Interview : "Auch in christlichem Umfeld kann Extremismus entstehen"

26.07.2011 22:47 Uhr
Liz Fekete leitet die Europaabteilung des Institute of Race Relations (IRR) in London. Foto: promo
Liz Fekete leitet die Europaabteilung des Institute of Race Relations (IRR) in London. - Foto: promo

Liz Fekete, Leiterin der Europaabteilung des Institute of Race Relations (IRR) in London spricht im Tagesspiegel-Interview über die Motive des Attentäters von Oslo.

Frau Fekete, viele Experten nennen den norwegischen Attentäter einen fanatisierten fremdenfeindlichen Einzeltäter. Ist damit alles erklärt?

Der Fall Breivik erinnert mich an den „Lasermann“, der Anfang der 90er Jahre in Schweden auf Migranten schoss und einen von ihnen tötete. Auch er hat klar gesagt, dass er sich moralisch gerechtfertigt sieht – wie Breivik behauptete er, er habe für das Gemeinwohl gehandelt.

Wie rechtfertigen sich die Täter?

Mit der Gefahr, die von Migranten angeblich ausgeht. Man muss sehen, dass Leute wie Breivik keineswegs isoliert sind, sondern komplett verlinkt mit Hunderten, ja Tausenden von Websites mit anti-multikultureller bis rechtsextremer Ausrichtung, aus denen sie ihr Bild der Wirklichkeit konstruieren.

Und sie sind natürlich auch nicht abgekoppelt vom gesellschaftlichen Klima. Feindschaft gegen den Multikulturalismus ist Teil des Programms von Mitte-Rechts-Parteien in ganz Europa.

Wie sieht die Gefahr durch Migranten in diesem Weltbild aus?

Ich werte diese Seiten gerade für eine Studie aus. Ein gemeinsamer Zug ist, Muslime für kritiklos buchstabengläubig zu halten. Weil sie dem Koran blind folgten, seien sie in Denkstrukturen des Mittelalters befangen und einem pädophilen Religionsstifter hörig, Mohammed, der eine Neunjährige geheiratet hat. Zusammen ergibt das einen klaren Auftrag: Wir müssen uns vor diesen Leuten schützen. Die Kampfbegriffe heißen „Dschihad-Abwehr“ gegen „Eurabien“ und den sogenannten „Islamofaschismus“. Wer wie ich so etwas ständig liest, erwartet Ereignisse wie die in Norwegen geradezu. Sie sehen mich sehr, sehr frustriert.

Frustrierend ist auch, dass anscheinend wenig gegen solche Täter zu machen ist. Breivik lebte isoliert auf dem Land.

Stimmt. Und auch bei Ihnen in Deutschland gibt es ja ganze praktisch entvölkerte Landstriche. Ich frage mich aber schon, wie Polizei und Geheimdienste, die so sehr mit dem politischen Islam beschäftigt sind, einen wie ihn so vollkommen übersehen.

Welche Antwort haben Sie?

Ich fürchte, Leute wie Breivik werden vom Radar der Sicherheitsbehörden einfach nicht erfasst. Der reagiert auf die Kombination „Muslim und Radikalisierung“. Dass es auch christlichen Fundamentalismus gibt – Breivik bekennt sich ja ausdrücklich als Christ –, fällt aus diesem Rahmen und bleibt unentdeckt. Wobei ich festhalten möchte: Das Christentum ist nicht schuld an solchen Taten. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass auch in einem christlichem Umfeld Extremismus entstehen kann.

Sie meinen also, man findet nur, was man sucht. Sollte man nach radikalen Muslimen einfach weniger suchen?

Ganz und gar nicht. Es gibt Radikalisierung unter Muslimen, der man entgegentreten muss. Ich wünsche mir aber einen rationaleren und ausgewogeneren Umgang damit. Ich hoffe, dass aus Norwegen gelernt wird. Dort ist am vergangenen Freitag hoffentlich auch dieses verengte Denken explodiert.

Was lässt sich nach Ihrer Erfahrung und Beobachtung tun? Die Anti-Terror-Gesetzgebung weiter ausbauen?

Wir brauchen, denke ich, dringend wirklich intelligente „Intelligence Services“. Und wir brauchen eine massive Erziehungs- und Aufklärungskampagne; schon in den Schulen müssen die Kinder lernen, was es heißt, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben. Und wir müssen unseren Politikern sagen: Hört auf, ständig auf Multikulti zu schimpfen. Ob es einem nun passt oder nicht: Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, und ihr schadet ihr schwer, wenn ihr sie beschimpft. Wer Sündenböcke erfindet, legt Leuten wie Breivik den Finger an den Abzug.

Das Gespräch führte Andrea Dernbach.

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