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Türkischen Zeitungen

"Jetzt ist Zypern an der Reihe"

Die Türkei plant eine neue diplomatische Initiative zum Zypern-Problem – und auch zur Verbesserung ihrer EU-Chancen.
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Istanbul -  Ahmet Davutoglu ist ein vielbeschäftigter Mann. Innerhalb weniger Wochen hat der türkische Außenminister gleich an mehreren Fronten diplomatisches Neuland betreten. Er hat eine Grundsatzvereinbarung zur Aussöhnung mit Armenien unterschrieben, an der ersten gemeinsamen türkisch-syrischen Kabinettsitzung in Damaskus teilgenommen, mit der Unterzeichnung von fast 50 Vereinbarungen in Bagdad die Beziehungen zum Irak vorangebracht und bei einem Besuch in Teheran mit dem Nachbarn Iran über eine engere Zusammenarbeit gesprochen. Und nun? „Jetzt ist Zypern an der Reihe“, berichten die türkischen Zeitungen. Davutoglu dringt auf eine Lösung für die geteilte Mittelmeerinsel – nicht zuletzt, um die türkischen EU-Chancen zu verbessern.

Zypern ist seit einem griechisch-zyprischen Putsch und einer dadurch ausgelösten türkischen Militärintervention 1974 geteilt. Alle Bemühungen um eine Wiedervereinigung der Mittelmeerinsel sind seitdem gescheitert, zuletzt lehnten die Inselgriechen vor fünf Jahren einen UN-Friedensplan ab. Seit dem vergangenen Jahr laufen neue Friedensverhalndlungen, die aber ebenfalls bisher ergebnislos geblieben sind. Ankara will Bewegung in die festgefahrene Situation bringen und dabei möglichst viele außenpolitische Pluspunkte sammeln.

Vor zwei Wochen ließ Davutoglu knapp 40 türkische Botschafter nach Ankara einfliegen. In einem zweitägigen „Brainstorming“ entwickelten die Diplomaten neue Ideen zur Lösung des Zypern-Konflikts, wie das Außenamt anschließend mitteilte. Kurz darauf war der türkisch-zyprische Volksgruppenführer Mehmet Ali Talat in Ankara zu Gast, wo er auf die neue Linie eingeschworen wurde.

In dieser Woche wendet sich Ankara ans Ausland. Am Donnerstag wird der britische Außenminister David Milliband zu Gesprächen über Zypern in der türkischen Hauptstadt erwartet. Gleichzeitig jettet der türkische EU-Minister Egemen Bagis nach Athen, und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will eine Begegnung mit US-Präsident Barack Obama in Washington am kommenden Wochenende nutzen, um die Amerikaner ins Boot zu holen.

Inhaltlich ruht die türkische Initiative offenbar auf zwei Säulen. Zum einen will Ankara die trotz fast 50 Verhandlungsrunden bisher fruchtlosen Friedensgespräche zwischen Talat und dem griechisch-zyprischen Präsidenten Demetris Christofias voranbringen. Talat soll in sensiblen Fragen einer möglichen Wiedervereinigung wie der Machtbalance zwischen griechischer Mehrheit und türkischer Minderheit in einem wiedervereinigten Zypern mehr Flexibilität zeigen, wie türkische Medien melden.

Der zweite Aspekt ist außenpolitischer Natur. Laut bisher unbestätigten Berichten sucht Ankara nach einem Weg, um den Zypern-Streit mit der EU aus der Welt zu schaffen. Brüssel hat acht Verhandlungskapitel der ohnehin schwierigen türkischen Beitrittsgespräche auf Eis gelegt, weil die Türkei ihre Häfen nicht für Schiffe aus der zur EU gehörenden griechisch-zyprischen Republik öffnen will. Davutoglu will die EU nun offenbar dazu bewegen, das Hambelsembargo gegen den türkischen Inselsektor zumindest etwas zu lockern. Ist dies geschehen, könnten erste türkische Häfen für die griechischen Zyprer geröffnet werden.

Davutoglu hat es unter anderem deshalb eilig, weil er Talat als Garant einer Lösung ansieht – doch der als Reformer geltende Volksgruppenführer muss laut Umfragen bei den Präsidentenwahlen im türkischen Inselteil im kommenden April um seinen Posten fürchten. Zudem argwöhnt die Türkei, dass die griechisch-zyprische Seite auf Zeit spielt: Ohne Lösung auf Zypern kommt die Türkei bei ihrem EU-Prozess auf Dauer nicht voran und könnte deshalb zu immer neuen Zugeständnissen gezwungen werden.

Diese Taktik will Davutoglu durch eine flexible türkische Haltung durchkreuzen. Die Türkei wolle auf Zypern „den Frieden erzwingen“, soll der Außenminister kürzlich im Kabinett von Ankara gesagt haben. Dahinter steht das Ziel des Ministers, in den Beziehungen der Türkei zu allen Nachbarn einen Zustand von „Null Problemen“ herzustellen. Nur dann könne das Land seinen Traum verwirklichen, zu einer regionalen Führungsmacht aufzusteigen, glaubt Davutoglu. Nach seinen diplomatischen Erfolgen im Süden und Osten der türkischen Grenzen wird Zypern nun zur Bewährungsprobe dieser Vision.
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Comment
von peterbricks peterbricks ist gerade offline | 4.11.2009 0:08 Uhr
Recht unklar
scheint das: Die griechisch-zyprische Mehrheit macht einen "Putsch", ein Nachbarland besetzt militärisch (seit über dreißig Jahren) einen Teil der Insel und gründet dort einen nur durch sich selbst anerkannten Satellitenstaat der Minderheit. Die Höhe der Besatzungsstreitkräfte ist recht erheblich, ihr Abzug wäre eine hervorragende Vorbedingung für eine Entspannung, zumal UNO-Truppen vor Ort sind. Wechselseitige Enteignungen müssten natürlich geregelt werden. Die Opferzahlen auf beiden Seiten waren nicht unerheblich. Und die Gegensätze resultieren aus Aggressionshandlungen durch die Jahrhunderte.
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von gezdik gezdik ist gerade offline | 4.11.2009 12:03 Uhr
@peterbricks
Sie scheinen ein 'winziges' Detail zu übersehen: der Hauptgrund der türkischen Militärintervention diente dem Schutz der türkischen Zyprioten. Im Gegensatz zu den Griechen hatten die Türken nämlich keine Pläne, Zypern an die Türkei anzuschließen. Die Zahlreichen Übergriffe auf die türkische Minderheit (die man auch als Massaker bezeichnen könnte), der Umstand, daß diese Minderheit nach 1964 an der zypriotischen Politik nicht mehr beteiligt wurde und daß es dem größten Teil dieser Minderheit (?aus diesem Grund?) wirtschaftlich gesehen ziemlich schlecht ging konnte nicht länger hingenommen werden. Da England und die anderen Nationen dieser Erde keine Interesse daran hatten, das Leben und die Interessen der türkische Minderheit auf Zypern zu beschützen, hat die Türkei von ihrem Anspruch als Garantiemacht gebrauch gemacht....seitdem gibt es kein Blutvergießen mehr.
Natürlich ist dieser Zustand nicht Ideal. Es wäre wünschenswert, wenn es zu einer Wiedervereinigung auf der Insel kommen würde. Die Wiedervereinigung macht aber erst dann einen Sinn, wenn die Inselbewohner im Norden und Süden eine gemeinsame, zypriotische Gesellschaft bilden, in der alle ihre Bürger (unabhängig von Herkunft und Religion) die gleichen Rechte besitzen. Die UNO-Truppen können das nämlich weder garantieren, noch bewirken. Wenn die Menschen auf dieser Insel bereit sind gleichberechtigt und friedlich miteinander zu leben, kann das türkische Militär nach Hause gehen...
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von peterbricks peterbricks ist gerade offline | 4.11.2009 13:25 Uhr
Es ist schön,
wie die völkerrechtswidrige Aggression und dauerhafte Besetzung hier verteidigt werden kann. Im Tagesspiegel wurden vor längerer Zeit einmal die Opferzahlen beider Seiten bei dieser Auseinandersetzung verglichen...
Ein offenbar türkischer Vetreter verstieg sich im Forum sogar zu der Behauptung, die Engländer hätten in den zwanziger Jahren überhaupt erst Griechen auf Zypern angesiedelt oder eine Einwanderungswelle ausgelöst. Es geht nicht an, dass da, wo man Minderheit ist, massivst Rechte eingefordert werden, während sich die eigene Unterdrückung von Minderheiten durch die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit zieht.
Vielleicht muss auch erst einmal "international unabhängig und historisch neutral" untersucht werden, ob der türkische Staat überhaupt eigene Truppen auf der Insel unterhält, wie das so gerne in ähnlichen Fällen gefordert wird.
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von gezdik gezdik ist gerade offline | 4.11.2009 20:44 Uhr
Diese 'völkerrechtswidrige Aggression'...
...und 'dauerhafte Besetzung' ist zwar nicht schoen, sie hat aber das Blutvergiessen auf dieser Insel beendet. Das ist eine Tatsache, die nicht nur peterbricks nicht uebersehen sollte...


Zitat von peterbricks

Im Tagesspiegel wurden vor längerer Zeit einmal die Opferzahlen beider Seiten bei dieser Auseinandersetzung verglichen...


Ich kenne die genauen Opferzahlen nicht. Die muss ich auch nicht kennen, weil man weder das Leid, noch die Anzahl der Opfer gegeneinander aufwiegen sollte...


Zitat von peterbricks

Ein offenbar türkischer Vetreter verstieg sich im Forum ...


Was die anderen 'Vetreter' tuerkischer oder nicht-tuerkischer Herkunft hier in diesen Foren verbreiten, interessiert mich ehrlich gesagt nicht. Ich bin nur verantwortlich fuer das, was ich hier schreibe.


Zitat von peterbricks

...die Engländer hätten in den zwanziger Jahren überhaupt erst Griechen auf Zypern angesiedelt oder eine Einwanderungswelle ausgelöst.


Mich interessiert auch nicht die Reihenfolge der Besiedlung dieser Insel. Wenn alle Menschen in ihre Urspruchgsgebiete zurueckkehren muessten, gaebe es ein riesengrosses Chaos und jede Menge Kriege.


Zitat von peterbricks

...dass da, wo man Minderheit ist, massivst Rechte eingefordert werden, während sich die eigene Unterdrückung von Minderheiten durch die Jahrhunderte...


Das Recht auf ein unversehrtes Leben, das Recht zu waehlen, gewaehlt zu werden, in der oeffentlichen Verwaltung mitzuagieren... all das sind Rechte, die man als Buerger eines Landes automatisch bekommen sollte. Zu welcher Minderheit man gehoert, sollte dabei keine Rolle spielen. Soweit ich informiert bin, sind diese Rechte in der Tuerkei allen Minderheiten zugaenglich.
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von gezdik gezdik ist gerade offline | 4.11.2009 20:47 Uhr
Basis fuer das Zusammenleben...
...von verschiedenen Ethnien ist gegenseitiges Vertrauen. Dieses Vertrauen wurde durch die Enosis-Bewegung und die damit verbundenen paramilitaerischen Angriffe der EOKA empfindlich gestoert. Die Tatsache, dass ein ehemaliges EOKA-Mitglied das Amt des Praesidenten im Sueden Zyperns ausuebte (und zwar bis zu seinem Tod im Jahre 2008!), zeigt ziemlich deutlich, wie sehr die Insel-Griechen um Vertrauensgewinnung und Versoehnung bemueht sind. Und die Tatsache, dass ein gewisser Mister Bricks in seinem letzten Satz seines letzten Kommentars sich ueber meine bisherigen Beitraege Lustig zu machen scheint, zeigt mir persoenlich, dass er ein User ist, dessen Meinung ich nicht so ernst nehmen muss...

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