum Streit kam, schlug Younes zu

„Ich habe ihnen die Wahl gelassen“, sagt der Vater auf die Frage, warum seine Söhne und deren Ehrgeiz ausgerechnet beim Sport, ausgerechnet beim Boxen gelandet sind. Er hat sich nicht eingemischt, seine Jungs sind eben Jungs, sie sollen selbst bestimmen, was sie aus ihrem Leben machen. Younes schiebt schnell noch ein: „Hoffentlich werden wir Weltmeister.“

Ihr Vater ist kein Mann der vielen Worte. Vier Söhne und drei Mädchen zog er groß mit seiner jungen Frau. Die Zwillinge und ihre Schwester leben noch zu Hause. Als Palästinenser im Libanon geboren, flüchtete der Vater vor dem Bürgerkrieg in die Hauptstadt der DDR und dann in den Westen des damals geteilten Berlin. Als Metallarbeiter schlug er sich durch und hat nun Rente beantragt.

„Es sind gute Jungs“, sagt er über die Zwillinge. „Sehr lieb“, sagt die Mutter. Warum sie keine Ausbildung machten? „Hat nicht geklappt“, sagt der Vater. „Keine Lust“, sagt Yaseen. Schule, das seien „viele Probleme“ gewesen, weil es viele Schüler gegeben habe, die Probleme machten. Younes sagt: „Wir haben den Streit nie angefangen.“ Aber wenn es so weit kam, dann schlug er zu. Fingen sie deshalb an mit dem Boxen? „Nein“, sagt er. Und: „Ich mag die Ruhe, wenn es nicht so laut ist.“ Yaseen sagt, beim Boxen hätten sie endlich ein Ziel.

Führerschein bestanden, „Sachkunde-Nachweis“ erbracht

Seit die Schule vorbei ist, sind aus den Problemen Aufgaben geworden, auf dem Weg zum Ziel. Das ist eine Arbeit. Und dafür pauken sie, wenn es drauf ankommt. Die Prüfungen für den Führerschein haben sie bestanden und auch den „Sachkunde-Nachweis“ erbracht, Voraussetzungen für Einsätze im Wachschutz. „So ein dickes Buch“, sagt Younes und spreizt Daumen und Zeigefinger weit auseinander: Strafgesetze, Menschenrechte, Datenschutz und Sicherheitstechnik. Ohne die Disziplin, von der Isi immer spricht, hätten sie das nicht geschafft.

Im Zimmer der 22-Jährigen hängen drei Bälle an Gummibändern von der Decke herab. Unter dem Bett Gewichte. Pokale von ihren Wettkämpfen stehen auf dem Kleiderschrank, auf dem aufgeräumten Schreibtisch: Laptop, Drucker und obendrauf der Koran. „Den lese ich ab und zu“, sagt Younes. Die Mutter, belustigt, sagt: „Kannst du doch gar nicht richtig.“

Am Mittwoch sind sie wieder im Gym. Nur kurz. Keine Zeit für eine ganze Trainingseinheit. Sie müssen arbeiten, zur Nachtschicht. Bis sie Geld verdienen mit dem Boxen? „Bei wem sollen die denn Profis werden?“, fragt Isi. Fast jeder zweite Profi müsse Geld mitbringen, um seinen Trainer zu bezahlen. Andere bekämen 400 Euro und gingen dafür in der dritten Runde zu Boden. Zwischen Wettmafia, Rotlichtmilieu und Profiboxen verschwömmen die Grenzen, sagt Isi. Glaubt er denn nicht an den Traum der Zwillinge, Weltmeister zu werden? „Ich glaube, dass jeder Traum wirklich werden kann, wenn du fleißig bist“, sagt er.

Warum sollte er Traumbilder zerstören?

Noch so ein Griff in die Trickkiste: ein Widerspruch, ja klar - na und? Warum sollte Isi auch Traumbilder zerstören, an denen sich seine Jungs aufrichten. Und vielleicht entdeckt ja doch der eine seriöse Boxpromoter sie noch. Wer weiß das schon?

Zum Abschied haut Isi mit der Hand auf einen Plastikpuck, und eine krächzende Computerstimme johlt: „Deutschland, Deuuuu-tschland!“ Isi sagt: „Die werde ich zu Legenden machen!“, und lächelt verschmitzt. Bis es so weit ist, schlagen sich Younes und Yaseen so durch. Zurzeit haben sie Arbeit. Wenig Geld. Aber wer von der Hauptschule kommt, hat keine Wahl.

Zu verdanken haben sie die Stelle letztlich Flüchtlingen wie ihrem Vater: Menschen, die nach Deutschland kommen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und ihre Familie. Für einen Sicherheitsdienst überwachen Younes und Yaseen ein Flüchtlingsheim in Lichterfelde. Die Stelle ist befristet, läuft noch ein halbes Jahr. Das Heim ist ein Provisorium. Es schließt, wenn die Flüchtlinge eine eigene Bleibe finden - und nach Arbeit suchen. So wie Younes und Yaseen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar