Politik : Interpol: Das internationale Polizei-Gehirn

Sabine Heimgärtner

Lyon. Die Atmosphäre ist weniger gespenstisch als erwartet. Hohe Metallgitter zwar, abweisende Fassaden, aber kein Hochsicherheitstrakt. Röntgenstrahlen tasten durch Handtaschen und Aktenköfferchen, dann heißt es Willkommen bei Interpol, der höchsten Dienststelle der internationalen Polizei. Am Quai Charles de Gaulle in Lyon keine Spur von James Bond 007. Seit sich die ganze Welt in höchster Alarmbereitschaft befindet, lehnen ein paar Polizisten vor dem Gebäude. "Reine Symbolik", sagt Ralf Mutschke, Abteilungsleiter und der ranghöchste von 13 deutschen Kriminalbeamten bei Interpol: "Wenn uns jemand in die Luft jagen will, helfen auch zwanzig Polizisten vor der Tür nichts." Das klingt cool. Aber auch bei Interpol ist seit dem 11. September nichts mehr wie vorher. "Diffuse Warnungen vor dem islamischen Terror gab es schon länger, aber man hat unterschätzt, was sich kranke Hirne ausdenken können", sagt Mutschke.

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Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Fast alle Länder der Welt sind Mitglieder von Interpol. Außer zum Beispiel Afghanistan oder Nordkorea. Mutschkes Büro liegt hinter einem Labyrinth von Gängen, dekoriert mit Geschenken von Kriminalämtern in aller Welt. Aus der Tür eilen nach einer der zahlreichen täglichen Lagebesprechungen seine Stellvertreter: Ein Pole, ein Hongkong-Chinese, ein Argentinier, ein Algerier und ein Vertreter aus Katar. Sie führen die rund 150 von ihren Ländern entsandten Kriminalbeamten durch den Dschungel der Informationen und Anfragen. Bei Interpol gehen via E-mail im Jahr durchschnittlich 2,5 Millionen Dienstvorgänge ein.

In zwei gigantischen Computerräumen laufen die Informationsstränge zusammen, Sie ergeben im besten Fall ein strategisches Bild weltweit agierender Bösewichter. Verbindungen zwischen Menschenhändlern in Osteuropa und Drogenbossen in Asien, Viehdieben in Afrika und Kleinkriminellen in den schwarzen Townships sind genauso gespeichert wie bevorzugte Methoden "weltreisender" Verbrecher und Fahrzeugnummern von knapp vier Millionen gestohlenen Autos. Im Mittelpunkt der elektronischen Mammutkartei steht die Galerie international gesuchter Verbrecher - 180 000 Personen, darunter 6000 besonders gefährliche. Die Nummer 98/20332 ist ein gewisser Osama bin Laden. Seine Akte ist mit roten Ecken gekennzeichnet, heißt: Achtung, internationaler Haftbefehl. Die Anzahl der "Rotecken" im Bereich Terrorismus ist nach den Anschlägen am 11. September auf 500 hochgeschnellt. Wesentliches Rotecken-Merkmal in allen Deliktbereichen: International relevante, juristisch unanfechtbare Straftatbestände.

Seit dem 11. September ist eine Sondereinheit "Taskforce 11. September" rund um die Uhr im Dienst. Sie soll die Gesamtlage nach den Attentaten einschätzen. Die erwarteten Sekundärschläge zum Beispiel, erklärt Mutschke. "Nicht das Ob ist interessant, sondern: Wann schlägt Mister X zu und wo?". Mosaiksteinchen werden da zusammengesetzt. Schwierig sei, so Mutschke, die Kooperation mit Ländern, die wenig auskunftsbereit sind, wie das Mitgliedsland Sudan, wo bin Laden jahrelang unbehelligt gelebt hat. Aber auch wechselnde politische Einschätzungen machen den Interpol-Leuten das Leben schwer."Es gibt keine feste Definition von Terrorismus, was heute akzeptiert ist, kann morgen nicht mehr akzeptiert werden und umgekehrt", sagt Mutschke und nennt Palästinenser-Führer Jassir Arafat und Südafrikas früheren Präsidenten Nelson Mandela, einst prominente "Rotecken" bei Interpol.

"Der 11. September war der Super-Gau für unsere Behörde", sagt Mutschke. Der Druck ist gewachsen, viele Vorgänge werden seit den Terroranschlägen auch anders bewertet. Der offenkundigste Trend: Weltweit werden immer häufiger Diebstähle von Pilotenuniformen gemeldet. Im Visier sind aber auch die so genannten Befreiungsbewegungen. Beispiel UCK: Sie soll bereits lange vor den Anschlägen Verbindungen zu bin Ladens Al-Qaida-Terrorgruppe gehabt haben.

In Mutschkes Büro hängen Polizeimützen und Zollmarken von Südafrika bis Kroatien, Souvenirs vieler Dienstbesuche im Ausland, die an eine andere Epoche von Mutschkes Karriere erinnern, Stationen in "normalen Zeiten". Jetzt wirkt die Interpol-Boutique im Erdgeschoss des Gebäudes mit ihren Handtüchern und Manschettenknöpfen fast ein bisschen lächerlich. Der Laden hat zu. Besuchergruppen werden in nächster Zeit auch nicht erwartet.

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