Politik : Interpol hilft Den Haag

LYON/PARIS/BERLIN (AFP/Tsp). Das Haager UN-Tribunal für Kriegsverbrecher im ehemaligen Jugoslawien ist durch die dringend erforderlichen Ermittlungen im Kosovo überlastet. Das Tribunal ersuchte Interpol um personelle Unterstützung, wie die internationale Polizeiorganisation am Montag in Lyon bekanntgab. Die Zeit dränge, da die Spurensicherung möglichst vor der Rückkehr der Flüchtlinge abgeschlossen sein müsse. Interpol bat die 177 Mitgliedstaaten um Entsendung von Kriminalexperten, vor allem für die Identifizierung verstümmelter Opfer und die Abläufe von Gewalttaten. Außerdem würden dringend Schußwaffenexperten und Schadensgutachter benötigt.

Nach Ansicht eines führenden Mitarbeiters steht das Haager Tribunal auch in der juristischen Arbeit kurz vor dem Kollaps. Die Ermittlungen gegen untergeordnete Mittäter blockierten die Verfahren gegen die Hauptverantwortlichen, kritisierte der Präsident einer der drei Anklagekammern, der Franzose Claude Jorda, gegenüber der französischen Tageszeitung "Liberation". Selbst wenn der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic morgen ausgeliefert würde, müßte er drei Jahre im Gefängnis warten, bis sein Prozeß beginnen könne.

Jorda schlug vor, Kriegsverbrecher künftig im Beisein internationaler Beobachter auch vor nationale Gerichte zu stellen. Für die weniger schweren Verbrechen könne auch eine Wahrheits- und Versöhnungskommission nach südafrikanischem Vorbild geschaffen werden. Das Haager Tribunal sei nur für die schwersten Fälle zuständig.

Das UN-Tribunal unter der scheidenden kanadischen Chefanklägerin Louise Arbour hatte am 27. Mai Anklage gegen Milosevic wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen erhoben.

Seit Ende des Bosnien-Krieges (1992 bis 1996) sind auch der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und dessen General Ratko Mladic vor dem Gericht angeklagt. Sie sind bis heute auf freiem Fuß. In mehreren europäischen Gefängnissen warten weitere Angeklagte aus Jugoslawien auf ihre Überstellung nach Den Haag.

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