Matthies meint : Comeback des Marxismus - als Singspiel

Von der Tragödie zum Musical: Bernd Matthies über den Plan des "Dramatic Arts Centre" von Schanghai, das "Kapital" zeitgerecht auf die Bühne zu bringen.

Bernd Matthies
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Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Karl Marx, du liebe Güte! Was könnte der Mann heute in den Talkshows abräumen, eine Art Nobbi Blüm fürs große Ganze. Dummerweise ist er tot, und uns bleibt nur, seine Werke aus gegebenem Anlass auf brauchbare Gedankenreste durchzusehen. Einer, der immer passt, lautet: Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen ereignen sich zweimal, einmal als Tragödie, einmal als Farce.

Das gilt auch für den Marxismus selbst: Einmal Tragödie, einmal Musical. Jedenfalls, falls das „Dramatic Arts Centre“ in Schanghai seinen Plan realisiert, das „Kapital“ zum Singspiel umzugestalten. Angesichts des drögen, in drei Bänden ausgebreiteten Textmaterials steht der Autor vor einer gewaltigen Herausforderung: Ist es wirklich bühnenwirksam, wenn Karl und sein Freund Friedrich Schlüsseltexte singen wie „Der Tauschwert erscheint zunächst / als das quantitative Verhältnis, die Proportion / worin sich Gebrauchswerte einer Art / gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen“?

Gähn. Es wird vermutlich ein wenig hollywoodesker zugehen, wir werden erleben, wie Karl seine Jenny beim Knutschen mit Heinrich Heine erwischt, während das Gespenst des Kommunismus im befleckten Bettlaken durch die Kulissen huscht. Die Idee vom Fetischcharakter der Ware kommt dem großen Denker beim Betrachten von Straps und Leder in einer Striptease-Bar; Höhepunkt ist das historisch nicht belegte, aber dramaturgisch äußerst ergiebige Pistolenduell zwischen Marx und Ferdinand Lassalle mit dem klassischen Satz „Dich werd ich Mehrwert lehren, Sozi!“

Schanghai gibt damit den Startschuss für das Comeback des Marxismus an allen künstlerischen Fronten. Sehen Sie „Die Internationale“ im Friedrichstadtpalast mit der weltberühmten Girl-Reihe im Stechschritt! Oder „Rosa“, das Sat-1-Eventmovie mit Veronica Ferres in der Titelrolle und Jürgen Vogel als Karl Liebknecht, die beide am Ende der vierten Folge auf dem Bug eines Kohlenkahns im Landwehrkanal untergehen, während Celine Dion „My heart will go on“ singt.

Auch für Kinder ist was im Angebot, allerdings harter Stoff: Wenn Wladimir Iljitsch und Josef, die beiden alten Zausel aus der Ehrenloge der neu formierten Muppet-Show, den Frosch Kermit wegen revisionistischer Abweichung in den Gulag schicken, sind Tränen unausweichlich. Aber es hat ja auch niemand behauptet, dass der Endkampf gegen den Klassenfeind immer nur lustig sei.

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