Internationale Klimapolitik : Die Zukunft liegt in der Stadt

Für eine erfolgreiche internationale Klimapolitik müssen Städte nachhaltiger werden. Auch Berlin sollte nach Ideen für eine zukunftsfähige Mobilität suchen. Ein Gastbeitrag.

Michael Cramer
Lastenfahrräder statt LKWs: Berlin sammelt Ideen für klimafreundlichen Verkehr.
Lastenfahrräder statt LKWs: Berlin sammelt Ideen für klimafreundlichen Verkehr.Foto: promo / Kay Strasser

Jetzt erst recht: Das haben 46 Bürgermeister von Metropolen aus aller Welt den führenden Wirtschaftsnationen vor dem G20-Gipfel in Hamburg zugerufen. Sie sehen den von US-Präsident Trump angekündigten Rückzug der Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen als Ansporn, bei den Bemühungen für Klimaschutz nicht nachzulassen. Von Paris und Berlin über Hongkong bis Sydney haben die Vertreter von insgesamt mehr als einer halben Milliarde Menschen mit dieser gemeinsamen Erklärung bewiesen, welch zentrale Rolle Städte mittlerweile in der internationalen Klimapolitik spielen.

Ohne nachhaltige Städte gibt es keinen erfolgreichen Klimaschutz

Ihnen kommt nicht nur als Vorreiter für neue Lebensweisen und Technologien eine große Bedeutung zu. Auch angesichts des anhaltenden Trends zur Verstädterung sind ihre Anstrengungen unverzichtbar. Denn schon heute leben 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, bis 2050 sollen es laut UN 66 Prozent sein. Ohne nachhaltigere Städte kann es keine erfolgreiche Klimapolitik geben.

Das gilt besonders für die Mobilität. Denn während in vielen Bereichen seit 1990 nennenswerte Erfolge bei der CO2-Senkung verzeichnet werden konnten – um 24 Prozent in den Haushalten und 38 Prozent in der Industrie – bleibt der Verkehr das Sorgenkind. Als einziger Sektor hat er in der EU seine Emissionen im selben Zeitraum nicht gesenkt, sondern sogar um 22 Prozent gesteigert. Der Verkehr frisst also all das auf, was mit Milliarden unserer Steuergelder in anderen Sektoren erreicht wurde.

Jeder zweite Haushalt in Berlin hat schon jetzt kein Auto

In den Städten ist der Verkehr sogar für 70 Prozent aller klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. Hinzu kommen die nicht mehr übersehbaren Probleme mit der Luftqualität mit ihren desaströsen Auswirkungen auf die Gesundheit aller. Doch nicht nur Probleme, auch Lösungen liegen in den Städten sprichwörtlich „auf der Straße“. Wo, wenn nicht in dicht besiedelten Kiezen kann man auf das eigene Auto verzichten und zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem ÖPNV oder per Carsharing mobil sein? Laut Ex-Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer sind 90 Prozent der Autofahrten in deutschen Städten kürzer als sechs Kilometer – ideale Distanzen für den Umstieg. In Berlin ist schon jeder zweite Haushalt ohne Auto mobil.

Keine Stadt muss dabei das Rad neu erfinden oder auf künftige Wundertechnologien hoffen. Eine Vielzahl von Lösungen ist bereits heute verfügbar: So haben Amsterdam und Kopenhagen vorgemacht, wie die Verwandlung in eine fußgänger- und fahrradfreundliche Stadt gelingt. Und die niederländische Stadt Eindhoven setzt seit letztem Dezember ausschließlich elektrische Busse ein.

Subventionen sollten weniger mit der Gießkanne verteilt werden

Das zeigt zugleich, dass nicht einmal riesige Investitionen für die Fortbewegung der Zukunft nötig sind. Es gilt zunächst, die vorhandenen Gelder sinnvoller zu investieren. Statt zum Beispiel vier Milliarden Euro für Elektro-Pkw nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen, wie es die Bundesregierung macht, sollte gezielt in die Elektrifizierung von Fahrzeugen mit hoher Laufleistung investiert werden, denn dort wird der Effekt schnell spürbar. Elektrische Busse, Taxen und Lieferwagen müssen den Anfang machen.

Oft übersehen wird auch das Potential von Lastenrädern. Laut einer EU-finanzierten Studie können sie bis zu 51 Prozent des Güterverkehrs in Städten übernehmen. Man stelle sich vor, was eine Halbierung der Lkw-Fahrten für Staus, Luftqualität und Verkehrssicherheit bedeuten würde! Warum bekommen Lastenräder keine finanzielle Unterstützung? Berlin geht den ersten Schritt: Auf der Mierendorff-Insel sollen Lastenräder Warenlieferungen von einer zentralen Sammelstation aus übernehmen.

Es gilt in diesem Sinne, das alte Motto „Stadtluft macht frei“ aufs 21. Jahrhundert zu übertragen. Die Suche nach den besten Ideen für die Zukunft der Mobilität hat längst begonnen. Berlin kann unter Beweis stellen, dass man die Mobilität sichern und das Klima schützen kann.

Der Autor ist seit 2004 für die Grünen im Europäischen Parlament und dort seit 2014 Vorsitzender im Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr.

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