Politik : Intellektueller in Uniform

THOMAS GACK

Mitten im Krieg muß er gehen.Klaus Naumann, Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, verabschiedet sich aus der Brüsseler Zentrale der Allianz, obwohl alle NATO-Staaten für die Verlängerung seiner Amtszeit plädierten.Bis auf Italien, das seinen eigenen Mann ohne Verzögerung auf den Brüsseler Spitzenposten bringen wollte.Im Vorgriff auf seinen offiziellen Abschied am 6.Mai wurde Klaus Naumann beim Jubiläums-Gipfeltreffen in Washington im Kreis der 19 Staats- und Regierungschefs durch Solana verabschiedet.Der große Beifall, der ihm zuteil wurde, entsprach der Wertschätzung, die er nicht nur bei den Militärs, sondern auch bei den Regierungen der Allianz nach drei Jahren auf dem höchsten militärischen Posten in Brüssel genoß.Es ist kein Zufall, daß Klaus Naumann der am höchsten dekorierte deutsche Offizier seit 1945 ist.

Für die Verbündeten verkörpert der zurückhaltend und eher intellektuell wirkende General die Tugenden einer neuen Generation deutscher Offiziere: hohe Fachkompetenz, großen Fleiß, gepaart mit der intellektuellen Gabe nicht nur zur militärischen sondern auch zur nüchternen politischen Analyse.Diese Fähigkeiten wurden zum ersten Mal auf internationalem Parkett sichtbar, als Naumann Mitte der 80er Jahre im Stab des deutschen Vertreters im Brüsseler NATO-Militärausschuß die Abteilung für Nuklearstrategie und Rüstungskontrolle leitete - eine Nahtstelle zwischen Militärstrategie und Politik.

Der Artillerieoffizier, der 1958 mit 19 Jahren in die Bundeswehr eingetreten war, wurde 1986 als Brigadegeneral in den Führungsstab auf der Hardthöhe berufen.Er galt als Entdeckung Helmut Kohls, der so von ihm überzeugt war, daß er den Generalmajor (zwei Sterne) 1991 an allen Konkurrenten vorbei zum Generalinspekteur der Bundeswehr berief.Um die notwendige Voraussetzung für den Karrieresprung von zwei zu vier Sternen zu erfüllen, wurde Naumann schnell noch zum Kommandierenden General des I.Corps in Münster befördert.Nach einem halben Jahr als ,,KG" bekam er den vierten Stern, eine Seltenheit in der Bundeswehr.

Die logische Fortsetzung der Karriere im Februar 1996 der Wechsel nach Brüssel als Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, des höchsten militärischen Postens der Allianz.Hier war Naumann als militärischer Berater des Bündnisses ganz nahe an der Politik.Der Vorsitzende des Militärausschusses beeinflußt maßgebend die Strategie und die militärisch-politische Planung des Bündnisses.Naumann spielte so in den vergangenen drei Jahren eine Schlüsselrolle bei der strategischen Neuorientierung.

Unter seiner Führung erarbeitete der Militärausschuß nicht nur das neue stragegische Konzept, das beim Washingtoner NATO-Gipfeltreffen vor wenigen Tagen von den 19 Staats- und Regierungschefs verabschiedet wurde.Der deutsche General spielte auch eine maßgebende Rolle bei der Politik der Annäherung der mittel- und osteuropäischen Staaten an das Bündnis.Auf seinen Sachverstand stützte sich der NATO-Rat sowohl in der Bosnien-Krise wie jetzt in der Kosovo-Krise.Naumann und NATO-Oberbefehlshaber Clark mußten nach den gescheiterten Rambouillet-Verhandlungen den letzten Versuch unternehmen, Belgrad zur Umkehr zu bewegen.Sie versuchten, Milosevic die Folgen seines Starrsinns vor Augen zu führen - vergebens.

Wenige Tage später entschied sich das Bündnis für die Luftangriffe.Naumann hat stets davor gewarnt, einen Krieg zu beginnen, ohne vorher genau zu wissen, wie weit man gehen will und wie man den Krieg wieder beenden kann.Einen Weg zu finden, das Regime in Belgrad doch noch in die Knie zu zwingen kann, wird nun Aufgabe von Naumanns Nachfolger sein.

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