Interaktive Politik : SPD eröffnet den Wahlkampf 2.0

Die Sozialdemokraten haben das Web 2.0 für sich entdeckt. Durch ein neues Netzwerk möchte die SPD wieder einen direkteren Draht zu ihren Wählern herstellen. Hält die interaktive Parteizentrale tatsächlich was sie verspricht - und wie gut vernetzt ist die Konkurrenz?

Christian Pommerening
SPD YouTube
Im YouTube-Kanal "SPD Vision" wird Kurt Beck zukünftig Fragen von Usern beantworten. - Screenshot: youtube.com/spdvision

Viele Deutsche sind politikverdrossen, junge Menschen meist gar nicht am politischen Geschehen interessiert. Kein Wunder - fehlt es der Politik zusehends an Transparenz. Mit der SPD geht jetzt die erste deutsche Partei in die Offensive - die Sozialdemokraten eröffnen mit meinespd.net den "Internet-Wahlkampf 2.0".

Die Parteien in den USA haben es vorgemacht, und auch hier setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass es zeitgemäßere Werbemittel gibt als teure TV-Werbespots und Plakate, die am nächsten Tag überklebt oder verschmiert sind. Die SPD sieht sich hierzulande als Vorreiter und gibt sich entsprechend selbstbewusst. Doch was hat die Plattform meinespd.net wirklich zu bieten?

Die Fakten

Rund 11.000 Mitglieder hat die neue Community bereits. Eine Anmeldung dort ist seit Ende Oktober möglich. Die Zahl bestätigt die "große Sehnsucht nach ungekünsteltem Auftritt", wie es SPD-Generalsekretär Hubertus Heil beim Launch der Page erklärte. Dieser Sehnsucht möchte die SPD nun verstärkt nachkommen. Politik zum "mitentscheiden, mitreden und mitgestalten" - so heißt es auf der Seite unter dem lachenden Gesicht von SPD-Chef Kurt Beck.

Der Kern des Web 2.0-Projektes ist das neue Mitgliedernetz. Dort können Freunde der Partei Werkstätten für die politische Arbeit, Diskussions-Foren, Kontaktgruppen, Foto-Alben oder Blogs anlegen. Beck selbst wird sich zudem 14tägig im eigens dafür eingerichteten YouTube-Channel "SPD Vision" ausgesuchten Fragen per Video stellen. Die kann der User per Mail versenden oder direkt als Videobotschaft hochladen. meinespd.net veranstaltet darüber hinaus einen mit 3000 Euro dotierten Videowettbewerb zum Thema "Gute Arbeit", bei dem sich jeder beteiligen kann - egal ob Partei-Mitglied oder nicht. Das gilt im Übrigen für die gesamte Plattform, denn auch Nicht-SPD-Mitglieder können sich nach einer Registrierung dort einklinken, eigene Nutzerprofile oder Beiträge schreiben.

Das Feedback

Jede Community hat eine hohe Anzahl Karteileichen. User, die sich lediglich anmelden, aber nie selbst aktiv in Erscheinung treten. meinespd.net macht da keine Ausnahme. Die Zahl von 11.000 Nutzern relativiert sich dadurch natürlich. Wirft man nämlich einen Blick auf den YouTube-Kanal, sprechen 68 Abonnenten, 3600 Aufrufe und einige wenige Kommentare eine andere Sprache. Das Echo ist dennoch tendenziell positiv, wenn auch kritisch.

Ein Anfang ist gemacht

Immerhin: Mit Kurt Beck stellt sich einer der ersten großen Politiker des Landes im Internet den Fragen des Volkes. Dass der SPD-Vorsitzende deshalb noch lange nicht auf jede Frage eine Antwort hat, fällt allerdings auch der noch überschaubaren Zahl von Abonnenten des YouTube-Channels auf. In der ersten Ausgabe des Video-Dialogs werden konsequenterweise auch nur Themen abgehandelt, deren Antworten vorher bereits bekannt waren. Die Beteiligung in den einzelnen Community-Foren gestaltet sich da schon lebhafter. Dennoch: Verschiedene Threads sind zwar gut gefüllt, aber bis auf ein paar übliche Phrasen und viel entbehrliches Geschwätz findet sich auch dort noch nicht viel Gehaltvolles. Ganz wie in der realen Politik also.

Geschwätz 2.0

Wird meinespd.net womöglich in Kürze zu einem von hunderten sozialen Netzwerken verkommen, die sich nur durch Name und Farbe unterscheiden, oder kann hier tatsächlich Politik gemacht, ja revolutioniert werden? Um der Politik ein neues Gesicht zu geben, bedarf es wahrscheinlich mehr als ein paar Web 2.0-Spielereien. Doch bei aller Kritik: Die SPD ist nicht nur auf dem richtigen Weg, sondern den anderen Parteien in Deutschland auch momentan eine virtuelle Nasenlänge voraus.

Die Anderen

Ob rot, grün, schwarz oder gelb - die virtuelle Darstellung der deutschen Parteien und vor allem deren interaktive Angebote unterscheiden sich in vielerlei Punkten. Mehr dazu in unserer Fotostrecke.

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