Isaf in Afghanistan : "Mehr Soldaten heißt: Mehr Tote"

Während sich im Südosten Afghanistans die Situation zusehends verschlimmert, versuchen deutsche Soldaten im Norden für Ruhe zu sorgen. Künftig stellt Deutschland sogar die Kampftruppe "Quick Reaction Force" und im Herbst soll das deutsche Kontingent um 1000 Soldaten aufgestockt werden. Doch dieser Krieg kann nicht gewonnen werden - zumindest nicht militärisch, glaubt Reinhard Erös, ehemaliger Oberstarzt der Bundeswehr. Drei Argumente gegen den Krieg.

Ein Gastbeitrag von Reinhard Erös
Erös
Reinhard Erös. -Foto: dpa

BerlinMan kann aus verschiedenen Gründen eine Erhöhung des Kontingents der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ablehnen:

1) "Aus grundsätzlichen pazifistischen Gründen bin ich gegen jede Art von Krieg."
2) "Deutsche Soldaten sollen nie wieder Kriege in fremden Ländern führen, sondern sind ausschließlich zur Landesverteidigung vorzusehen."
3) "Was gehen uns die Afghanen an? Die sollen ihre Probleme gefälligst selbst und nicht auf unsere Kosten lösen. Wir haben bei uns zuhause genügend eigene Sorgen."

Diese Begründungen teile ich als ehemaliger Berufsoffizier und alter Freund der Afghanen nicht. Ich lehne die geplante Erhöhung der Truppenstärke von Isaf und der Bundeswehr vor allem deshalb ab, weil mit ihr keine radikale Strategieänderung einhergeht. Ein "Weiter so" - nur mit einigen tausend Soldaten zusätzlich - verschärft die Probleme des Landes, gefährdet unnötig das Leben unserer jungen Soldaten und erhöht das Risiko islamistischer Terror-Angriffe weltweit.
 

1. Anschläge, gefallene Soldaten und getötete afghanische Zivilisten – die Zahlen werden weiter steigen

Die Anzahl der Isaf-Soldaten in Afghanistan ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Von 2002 bis 2004 waren es wenige Tausend Soldaten, die – politisch fatal und strategisch falsch – fast ausschließlich in Kabul und ab 2005 auch in einigen Nordprovinzen eingesetzt wurden. Die Kopfstärke wurde von Jahr zu Jahr erhöht. Heute nach fast sieben Jahren sind etwa 50.000 Mann aus 30 Ländern in allen Landesteilen stationiert. Ein paschtunischer Freund zitierte neulich ein deutsches Sprichwort aus alten Zeiten:"Viel Feind - viel Ehr" und er ergänzte: "Mehr Feind - mehr Ehr". Seit 2004 hat sich die Anzahl der gefallenen Isaf-Soldaten vervierfacht (von 58 im Jahr 2004 auf 232 Tote in 2007). Mit 110 Toten schon in den ersten fünf Monaten ist für 2008 ein neuer "Rekord" zu erwarten. Im Mai 2008 gab es erstmals mehr tote westliche Soldaten in Afghanistan als im Irak. Was sind die Gründe für diese fatale Entwicklung?

Die forcierte asymmetrische Kriegsführung auf westlicher Seite (High-Tech-Krieg versus "Barfuß-Soldaten") hatte auf Seiten der Aufständischen eine dramatische Steigerung von IED – billige, einfach zu bauende aber hochwirksame, ferngezündete Primitivbomben an Straßenrändern - und der bis 2002 in Afghanistan unbekannten Selbstmordanschläge zur Folge (sieben Anschlägen in den Jahren 2002 - 2004, aber 189 allein im Jahr 2007). Vier Monate nach dem Einsatz der deutschen Tornados, der – so Verteidigungsminister Franz Josef Jung im deutschen Bundestag – zu einer deutlichen Reduzierung von Kollateralschäden unter der afghanischen Zivilbevölkerung und zu einer Minimierung der Opfer eigener Soldaten führen würde, melden im Juli 2007 unwidersprochen weltweit alle Medien: "Durch westliche Soldaten kommen mehr unschuldige Afghanen ums Leben als durch die Taliban". Ein echter "Wasserfall" auf die Mühlen der Aufständischen! Jeder unschuldig getötete Zivilist treibt den Aufständischen immer mehr Sympathisanten und Mitkämpfer regelrecht in die Arme.

Auch die Anzahl getöteter Deutscher hat sich – im Widerspruch zu den Versprechen der deutschen Regierung – seit dem Einsatz der Tornados im Mai vergangenen Jahr nicht etwa gesenkt sondern deutlich erhöht: In den sechs Jahren vor dem Einsatz der Tornados, von 2001 bis 2007, kamen "nur" sechs deutsche Soldaten durch feindliche Kämpfer ums Leben. Schon in den ersten zwölf Monaten nach dem Tornadoeinsatz waren es sieben Deutsche: drei Soldaten, drei Polizisten und ein ziviler Ingenieur. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt – und wenig spricht dagegen - müssen wir auch bei der Bundeswehr demnächst mit Zahlen rechnen, wie sie die vergleichsweise kleine kanadische Armee (ca. 50.000 Mann Gesamtstärke) im Süden zu beklagen hat: 85 Tote in drei Jahren.
 

2. Mehr Soldaten bringen nichts

Auf die Frage, wie viele Soldaten er bräuchte, um in Afghanistan die Aufständischen in den Griff zu bekommen, antwortete der ISAF-Kommandeur, der US-General McNeill bei einer Sicherheitskonferenz im November2007 in Washington: "Nach den Regeln der Counter-Insurgency-Doktrin brauche ich dafür mindestens 400.000 Mann."

Die derzeit 50.000 Isaf-Soldaten vor Ort sind also nach Einschätzung eines im Guerilla-Krieg erfahrenen US-Marine nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und 400.000 Mann - wie von McNeill gefordert - wird er wohl nie bekommen. Daran ändern die 3500 deutschen Soldaten vor Ort auch dann nichts, wenn jetzt noch weitere 1000 dazu kommen sollte, wie gerade vom Verteidigungsminister gefordert. Denn rund 80 Prozent unserer Soldaten dürfen auf Weisung der Politik für keine Sekunde die Bundeswehrcamps verlassen. Die Masse macht gelangweilt und häufig genug enttäuscht Innendienst, Papierkrieg, Sport, technischen Dienst, Verwaltung und Organisation von Truppenbesuchen durch Politiker und Truppenbetreuung durch mittelmäßige Schauspieler und Musikanten. Selbst bei 4500 Soldaten würden also nur 900 außerhalb des Camps die "Stabilität sichern". Und das auf einem Gebiet, das etwa die Größe von 45 Prozent des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland hat. Man muss wahrhaftig kein Militär sein, um hier zu konstatieren: "Schlechter Witz".
 

3. Die Taliban und Aufständischen haben nichts – und doch das Effektivste

Die Taliban kämpfen mit "Hit-and-Run", d.h. mit Nadelstichen – und das sehr effektiv. Die asymmetrische Kriegsführung entwickelt sich im Afghanistan-Krieg so extrem, wie wahrscheinlich noch in keinem anderen Krieg: Wir, die westliche Seite, verfügen über jede Waffentechnik, die es zurzeit auf dem Markt gibt: von unbemannten Drohnen bis hin zu Laser-geleiteten Bomben. Wir haben alles - die andere Seite hat (fast) nichts. Keinen Hubschrauber, keinen Panzer, kein Flugzeug. Aber was sie haben, ist eine schier unbegrenzte Zahl an jungen Männern, die bereit sind, auf ihre Art zu kämpfen und zu sterben: Mit Selbstmordanschlägen und Billig-Bomben.Dieser Taktik hat der hochgerüstete Westen im Grunde nichts Wirksames entgegenzusetzen.

Denn wollte man dieser Taktik mit einem Mehr an Soldaten entgegenwirken, man müsste hinter jeder Schule, jeden Bürgermeister, jedes Gefängnis und jeden Polizeiposten einen westlichen Panzer stellen. Man bräuchte hierzu nicht nur die von McNeill genannten 400.00 Mann, sondern wohl eher 4 Millionen! Der Paschtune (alle Taliban sind Paschtunen) ist ein begeisterter Kämpfer, der Kampf ist quasi sein "Lebenselixier". Seit Jahrtausenden kämpft er ums Überleben gegen die Natur in einem extremen Land. Der Paschtune ist ein Survival-Spezialist und klassischer "Warrior" in einer fast unmenschlichen Umgebung. Seine physische Widerstandsfähigkeit macht ihn auch psychisch und politisch widerstandfähig. Er lässt sich von Fremden, die nicht seine Gäste sind, nicht einschüchtern. Der Paschtune ist mit westlichen, auch bestechend logischen Argumenten nicht dazu zu bewegen, sich von anderen vorschreiben zu lassen, was für ihn gut ist.

Und noch Eines kommt hinzu: Die Paschtunen haben eine Jahrhunderte lange Guerillaerfahrung. Die britischen Kolonialsoldaten haben unter ihr genauso gelitten und verloren wie hundert Jahre später sowjetische Elitetruppen. Westliche Truppen, insbesondere unsere Bundeswehrsoldaten, haben in dieser Art der Kriegsführung wenig bis keine Erfahrung – und können auch keine sammeln, denn nach vier Monaten werden sie aus „sozialen Gründen“ wieder ausgetauscht. "Time is on our side" sagte mir vor wenigen Monaten lächelnd Commander Haqqani, der legendäre Mujaheddinführer aus dem Krieg gegen die Sowjets. 

Reinhard Erös, Bundeswehrarzt a.D., engagiert sich seit 1985 in Afghanistan.1987 hatte er sich für mehrere Jahre von der Bundeswehr beurlauben lassen und lebte mit seiner Familie bis Ende 1990 in Peschawar, wo er Kranke und Verletzte unter gefährlichen Kriegsbedingungen medizinisch versorgte. Nach dem Sturz der Taliban 2001 verlagerte sich die Arbeit der 1998 von Familie Erös gegründeten „Kinderhilfe Afghanistan“ auf die gefährdeten Ostprovinzen Afghanistans. Dort wurden über 20 Friedensschulen und Basisgesundheitsstationen gebaut. Reinhard Erös ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Europäischen Sozialpreises. Zudem hat er bereits zwei Bücher über das Leben in Afghanistan herausgebracht.

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