Internationale Konferenz : Afghanen sollen sich selbst schützen

Ab 2014 soll Afghanistan selbst für seine Sicherheit sorgen. Präsident Karsai und die afghanische Bevölkerung sehen das positiv - vor dem Hintergrund einer breiten antiwestlichen Stimmung.

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Berlin - Manche haben es erst gar nicht nach Kabul geschafft. Und Guido Westerwelle und alle anderen Teilnehmer der internationalen Konferenz in der afghanischen Hauptstadt wissen nun, wie es sich anfühlt, in Afghanistan zu leben. Heftige Explosionen erschütterten am Dienstag kurz vor Beginn des Außenministertreffens Kabul, am Abend zuvor wurde der Flughafen beschossen, der von Bergen umgeben ist und daher ein leichtes Ziel darstellt. Die Taliban erklärten, sie hätten vier Raketen abgefeuert. Das Flugzeug der dänischen Außenministerin Lene Espersen wurde nach Kasachstan umgeleitet. Statt nach Kabul flog sie von dort nach Kopenhagen zurück. Schwedens Außenministers Carl Bildt und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mussten auf den US-Militärflugplatz Bagram ausweichen und wurden nach mehreren Stunden Wartezeit im Schutze der Dunkelheit mit Militärhubschraubern nach Kabul geflogen.

Westliche Helfer bezeichneten die Zustände in der Stadt als „chaotisch“. Die meisten ausländischen Organisationen hatten ihre Büros schon am Montag geschlossen, „weil es zu gefährlich war, sich in der Stadt zu bewegen und es angesichts der vielen Straßensperren ohnehin kein Durchkommen gab“, wie James Curtis von der Deutschen Welthungerhilfe sagt.

Von den 76 erwarteten Delegationen schafften es am Ende fast alle ins afghanische Außenministerium, und so waren am Dienstag mehr als 60 Staaten in Kabul vertreten und wichtige Organisationen wie die UN und die Nato, die die internationale Schutztruppe führt. Auch US-Außenministerin Hillary Clinton scheute das Risiko nicht, obwohl der Ertrag der siebenstündigen Konferenz erwartungsgemäß gering ausfiel. Im Abschlussdokument werden vor allem die Beschlüsse der Afghanistankonferenz Ende Januar in London bekräftigt: Ende 2014 sollen die Afghanen in der Lage sein, selbst für die Sicherheit im Land zu sorgen, Aufständische die bereit sind auszusteigen, sollen in die Gesellschaft reintegriert werden. Die Regierung von Hamid Karsai verpflichtet sich, die grassierende Korruption zu bekämpfen und klare Prioritäten für den Wiederaufbau zu benennen. Im Gegenzug soll Kabul künftig bis zu 50 Prozent der Hilfsgelder in Eigenregie verwalten dürfen und erhält mehrere hundert Millionen Euro für das geplante Reintegrations- und Versöhnungsprogramm.

Für Präsident Hamid Karsai war dieser Dienstag dennoch ein besonders wichtiger Tag. Denn erstmals seit seinem Amtsantritt Ende 2001 musste er nicht als Bittsteller ins Ausland reisen, sondern hatte selbst das Heft des Handelns in der Hand. In seiner Eröffnungsrede nannte er die Konferenz denn auch einen „Meilenstein“ für sein Land. Der einst vom Westen hofierte Paschtune ist seit längerem darauf bedacht, seine Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. Damit will er sich vermutlich nicht nur der wachsenen Kritik an seiner Amtsführung entziehen, sondern bereitet sich auf die Zeit nach dem Abzug der Nato vor. „Er geht in der letzten Zeit bewusst auf Distanz zum Westen, um islamisch-konservativen Kreisen und auch den Taliban entgegenzukommen“, vermutet Curtis. Denn mit ihnen müsse er sich spätestens nach 2014 arrangieren. Für ausländische Hilfsorganisationen, ohnehin durch die schlechte Sicherheitslage im Land beeinträchtigt, wird die Arbeit dadurch nicht eben leichter. Die bürokratischen Hürden würden immer höher, sagt Curtis. Er berichtet außerdem von Razzien in Bars und Restaurants, die bevorzugt von Ausländern besucht werden.

Offenbar haben nur wenige Afghanen Angst vor dem Abzug der ausländischen Truppen. Abdul Jalil Hekmat, Exilafghane und Leiter des Bonner Vereins für Afghanistanförderung, spricht von einer breiten antiwestlichen Stimmung. „Es gab zu viele Vorfälle, in denen ausländische Soldaten durch ihr Verhalten die Ehre afghanischer Familien verletzt haben“, sagt er. Er meint etwa Hausdurchsuchungen in Anwesenheit unverschleierter Frauen oder Erniedrigungen bei Verhören. „Die Afghanen wollen frei sein, doch nun fühlen sie sich besetzt.“ Und die Frauen? Wären sie nicht die großen Verlierer, wenn der Einfluss islamistischer Kräfte zunimmt? Für die Frauen werde es sicher schwerer, sagt Hekmat, aber nicht so, wie es viele im Westen befürchteten. Im islamischen Recht stünden die Frauen ganz oben auf der Werteskala. „Deshalb schützt es die Frauen – auf seine Weise.“ mit dpa

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