Markus Kaim von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik über Afghanistan, die Taliban und den Bürgerkrieg.
Herr Kaim, gibt es gemäßigte Taliban?
Die Erfahrung lehrt uns, dass Bürgerkriege dauerhaft nur beendet werden können, wenn es gelingt, die kämpfenden Parteien ins politische System zu integrieren. Wenn wir in drei bis fünf Jahren unsere Truppen aus Afghanistan abziehen und eine selbsttragende Sicherheit haben wollen, dann führt kein Weg daran vorbei, die Taliban einzubinden.
Lassen sich die Gemäßigten von den Nichtgemäßigten überhaupt unterscheiden?
Das ist das Problem: Es ist eine Fiktion zu glauben, wir könnten uns die Guten aussuchen, um mit denen zu verhandeln. Die „Bösen“ sind so mächtig, dass man moralisch Kompromisse machen muss. Das betrifft die Taliban mit ihren Vorstellungen von Erziehung und Bildung von Mädchen zum Beispiel. Noch viel eklatanter aber ist das bei den Warlords, Leuten, die Blut an den Händen haben.
Gibt es rote Linien, die auf keinen Fall überschritten werden dürften?
Schwierig zu sagen. Wir müssen uns angewöhnen, an vielen Punkten die Afghanen selber bestimmen zu lassen. Ein Grundfehler des Einsatzes bisher war es, unsere Ordnungsvorstellungen an den Hindukusch exportieren zu wollen. Das ist im Desaster geendet. Wir müssen uns damit begnügen, bestimmte Mindeststandards, zum Beispiel einer guten Regierungsführung, durchzusetzen.
Kündigt sich jetzt ein Strategiewandel an?
Da wäre ich vorsichtig. Was die deutsche Politik im Moment charakterisiert, ist eine gewisse Ratlosigkeit. Wir sehen, dass trotz erhöhten Engagements die Resultate bescheiden sind: Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, die Wahlen waren von Manipulationen überschattet.
Was ist überhaupt noch zu erreichen?
Es hat eine gewisse Nüchternheit Einzug gehalten. Deshalb sind, was vor zwei Jahren noch zurückgewiesen wurde – Gespräche mit Taliban – heute eher denkbar als ein Instrument, Afghanistan erst einmal zu befrieden und dann zumindest militärisch verlassen zu können.
Was wäre politisch das am dringendsten Gebotene, um bald abziehen zu können?
In der Vergangenheit wurden zwei Fehler gemacht. Wir haben uns verzettelt und zu viele Dinge gleichzeitig gewollt. Und wir haben geglaubt, die Aufgabe sei in verhältnismäßig kurzer Zeit mit überschaubaren Mitteln zu bewältigen.
Was muss jetzt passieren?
Wir müssen zurück zum UN-Mandat und Sicherheit im gesamten Land gewährleisten, um den zivilen Wiederaufbau gewährleisten zu können.
Das heißt, auf die militärische Komponente kann nicht verzichtet werden?
An einer Erhöhung der Truppenstärke geht angesichts der begrenzten Zeit in Afghanistan und der sich verschlechternden Sicherheitslage kein Weg vorbei.
Bisher haben Kanzlerin und Außenminister wenig Sympathie dafür erkennen lassen – und die SPD wandelt sich in der Opposition gerade zur Friedenspartei...
Wenn wir die Mission Afghanistan so ernst nehmen, wie die Politik dauernd behauptet, geht es nicht anders. Wenn wir sehen, dass die Erfolge bisher ausgeblieben sind, dann müssen diejenigen, die sagen, wir brauchen Ausbilder statt Kampftruppen, eine Antwort darauf geben, wie sie damit umgehen wollen, dass bereits heute weite Teile Afghanistans für westliche Wiederaufbaubemühungen nicht zugänglich sind. Ich sehe diese Antwort nicht.
Markus Kaim ist Leiter der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Das Gespräch führte Michael Schmidt.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.12.2009)
Kommentare [ 17 ] Kommentar hinzufügen »
Die Amerikaner haben übrigens seit 2001 "zugeschlagen", und mit welchem Erfolg?
Der bereits verblichene "Erfolg" Surge im Irak ist der reichlichen Düngung des Sunnigebiets mit Greenbacks zu verdanken. Nachdem diese Zahlungen eingestellt worden sind, nehmen auch die Anschläge an Häufigkeit und Heftigkeit dramatisch zu, ganz abgesehen davon, dass die Zentralregierung in Bagdad keinerlei Kontrolle über die Kurdengebiete hat. Das steht aber nicht mehr in ihrer Mainstreampresse, weswegen in Irak alles paletti ist, nicht wahr?
> bomben/-gelder/-isten aus diesem islamistischen Moloch in mein Land kommen.
Das koenne Sie auch moechten, die Mehrheit der Deutschen lehnt aber den Militaereinsatz ab.
In einer Demokratie wuerde die Regierung sich verpflichtet fuehlen, dem Wunsch dieser Mehrheit zu folgen :-)
Ansonsten ist es mit einigen hundert oder tausend zusaetzlichen Soldaten nicht getan, und welches Land ist bereit weitere zehntausende Soldaten fuer unbegrenzte Zeit zu schicken und zu finanzieren? Selbst die inzwischen marode USA ist ja dazu nicht in der Lage.
Was meinen Sie warum der NATO in Moskau um Hubschrauber, Waffen und Soldaten bettelt?
wurden gefeiert, wenn es ihnen gelang einen Schlag gegen die UdssR Soldaten zu führen, ihr Mut war viele Zeilen wert.
Jetzt stellten sie sich gegen die Isaf Truppen. Im Land herrscht eine korrupte Gruppe mit ihren Warlords, Wahlen sind eine Farce, was auch von neutraler Seite bemängelt, aber nicht abgestellt werden konnte.
Mit wem schliesst man da Verträge und schützt seine Absichten?
Aber Spass beiseite - @klaus_weiss hat den Nagel - wieder einmal - auf den Kopf getroffen. Denn all diejenigen, die jetzt plötzlich die Taliban einbeziehen wollen, scheinen sich immer noch der Illusion hinzugeben, dass man diesen nur ein wenig Geld und ein paar Posten geben müsse, und schon wäre der Widerstand überwunden. Dass sie erklärtermassen die ausländischen Truppen aus dem Land haben wollen, scheint man nicht Ernst zu nehmen - sollte man aber.
Im Unterschied zu uns haben die Taliban - überwiegend Paschtunenstämme - alle Zeit der Welt, diesen Krieg weiterzuführen. Die Geburtenrate pro Frau liegt bei 6, d.h. es gibt genügend zweite und dritte Söhne, die nichts werden können, es sei denn, sie suchen Ehre und Ruhm auf dem Schlachtfeld. Die materiellen Resourcen für diesen Krieg liefert der Westen selber: Wir sind die zahlenden Endkunden des Drogenhandels, und Waffen, Treibstoff und andere Versorgungsgüter fallen den Taliban regelmässig reichlich in die Hände oder werden von diesen mit hohen Wegezöllen belegt.
2. Nicht ein einziger Afghane hat internationale Terroranschläge zu verantworten. Nicht ein einziger hoher Würdenträger des Westens, eigentlich doch das Ziel des Terrors, ist bisher Opfer eines Anschlags geworden. Fällt Ihnen etwas dazu ein?
3. Die Krieger-Rocker-Truppe wurde in Texas hofiert, mit erlesenen Speisen bedacht und von Kissinger umgarnt. Fällt Ihnen etwas dazu ein?
4. Thomas Goutierre, ein "Bildungs""wissenschaftler" der Universität Nebraska, entwarf die Schulbücher für junge Jihadisten und solche, die es werden sollten. Der Mann war erfolgreich. Die Taliban bedankten sich persönlich bei ihm -- während eines Besuchs von Mt. Rushmore.
5. Der irakische Surge bestand im Kaufen der Erweckungssunniten. Das Geld war voriges Jahr alle. Fällt Ihnen seitdem etwas auf? Der afghanische Surge berichtet von einem Mangel an Feindberührungen, wie im Irak. Fällt Ihnen etwas auf? Was wissen Sie überhaupt über asymmetrische Kriegsführung?
6. Ihr Nazi-Vergleich ist lächerlich. Die Afghanen haben keinen Raub- und Vernichtungskrieg begonnen, sondern sind das Opfer einer geostrategischen Besatzung geworden. Dagegen steht ihnen jedes Recht auf Widerstand zu. Kurioserweise mußte Erös seine Kliniken und Praxen schließen, als sich Soldaten um seinen Schutz kümmerten. Fällt Ihnen dazu etwas ein?
7. Im übrigen: Ich bin ein Mann!
2. "Nicht ein einziger Afghane hat internatinale Terroanschläge zu verantworten" - wirklich?
Wer hat dann die 9/11-Attentäter ausgebildet? Wo wurden die Videos gedreht? Im Kohleabbaugebiet in der Lausitz?
"Nicht ein einziger hoher Würdenträger des Westens, eigentlich doch das Ziel des Terrors, ist bisher Opfer eines Anschlags geworden."
Ziel des Terrors soll die "ungläubige" westliche Bevölkerung sein - New York 9/11: 3018 Tote (die restliche Aufzählung spare ich mir jetzt).
3. "Die Krieger-Rocker-Truppe wurde in Texas hofiert, mit erlesenen Speisen bedacht und von Kissinger umgarnt" - das waren die Mudschahidin, nicht die Taliban. Die Taliban kamen erst in den 90ern aus Pakistan.
4.Thomas Goutierre - finde ich noch nichtmal mit Google, da ist die obskure Website wohl schon im Orkus verschwunden.
@NATO erwähnte Drogengelder.
2. Wer hat dann die 9/11-Attentäter ausgebildet? Wo wurden die Videos gedreht?
Die Ausbildung übernahmen US-Flugschulen, davor gabe es eine Hochschule in Hamburg. Zu den Videoaufnahmen empfehle ich Ihnen Jason Burke: "Al Qaeda". Bin Laden mußte seine in die Luft ballernden angeblichen Anhänger für das Video bezahlen.
3. Ziel des Terrors soll die "ungläubige" westliche Bevölkerung sein
Aus der Fatwa bin Ladens geht das nicht hervor. Die bildet angeblich die Ideologie des Kampfs gegen den Westen. Klick!
4. Thomas Goutierre - finde ich noch nichtmal mit Google
"Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 5.200 für goutierre thomas. (0,34 Sekunden)"
5. das waren die Mudschahidin, nicht die Taliban ... Die Taliban kamen erst in den 90ern aus Pakistan.
Zwei Mythen auf einmal. Die Koranschüler gibt es seit Hunderten von Jahren. Sie arbeiteten als Dorfschullehrer oder Schlichter in Alltagsfragen. Sie meuterten bereits im Frühjahr 1979 gegen die Entscheidung der Zentralregierung, Mädchen das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen und Zwangshochzeiten zu verbieten. Wenn Sie sich ansehen, wo diese Unruhen stattfanden, fällt Ihnen bestimmt etwas auf. Geben Sie sich Mühe.
Für diesen hervorragenden Beitrag zur Demokratisierung Afghanistans und zur Befreiung vom kommunistischen Joch wurden sie auf Brzezinskis Anraten durch Carter unterstützt. Die Sowjets sollten zum Einmarsch provoziert werden und anschließend ihr Vietnam erleben. Hat geklappt. Übrigens müßten Sie nach Ihrer These erklären, wie ein paar versprengte Radikale das schafften, was hundertausende Russen nicht erreichen konnten: das Land unterwerfen. Das ist absurd.
In Ahmed Rashids "Taliban" finden wir ab Seite 157 zwei Kapitel ("Romancing the Taliban I" und "II"), die sich mit Unocal, CentGas, der Unocal, dem CIA und dem ISI befassen. Lesen Sie sie.
Das sollen nur moralische Kompromisse sein? Sollen die dann landesweit eingegangen werden? Oder sollen Taliban nur regional begrenzt Einfluss auf die Zukunft von Mädchen erhalten? Büschn Scharia mal so hier und da? Und das heißt dann, dass eine ordentliche Regierungsarbeit möglich wäre?! Ähm, wie soll die wohl aussehen?
Immerhin: Ohne Truppen im Land können wir uns zufrieden zurücklehnen, denn aus den Augen, aus dem Sinn. Außer, zwei, drei Reportagen im Jahr berichten, dann kann man sich moralisch über dieses schlimme Land entrüsten. Wir haben ja schließlich unser Bestes getan.
Natürlich passt das nicht in das Bild, das man sich von den Ereignissen dort macht.
Schwierig zu sagen. ....."
Markus Kaim nennt es : Schwierig zu sagen ...
Die Frage für mich ist eher: brauchen wir solle Stiftungen für die der gute Herr Kaim arbeitet ?
Da denke ich auch an unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan.
Machen wir uns klar, was ihr Dienst bedeutet?
Alexander S. aus Spremberg wurde nur 23 Jahre alt
„Ali“ wurde Alexander S. von seinen Freunden genannt. Von den Freunden, mit denen er keine Party ausließ, Radtouren unternahm, Männertage feierte. Freunde, zu denen auch seine ältere Schwester Caroline gehörte und der Großcousin Robert, mit dem er im FSV 1895 Spremberg gemeinsam Fußball spielte. Mit dem er gemeinsam vor einer Woche als Hauptgefreiter nach Afghanistan aufbrach. „Die Jungen finden hier doch keine Arbeit“, sagte eine Verwandte der B.Z. „Da gehen sie eben zur Bundeswehr.“