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Nahost-Reise : Der Papst als Politiker

15.05.2009 00:00 UhrVon Alexander Schwabe
Papst Foto: dpaBild vergrößern
Papst Benedikt XIV. - Foto: dpa

Mauer, Rückkehrrecht, Zwei-Staaten-Lösung – im Palästinensergebiet streift Benedikt die Pilgerrolle ab.

Die Mauer bestimmt das Leben der Palästinenser. Die Mauer schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Die Mauer schneidet sie von ihren Olivenbäumen ab. Die Mauer hält sie auf Abstand zu ihren heiligen Stätten in Jerusalem. Die Mauer schützt Israel vor Anschlägen palästinensischer Extremisten. Wie auch immer: Die Mauer trennt. Die Mauer ist unüberwindlich.

Jetzt rollt der Papst auf sie zu – und ein Tor öffnet sich. Der Papst fährt die zehn Kilometer lange Strecke – für die der Journalistentross des Vatikans drei Stunden braucht wegen der Kontrollen an der Mauer – in der Limousine von Mahmoud Abbas. Es ist der sechste Tag seiner Nahostreise, der Papst besucht die Palästinensergebiete.

In Bethlehem, der Überlieferung nach Geburtsort Jesu, herrscht derweil Chaos. In den Gassen zur Geburtskirche stehen die Menschen so dicht gedrängt, dass kein Durchkommen ist.

Der Papst wird von Präsident Abbas empfangen und ist noch keine Stunde im Land. Er hat den ersten Absatz seiner Rede noch nicht beendet, da greift er eines der zentralen Probleme in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten auf: das Leiden des palästinensischen Volkes. „Ich weiß, wie sehr ihr gelitten habt und weiterhin leidet als Folge der Erschütterungen, die dieses Land seit Jahrzehnten treffen.“ Nach drei Sätzen hat er das Volk für sich gewonnen. „Mein Herz ist bei all den Familien, die heimatlos geworden sind“, fährt der Papst fort – einen Tag vor dem palästinensischen Gedenken an die „Nakba“, die Vertreibung 1948, dem Jahr, in dem der Staat Israel nach UN-Beschluss gegründet und in den Unabhängigkeitskrieg gezwungen wurde, nachdem ihn seine arabischen Nachbarn angegriffen hatten.

Benedikt wird politisch. War er in Jordanien und Israel seinem Selbstverständnis nach als Pilger unterwegs, so schlägt er in den Palästinensergebieten einen ganz anderen Ton an. Er geißelt die Abriegelung des Gaza-Streifens, er wiederholt die Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung, und er spricht – anders als Spitzenpolitiker aus seiner Heimat – ohne politische Rücksichtnahme: Er sagt nicht Sicherheitswall, er sagt: „The Wall“, die Mauer. Als Abbas gegen Ende seiner Begrüßung sagt: „Es gibt Hoffnung auf ein Morgen ohne Besatzung, ohne Checkpoints, ohne Mauer, ohne Gefangene, ohne Flüchtlinge, sondern in Koexistenz und Wohlstand in diesem heiligen Land“, da schließt der Papst die Augen und nickt kurz und entschieden.

Selbst während der Messe vor der Geburtskirche nimmt die Politik den ersten Teil seiner Predigt ein. Er sei nach Bethlehem gekommen, so der Papst, „nicht nur, um den Geburtsplatz Christi zu ehren“, sondern um den „Brüdern und Schwestern im Glauben“ in den Palästinensergebieten „zur Seite zu stehen“.

Am späten Nachmittag besucht der Papst das Flüchtlingslager Aida in Bethlehem. Hier leben nach Auskunft des Uno-Flüchtlingshilfswerks 5000 Menschen auf 500 Quadratmetern. Dort hört ihn auch Hamdan Jiwi aus Deishe, einem Lager ganz in der Nähe von Aida. Dort hatte Johannes Paul II. vor neun Jahren rund 12 000 Flüchtlinge besucht. „Ich freue mich, dass der Papst da ist“, sagt der 25-Jährige. Es sei wichtig, dass endlich die Probleme der Palästinenser wieder zur Sprache kämen. Er hoffe, dass sich Israel mithilfe des Papstes „vom Feind zum Partner“ wandeln werde, sagt Samir Oda, der Sprecher des Lagers.

Auf der Rückreise des Papstes öffnet sich die Mauer erneut. Benedikt ist in wenigen Minuten am Ziel. Für die Palästinenser bleibt die Mauer dicht. Sie müssen für Reisen innerhalb der Westbank weiter durch Checkpoints, an denen sie oft Stunden aufgehalten werden.

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