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Tibet-Konflikt

Ein Foto und seine Geschichte

Im Internet kursiert ein Bild als Beleg für Chinas fragwürdiges Vorgehen in Tibet. Ein polnischer Mönch hat es in alle Welt verschickt. Doch es stammt aus einer Filmproduktion.
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Die Soldaten bereiten sich auf ihren Filmauftritt vor. - Bild: Internet
Berlin -  Im Internet zirkuliert derzeit ein Foto, das wegen der aktuellen Tibet-Debatte und der Kritik an Chinas Vorgehen hohes Konfliktpotenzial hat. Das Foto zeigt Männer in Armeekleidung und mit kahlgeschorenen Köpfen, die dabei sind, ihre Uniformen gegen tibetische Mönchskutten auszutauschen. Der Begleittext behauptet, es handele sich um chinesische Soldaten, die als Agents Provocateurs in Tibet Unruhen schüren würden.

Radoslaw Araszkiewicz hat den Text geschrieben. Der polnische Mönch lebt mehrere Monate im Jahr in Nepal. Das Foto, sagte er dem Tagesspiegel, habe ihm ein tibetischer Freund aus Lhasa geschickt. Und er bekräftigt: Ja, es zeige chinesische Soldaten kurz vor ihrem „Einsatz“ als tibetische Mönche. Er habe das Foto weltweit verschickt, sagt Araszkiewicz, um den Tibetern im Kampf gegen die chinesischen Unterdrücker zu helfen. Die Empfänger seines Briefes haben dann ihren Teil zur weiteren Verbreitung des Fotos und seiner Legende beigetragen. Das Bild wurde rund um den Erdball verschickt: nach Polen, in die USA, nach Kanada – auch in die Redaktion des Tagesspiegels.

Offenbar waren viele Empfänger vom Wahrheitsgehalt der Geschichte überzeugt. „So etwas kommt mir sehr bekannt vor“, sagt zum Beispiel Ewa Lajer-Burcharth, polnische Professorin für Kunstgeschichte an der US-Universität Harvard in Massachusetts. Das Foto erinnere sie an Provokationen, wie sie sie während der Zeit des Kommunismus in Polen erlebt habe. In Kanada veröffentlichte das Internetmagazin „Canada Free Press“ das Bild, jedoch mit der Erklärung, ein britischer Geheimdienstsatellit habe die Fotografie aufgenommen.

Die Realität sieht aber offenbar anders aus: „Bei dem Bild handelt es sich um ein Foto, das während der Dreharbeiten zu einem Abenteuerfilm gemacht wurde – und zwar schon vor sieben Jahren“, sagt Adam Koziel, Tibet-Experte der Helsinki-Stiftung für Menschenrechte dem Tagesspiegel. Die chinesischen Soldaten seien Statisten. Offenbar habe ein Mitglied des Filmteams die schauspielernden Armeeangehörigen fotografiert, „zu Dokumentations- oder Erinnerungszwecken“. Bei dem Film handele es sich um „The Touch“ des Hongkonger Kameramanns („Tiger & Dragon“) und Regisseurs Peter Pau, mit Michelle Yeoh in der Hauptrolle. Der Film, 2001 in Nepal, China und Tibet gedreht, erzählt die Geschichte eines Herumtreibers und seiner Ex-Geliebten. Die beiden jagen einem Medaillon in Herzform hinterher, das der Schlüssel zu einem buddhistischen Heiligtum ist und dessen Besitz die Weltherrschaft verspricht.

Rückendeckung für seine Version der Geschichte erhält Koziel von der Menschenrechtsgruppe Internationale Kampagne für Tibet (IKT), die bestätigt, dass es sich um ein Bild von der Produktion des Films „The Touch“ handele. Adam Koziel zweifelt auch nicht an den guten Absichten derer, die das Foto verbreitet haben, gibt aber zu bedenken: „Chinas Armee besteht ja nicht aus Idioten – die Soldaten würden sich nie in aller Öffentlichkeit auf der Straße verkleiden“. Zudem verweist er auf jene Leute auf dem Bild, die ganz offensichtlich nicht zum Filmteam gehören oder an der Produktion teilnehmen, sondern neugierig die Dreharbeiten, beziehungsweise deren Vorbereitung, beobachten.

Das Foto und der Artikel sind inzwischen von der Website von „Canada Free Press“ verschwunden. Die Internetkarriere des Bildes und seiner Legende dürfte dennoch weitergehen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.04.2008)
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Comment
von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade offline | 26.4.2008 22:47 Uhr
Wir werden belogen, egal von wem
Beim heutigen Stand der Technik könnte man Bush, bin Laden und Blair in einer Höhle gemeinsam Poker spielen und gelegentlich "Alahu akbar!" ausrufen lassen, lippensynchron und sehr mit sehr theatralischen Gesichtszügen, wahlweise mit einem blutigen Messer in der Hand. Fotos, Filme, Ton"dokumente" beweisen gar nichts mehr. Bleibt nur noch der Rückfall in die Religion des Mittelalters: Glauben, weil's der Gute gesagt hat, brennen, wenn man den Guten öffentlich für den Bösen hält -- und immer auf der Hut sein, wenn der Wind sich dreht.
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von camino camino ist gerade offline | 27.4.2008 11:50 Uhr
@klaus weiss: Wir werden belogen, egal von wem
Amen dazu! Es gibt aber noch ein einfaches Mittel, den Medien-Krieg zu hinterfragen und abzuklopfen, das uns von den Römern überliefert wurde, nämlich die Frage: cui bono? -- wer profitiert davon?

Bei diesem Thema hier wäre es einfach unvorstellbar gewesen, dass die offizielle chinesische Seite in Vorbereitung auf Olympia in Tibet Unruhe stiften wollte, ausgerechnet durch 'agents provocateurs' -- heller Wahnsinn, so etwas auch nur anzudenken.

Wenn 'cui bono?' nicht anwendbar ist, bleibt immer noch 'Ockhams Messer' -- ebenfalls sehr praktisch und wissenschaftlich anzuwenden.

Die Argumente unserer eigenen Regierung erscheinen mir immer fadenscheiniger und argumentativ verschlissener, ob es nun um unseren Einsatz in Afghanistan geht (Gelächter!), um unseren Verbleib in der NATO (Tränen, nichts als Tränen ...), oder um den EU-Vertrag (Verfassung ist dann im Mülleimer!).

'Cui bono?' wird von mir überall angewandt.

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von stratto stratto ist gerade offline | 27.4.2008 13:18 Uhr
Demagogie und Desinformation
Das müßte dann auch in der anderen Richung angewandt werden, hier heißtes wohl eher, ich will nur das zur Kenntnis nehmen, was meinen Standpunkt stützt.In der Tat ist die Kontrolle über die Bilder immer wichtiger geworden und gar wichtiger als das Gewinnen von Schlachten, wie Virilio überzeugend ausführt. Wenn China nun als totalitärer Staat über die Ausweisung aller unabhängigen Berichterstatter die Kontrolle über die Bilder und Interpretationen gewinnen will, werden solche raren Bilder herumgereichtert und die Wahrscheinlichkeit steigt, daß dieses lnaciert werden. Man sollte jedoch nicht den Pekinger Kadern die Möglichekit geben, hierüber das gesamte brechtigte Aliegen in Tibet zu diskrediteren. Dann wird man selbst zum Spielball einer diktatorischen Propaganda.Zu den Methoden dieses Staates auch:www.cicero.de/97.php?ress_id=1&item=2532

Demagogie und Desinformation heißt eben auch,aus einem Nebenaspekt ein zentrales Moment der Diskreditierung wachsen zu lassen
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von namlob1 namlob1 ist gerade offline | 27.4.2008 10:09 Uhr
Desinformation
Es ist schon iteressant mit welchem Engagement die "Tibetlobby" die olympischen Spiele zum Anlass nimmt, antichinesische Desinformation zu betreiben und die "westliche Welt" geradezu begierig darauf ist, jede Art von Desinformation "aufzusaugen". Man sollte denken, dass wenigstens die verantwortlichen Politiker fähig und in der Lage sind, sich seriös zu informieren und danach zu handeln - aber weit gefehlt. Ich betrachte Erwin Wickert (China von innen gesehen) Raymond Cartier (Mächte und Männer unserer Zeit) und den "Großen Plötz" als einigermaßen seriös. Danach wurden Christen aus Tibet vertrieben, wurde Tibet durch China vor einfallenden Nepalesen geschützt, das Volk der Tibeter in Leibeigenschaft gehalten (noch während der "Amtszeit" des 14. Dalai Lamas bis zu seinem Exil). Also: von einer Beachtung der Menschenrechte durch den gegenwärtigen Dalai Lama kann beim besten Willen nicht die Rede sein, allenfalls von einem guten Organisationsgeschick der Anti-Olympia-Gruppen.
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von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade offline | 27.4.2008 17:42 Uhr
@camino
Cui bono funktioniert nur, wenn man die wahren Machtgefüge durchschaut hat. Es ist aber der Zweck der Desinformation, genau davon abzulenken. Ich behaupte, keiner, auch nicht unsere sich allwissend gebenden Abgeordneten, kann mehr durchschauen, wer am Ende der Strippenzieher ist und in wessen Interesse er handelt. Investigativer Journalismus findet nicht mehr statt. Es werden gedankenlos Agenturmeldungen mit leicht veränderten Sätzen als Eigenproduktion vermarktet, es werden sogenannte "Tatsachen" neoliberal nachgeplappert (siehe Rentenlüge), während, und das ist das eigentliche Verbrechen, Andersdenkende in unseren Medien bis auf Dreiwortsätze nicht mehr zu Wort kommen. Journalisten kommen mir heute so vor, als schrieben sie, wie weiland in der DDR, immer mit einer Schere im Kopf, und das, obwohl wir in einer Demokratie leben. (Na ja, lt. Scholl-Latour in einer Plutokratie, aber der gilt für einige hier ja auch schon als Kommunist.)
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von 10827er 10827er ist gerade offline | 27.4.2008 18:56 Uhr
Erinnert sich noch jemand
an die angebliche Krankenschwester aus Kuwait,die heulend im Fernsehen berichtete,dass die bösen Iraker auf der Kinderstation eines kuwaitischen Krankenhauses ein Massaker veranstaltet hätten ?
Das Video wurde als Propaganda für den Einmarsch im Irak gedreht.Erst hinterher flog der Schwindel auf.
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von stratto stratto ist gerade offline | 27.4.2008 20:20 Uhr
Teufel oder Belzebub...
Aber Camino, es gibt eben auch eine blühende Verschwörungsindustrie, die aus Widersprüchen ein Zerr-Weltbild ableitet. Auch der hier zitierte Adam Koziel, Tibet-Experte der Helsinki-Stiftung für Menschenrechte, geht anders als hier nun gezielt suggeriert, sehr wohl davon aus, daß es brutale und willkürliche Übergriffe der chinesischen Sicherheitskräfte in Tibet gegeben hat, siehe www.gazetawyborcza.pl/1,76842,5046829.html mit zahlreichen Toten.

Es ist natürlich immer eine Frage der Interpretation solcher Vorgänge. Diese falsche Bildzuordnung aber nun als einen Nachweis dafür zu werten, daß der Tibet Konflikt angeblich von der 'US-Propaganda' erzeugt worden sei, heißt zum willigen Konspiranten der Gegenpropagnada zu generieren. Das ist ja wohl nicht die Alternative.

Auch im totalitären China weiß man sehr wohl, wie man Bilder kontrolliert und Widersprüche für Propagandazwecke instrumentalisieren kann. Menschenrechte aber sind nicht relativ, sondern unteilbar.
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von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade offline | 27.4.2008 20:58 Uhr
@10827er
Der wahre Schwindel begann schon vorher: Während eines Gesprächs zwischen dem Irak und der US-amerikanischen Botschafterin ließ die verlauten, ein Einmarsch in Kuwait würde von den USA als interne Angelegenheit des Irak behandelt. Das war die Falle, die man Saddam stellte, und der war so blöd, daran zu glauben.
Ein Schelm auch, wer glaubt, die von den USA initiierten Aufstände der Schiiten im Süden seien eine Unterstützung für die Opposition im Irak gewesen. Nein, denn die Hilfe durch die (ähnlich wie die Rote Armee vor Warschau) bereitstehenden US-Truppen fiel aus -- weil man die Schiiten schwächen wollte. Im Grunde heißt das, der zweite Irak-Krieg war damals schon geplant.
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von fintevogel fintevogel ist gerade offline | 15.5.2008 21:12 Uhr
agents provokateurs
Auch unsere denokratischen Regierungen in Deutschland leisten es sich regelmäßig immer wieder sogenannte "agents provokateurs" zwischen friedliche Demonstranten einzuschleusen. Das haben die Chinesen sicher nicht nötig, wo es ja nicht mal freie Journalisten gibt!

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