Internationaler Konflikt : Säbelrasseln in den Anden

Kolumbiens Bürgerkrieg droht sich zu internationalisieren – Ecuador und Venezuela entsenden Truppen.

Michael Schmidt
Chavez
Venezuelas Präsident Chavez versetzte die Luftwaffe in Alarmbereitschaft. -Foto: AFP

BerlinKolumbiens Bürgerkrieg frisst sich über die Dschungelgrenzen in die Nachbarländer und droht sich zu einem internationalen Konflikt auszuwachsen. Der tödliche Militärschlag der kolumbianischen Armee in Ecuador gegen den Rebellenvize Raúl Reyes hat eine schwere Krise ausgelöst. Nach vielerlei verbalen Scharmützeln rüsten die Nachbarn jetzt militärisch auf: Ecuador lässt Panzer an der Grenze zu Kolumbien auffahren, Venezuela mobilisiert seine Truppen, beide ziehen ihre Botschafter aus Bogotá ab – und allenthalben wird die Gefahr eines Krieges heraufbeschworen.

Am lautesten schimpft, wie stets, Hugo Chávez. Der linksgerichtete venezolanische Präsident nannte seinen konservativen kolumbianischen Amtskollegen Alvaro Uribe einen „kriminellen Lakaien des Imperiums“ der USA. Und er warnte, der Übergriff könne der „Beginn eines Krieges in Südamerika“ sein. Er habe insgesamt zehn Bataillone mit Panzerregimentern und Kampfflugzeugen den Marschbefehl erteilt, sagte er im Fernsehen. „Wir wollen keinen Krieg, aber wir werden es niemals zulassen, dass das Imperium oder dessen Schoßhündchen uns schwächen“, warnte Chávez. Uribe sei „ein Krimineller, der das Land mit einer Bande von Kriminellen“, regiere. „Wenn sie das, Präsident Uribe, in Venezuela machen, Freundchen, dann schicke ich ihnen ein paar Suchoi“, warnte der Linkspopulist. Aus Sicht der Regierung in Bogotá machte er damit, wie Lateinamerikaexperte Günther Maihold von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik sagt, endgültig klar, „dass er kein freundschaftlicher Begleiter in der Geiselkrise ist, sondern ein Nachbar, der versucht, eine Dinosaurierguerilla als politischen Akteur hoffähig zu machen, die, abgesehen von Entführungen, weder politisch noch ideologisch, noch operativ handlungsfähig ist.“

Ecuadors Staatschef Rafael Correa geißelte die Tötung von Reyes als die bisher „schwerwiegendste, listigste und nachgewiesene Aggression“ von Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe gegen Ecuador. Kolumbien reagierte mit einer halben „Entschuldigung“ für den militärischen „notwendigen“ Vorstoß über die Grenze hinweg. Dieser sei gleichwohl als Akt der Selbstverteidigung gerechtfertigt gewesen, sagte Außenminister Fernando Araújo. Anschließend griff Polizeichef Óscar Naranjo aber Correa scharf an. Der habe die Farc-Rebellen militärisch und politisch unterstützt, sagte Naranjo unter Berufung auf Dokumente, die in Computern von Reyes in dessen Lager gefunden worden seien. Damit habe Correa die Sicherheit Kolumbiens gefährdet. Aus den Dokumenten, die die kolumbianische Zeitung „El Tiempo“ abdruckte, geht hervor, dass der ecuadorianische Innenminister Gustavo Larrea sich mit dem Rebellenvize Reyes getroffen, die Freilassung von Geiseln vorbereitet und die Besetzung von Polizei- und Militärposten mit Farc-freundlichen Personen zugesagt hatte.

Die kolumbianische Luftwaffe hatte nach eigenen Angaben am Samstag ein Lager der marxistischen „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) gleich hinter der Grenze zu Ecuador mit Streubomben angegriffen. Die Flugzeuge hätten über die Grenze hinweggeschossen, anschließend seien Hubschrauber über die Grenze geflogen und hätten Bodentruppen in dem zerstörten Rebellenlager 1,8 Kilometer hinter der Grenze abgesetzt. Sie hätten die Leiche von Reyes und eines weiteren Farc-Anführers und anderes Material wie die Computer eingesammelt und nach Kolumbien gebracht. Das ecuadorianische Fernsehen zeigte Aufnahmen von dem zerstörten Lager. Es waren Leichen zwischen verkohlten Baumstümpfen, zerstörte Hütten und Sturmgewehre zu sehen. Ecuadorianische Soldaten fanden drei verletzte Rebellinnen, die in ein Militärkrankenhaus in Quito gebracht wurden. Insgesamt seien fast 20 Rebellen getötet worden.

Die USA – ein Verbündeter Kolumbiens beim Kampf gegen die Rebellen – teilten mit, man beobachte die Situation aufmerksam nach Chávez’ „seltsamer Reaktion“. Frankreich rief alle Seiten zur Mäßigung auf. Die Bundesregierung zeigte sich alarmiert. Experten schließen einen Krieg jedoch aus, „schon wegen der unübersichtlichen geografischen Grenzsituation im undurchdringlichen Dschungel“, wie Maihold sagt. Dennoch seien die Folgen der jetzt entstandenen Situation für den Südkontinent „katastrophal“: Die Energiezusammenarbeit zwischen Kolumbien und Venezuela stehe vor dem Aus; eine gemeinsame Haltung zu der Freihandelszone, die die Europäische Union mit der Andenregion anstrebt, sei in weite Ferne gerückt; der Weg zur Integration Lateinamerikas insgesamt mit neuen Hindernissen verstellt.

Und warum das Ganze? Chávez stehe nach dem verlorenen Referendum über eine unbegrenzte Amtszeit als Präsident innenpolitisch ebenso unter Druck wie sein Kollege Correa, der gerade mittels einer verfassunggebenden Versammlung die Einheit Ecuadors neu zu begründen versuche, sagt Maihold. Vor solchem Hintergrund sei die Verteidigung der nationalen Souveränität „allemal ein gut zu gebrauchendes Instrument, um im eigenen Land Zustimmung zu generieren“.

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