Integration : „Ich fühle mich deutsch – bin ich integriert?“

Worte von Migranten der zweiten Generation zu ihrem Lebensgefühl in Deutschland.

Berlin Sidar Demirdögen

(28), geboren in Backnang, Studium der Politologie und Germanistik in Frankfurt am Main, Vorsitzende des Bundesverbands der Migrantinnen: Kundgebungen für Integration und Zusammenleben kenne ich seit meiner Kindheit. Ich bin mit ihnen aufgewachsen und war mittendrin. Ich kann nie vergessen, wie meine Mutter nach den Brandanschlägen in Solingen sich wochenlang nicht mehr auf die Straße getraut hat. Was sich verändert hat? Nichts? Kaum? Wenig? Ich kann es heute nicht mehr unterscheiden. Ich bekomme das Gefühl nicht los, dass der einfache Wunsch nach einem gleichberechtigten Leben sich zunehmend als schwieriger erweist. Da versucht man uns als Opfer von Zwangsverheiratung, als rückständige Frauen, als integrationsunwillige Gruppe, als potenzielle Kriminelle darzustellen und fragt dann noch, ob wir an Identitätskonflikten leiden! Und eigentlich bin ich doch nur eine ganz normale junge Frau, die sich durchs Studium schlägt und versucht, aus ihrem Leben etwas zu machen.“

Mehmet Ata (24), in Bochum geboren, macht derzeit in Essen seinen Magister in Politologie: „Auch wenn es mir manchmal schwer fällt angesichts von Ausländer-Debatten und verschärften Gesetzen: Letztendlich fühle ich mich deutsch. Woran misst man, ob ich integriert bin? An meinem Hochschulabschluss? An meinem Atheismus? Oder wiegen meine schwarzen Haare und mein Terroristenname doch schwerer? Im Alltag habe ich oft das Gefühl, dass es so ist.“

Atalay Gümüsboga (42), Rechtsanwalt in Berlin-Schöneberg: „Innerhalb kurzer Zeit wird einerseits das Zuwanderungsgesetz verschärft und andererseits ein Integrationsgipfel vernstaltet. Das sind widersprüchliche Signale, die beide Seiten überfordern. Deutschland sollte sich endlich entscheiden, ob es die Integration will. Wenn ja, sollte überlegt werden, welchen Beitrag sowohl die Immigranten als auch die Mehrheitsgesellschaft leisten müssen. Mit einseitigen Forderungen an die Adresse der Immigranten, wie bisher, wird es nicht funktionieren.“

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