Integration : Man wird nie Deutscher

Ozan Ceyhun musste das einsehen, als er alles erreicht hatte. Sogar der Kanzler empfing den Politiker. Aber bei Gerhard Schröder passiert es. Da war er wieder nur der Türke. Deshalb ging er fort, in ein Land, in das er auch nicht gehörte.

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Auf der anderen Seite. Sich ganz von Deutschland verabschieden, das will Ozan Ceyhun nicht.
Auf der anderen Seite. Sich ganz von Deutschland verabschieden, das will Ozan Ceyhun nicht.Foto: Agata Skowronek

Erst im Zentrum Deutschlands ist Ozan Ceyhun klar geworden, dass die Deutschen ihn nie ganz akzeptieren würden. Beim Kaffeetrinken mit dem Kanzler war das, vor acht Jahren. Gerhard Schröder, gerade wiedergewählt, wollte sich bei Ceyhun bedanken. Die Bundestagswahl war knapp gewesen. Seinen Wahlsieg hatte er nicht zuletzt den türkischstämmigen Wählern zu verdanken, die Ceyhun mit einem furiosen Wahlkampfeinsatz für die SPD mobilisieren konnte. Das wollte der Kanzler nun persönlich würdigen.

Tiefen Stolz fühlte Ceyhun, als man ihn in das Arbeitszimmer mit Aussicht auf den Reichstag bat. Lange währte das Gefühl nicht. Als Ceyhun den Raum eine halbe Stunde später verließ, hatte er verstanden.

Viel hat der SPD- Politiker über seine Identität nachgedacht. Jetzt hat er die türkische Staatsbürgerschaft beantragt und geht in die türkische Politik.

Manche könnten jetzt denken, er gehe zurück. Aber die liegen falsch. Ebenso falsch wie Gerhard Schröder. Die Begegnung mit dem Bundeskanzler war zunächst so erfreulich verlaufen, wie Ceyhun sich das vorher ausgemalt hatte. Nach dem Händedruck und ein paar passenden Dankesworten erkundigte sich Schröder nach den politischen Plänen seines Besuchers, der damals deutscher Abgeordneter im Europaparlament war und das auch gerne bleiben wollte. Dann lud er ihn zum Espresso ein, ließ zwei Tässchen servieren und plauderte mit ihm über tagespolitische Themen – darunter die Wahlen in der Türkei, bei der die neue AKP von Recep Tayyip Erdogan gerade an die Regierung gekommen war. Damals konnte der Rest Europas noch wenig mit der früheren islamistischen Partei anfangen. „Sag mal, Ozan“, schnitt der Kanzler das Thema an. „Warum haben deine Landsleute eigentlich diesen Erdogan gewählt?“

Unter Platanen an der Küste des Bosporus erzählt Ceyhun von der Unterhaltung, die sein Leben verändert und ihn in den Istanbuler Stadtteil Emirgan geführt hat, wo er aufgewachsen und zur Schule gegangen war, bis er 1980 beim Militärputsch fliehen musste. An ein Leben in der Türkei hatte er als deutscher Staatsbürger und deutscher Politiker, Ehemann einer deutschen Frau und Vater deutscher Kinder nie gedacht, und auch danach ist die Entscheidung erst langsam gereift. Der Schock jenes Augenblicks sitzt ihm noch immer in der Seele, seine Gedanken in jenen Sekunden blitzartiger Erkenntnis sind ihm wie in Zeitlupe ins Gedächtnis eingebrannt. Warum haben deine Landsleute eigentlich diesen Erdogan gewählt?

Sollte er Duzgenosse „Gerd“ wirklich darüber aufklären, dass er gar kein Türke sei und von türkischer Innenpolitik ebenso wenig verstehe wie er? Sollte er ihm vorhalten, dass er sich für seine Unterstützung bedankt und ihn gleich wieder ausgegrenzt hatte?

„Und dann habe ich eine Entscheidung getroffen, ich habe gedacht: nein!“, erzählt Ceyhun. Tausendmal hätte er dem Kanzler wie schon so vielen vor ihm erklären können, dass nicht Erdogan-Wähler seine Landsleute seien, doch es brachte nichts. „Ich habe mir gedacht: Sieh es doch einfach ein, akzeptiere es endlich: Man wird nie Deutscher.“

Ceyhun hält inne, blickt hinaus auf den im Sonnenschein schimmernden Bosporus. Zwischen den lachenden und schwatzenden Istanbulern in dem Straßencafé wirkt er etwas einsam. Als säße er im Schatten einer Einsicht, die damals nicht einfach war für ihn, der sich jahrzehntelang mit Leib und Seele um „Integration“ bemüht hatte.

Ceyhuns Geschichte sagt viel über Empfindlichkeiten, Achtlosigkeiten und Vorurteile, die türkischen Deutschen das Leben in ihrer angenommenen Heimat oft verleiden und die sich auch bei Eliten noch wiederfinden. Ceyhun spricht so gut Deutsch, wie man es nur irgend verlangen kann von jemandem, der eine Sprache erst als Erwachsener gelernt hat. Er hat seine Kinder auf Deutsch erzogen und ihnen Türkisch gar nicht erst beigebracht. Er hat sich die Bestattungsrichtlinie der Gemeinde Nauheim, Paragraf 7, von einer Verwaltungsangestellten diktieren lassen, als Test, um seine Befähigung zur deutschen Staatsbürgerschaft nachzuweisen. Er hat sich als Nazi beschimpfen lassen, als er den Bundesvorstand der Grünen während des ersten Golfkriegs nach Israel begleitete. Und als ein türkischer Bekannter in Rüsselsheim einmal abfällig bemerkte, ein „echter Türke“ trage keinen Ohrring, ließ er sich sofort ein Loch ins Ohrläppchen stechen. Ozan Ceyhun wollte Deutscher sein.

Nicht, dass er sich das ausgesucht hätte. Wer hier am Bosporus so lebt wie seine Familie damals, der verlässt Istanbul nicht freiwillig. Ozan Ceyhuns Vater, Demirtas Ceyhun, war ein prominenter Schriftsteller, die Familie hoch angesehen. Der Sohn ging noch zur Schule, als das Land im Strudel politischer Gewalt versank. Er kann sich erinnern, 17-jährige Schulkameraden aus dem Leichenschauhaus abgeholt zu haben – die linken Gymnasiasten waren den „Straßenkontrollen“ rechter Killertrupps ins Netz gegangen. Der Militärputsch vom September 1980 machte den Straßenkämpfen ein Ende, doch nur die Linken wurden abgeholt, darunter Ceyhuns Vater, der im berüchtigten Metris-Gefängnis eingesperrt wurde. Als sich Soldaten bei seiner Mutter erkundigten, wo er zu finden sei, sprang Ozan Ceyhun in den nächsten Bus nach Bulgarien. Er sollte die Türkei 20 Jahre lang nicht wiedersehen.

Ins hessische Rüsselsheim verschlug es ihn. Nun spricht Ceyhun von Rüsselsheim und vom Landkreis Groß-Gerau als wären es die wichtigsten Ort der Welt. Hier am Main hat er seine Ausbildung gemacht als Erzieher, hier hat er seine Frau geheiratet und die Kinder großgezogen, hier haben ihn die Grünen in die Politik geholt, hier war er viele Jahre lang im Kreistag – und wäre es am liebsten noch immer. Zwar hat die Ausländerbehörde versucht, ihn als „Behördenfehler“ in die Türkei abzuschieben, auch seine schwangere Braut hat man beschuldigt, eine Scheinehe mit ihm eingehen zu wollen.

Zahllose Vermieter haben seiner Frau bei der Wohnungssuche zu verstehen gegeben, dass „Türke“ und „Grüner“ zwei Ü zu viel seien. Aber es war auch ein Rüsselsheimer Bürgermeister, der seine Duldung durchsetzte und ihm den deutschen „Fremdenpass“ verschaffte, als die Türkei seine Papiere einkassierte. Selbst eine Wohnung fand sich am Ende.

Wenn es also irgendwo hätte gelingen können, Deutscher zu werden, dann wäre das in Rüsselsheim gewesen. Doch nicht einmal Ceyhuns Kinder dürfen sich als Deutsche fühlen. „Die Schule, die Gesellschaft …“, seufzt Ceyhun. Seinen jüngeren Sohn Dominik pöbelte der Musiklehrer vor der ganzen Klasse an, was er sich so zu nennen habe: „Mit deinem türkischen Vater solltest du Mohammed heißen.“ Der ältere Sohn, Oliver, wusste von einer Drei-Klassen-Gesellschaft in der Schule zu berichten – „die Kinder deutscher Eltern, die Kinder türkischer Eltern und die Mischlinge“.

Obwohl die Familie in Rüsselsheim weder türkische Nachbarn hatte noch türkische Freundschaften pflegte, umgaben sich beide Söhne mit Türken. Oliver, der inzwischen studiert, hat sich ein Motto in den Arm tätowieren lassen. „Ich bin stolz auf meine Wurzeln“, steht da auf Türkisch in altdeutscher Schrift. Beide Kinder kreiden es dem Vater an, dass sie kein Türkisch sprechen können. „Vielleicht ein Fehler“, wie er heute eingesteht.

Obwohl Familie Ceyhun weiterhin in Rüsselsheim lebt, sitzt Ozan Ceyhun nicht mehr in der Landesverwaltung von Hessen. Er sitzt an der Bosporusküste und sein Smartphone piepst und klingelt pausenlos. In Wiesbaden mag seine Mitwirkung nicht mehr gefragt sein, in der Türkei ist sie es umso mehr. Den türkischen Europa-Minister Egemen Bagis berät er und den nordzyprischen Präsidenten Dervis Eroglu. Das Parlament seiner Geburtsstadt Adana hat ihn zum Berater für Europa- Angelegenheiten ernannt. Selbst dem Bürgermeister des Istanbuler Bezirks, in dem Emirgan liegt, weiß Ceyhun ehrenamtlich zu helfen, und dem Bürgermeister des nächsten Stadtbezirks noch dazu. Sie alle schätzen die Erfahrungen und Kontakte, die er aus fast 25-jähriger politischer Praxis mitbringt.

Das Land seiner Jugend hat sich verändert. Seit die AKP an der Regierung ist, reformiert und demokratisiert sich die Türkei, und ihre Wirtschaft boomt. Der Haftbefehl, mit dem Ceyhun jahrzehntelang von den Putschisten gesucht wurde, besteht nicht mehr, ein Gericht hat ihn von allen Vorwürfen freigesprochen. Mit dieser neuen Heimat kann Ceyhun sich identifizieren. Wenn eine europafreundliche Partei ihn für die Wahlen zum türkischen Parlament im kommenden Jahr aufstellen wollte, stünde er zur Verfügung.

„Ich bin natürlich traurig, dass ich nach 30 Jahren in Deutschland einen Punkt erreicht habe, wo ich mir sagen muss: Ozan, du bist doch ein Türke“, sagt Ceyhun. „Aber“, fährt er fort, „wo mein Grab sein wird, das weiß ich noch nicht.“

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