Interview : "Das passt nicht zu unserer hohen Meinung von den Deutschen"

Der ägyptische Autor Alaa al Aswany über die Tat von Dresden, offizielle deutsche Reaktionen und das Image des Islams im Westen.

Die Tat in Dresden hat in Ägypten viele Menschen schockiert. Wird sie das Verhältnis der beiden Völker belasten?

Wir Ägypter sind zivilisierte Leute. Wir können zwischen normalen Deutschen und Kriminellen unterscheiden. Aber es gibt zwei Aspekte in dieser Tragödie, die uns beschäftigen. Der eine ist der westliche Rassismus. Der andere das Verhalten der Polizei in dem Gerichtsgebäude.

Was meinen Sie konkret?

Der Täter hat diese unschuldige Frau angegriffen, ohne dass ein Beamter zur Stelle war, um ihr zu helfen. Er hat 18 Mal zugestochen, vor den Augen des dreijährigen Sohnes. Und als endlich ein Polizist auftauchte, hat der zuerst auf ihren Ehemann geschossen. Wir haben eine sehr hohe Meinung von den Deutschen. Aber das passt nicht zu dem Bild, das wir von den Deutschen haben. Die Leute hier fragen sich, was wäre passiert, wenn ein Muslim mit langem Bart erschienen wäre und hätte ein Messer gezückt. Den hätte man als islamischen Terroristen auf der Stelle erschossen.

Für Sie ein Indiz für Islamfeindlichkeit?

Ich bin relativ oft Deutschland. Mein Eindruck ist, um ehrlich zu sein, dass Islamfeindlichkeit dort sehr verbreitet ist. Und die Leute, die vorher im Geheimen Rassisten waren, sehen inzwischen keinen Grund mehr, mit ihrer Einstellung hinter dem Berg zu halten. Dieser Rassismus hat eine Atmosphäre geschaffen, dass nun Einzelne – wie dieser Mann in Dresden – denken, sie hätten das Recht, auf eine muslimische Frau loszugehen und sie zu erstechen. In einer Atmosphäre von Hass und Rassismus werden Menschen, die anders sind, enthumanisiert.

Wie empfinden Sie die offiziellen Reaktionen deutscher Politiker?

Viele Ägypter fragen sich, was wäre geschehen, wenn die getötete Frau eine Israelitin gewesen wäre. Das hätte einen riesigen Unterschied gemacht – in jeder Hinsicht. Jeder einzelne deutsche Minister hätte sich bei jedem einzelnen Minister der israelischen Regierung entschuldigt. Auch die Sicherheitskräfte hätten ganz anders reagiert. Und die deutsche Bevölkerung hätte gegenüber dem Opfer und seiner Familie viel mehr Anteilnahme und Wärme gezeigt als im Falle von Marwa. Für mich gibt es keinen Unterschied. Für mich ist ein Opfer ein Opfer.

Die Kanzlerin hat Präsident Mubarak nicht ihr Beileid ausgesprochen.

Frau Merkel ist Arabern und Muslimen generell nicht sehr freundlich gesinnt. Das hat sich bei vielen Gelegenheiten gezeigt. Sie denkt wohl, wenn sich die deutsche Kanzlerin bei einer arabisch-muslimischen Familie entschuldigen soll, das ist zu viel verlangt. Ich bin von ihrem Verhalten nicht sehr überrascht – tut mir leid, dass ich das so klar sagen muss.

Wie erklären Sie sich das negative Image des Islams im Westen?

Wir Araber sind keine unschuldigen Opfer. Wir geben auch Anlass für Vorurteile. Es gibt eine schreckliche Interpretation unserer Religion, die immer populärer wird. Wenn sich also ein Bürger im Westen ein Bild machen soll, was der Islam ist – dann stößt er auf Leute wie Osama bin Laden oder die Taliban. Osama bin Laden ist ein Krimineller mit mittelalterlichen Ansichten, der so viele Leute aus dem Westen töten will, wie er nur kann. Die Taliban verbieten Schulen für Mädchen – und leider kann man noch viel mehr solcher Beispiele anführen.

Was ziehen Sie daraus für einen Schluss?

Hier geht es nicht um die Religion, sondern um die Interpretation von Religion. Solche Irrwege gibt es in allen Religionen, denken Sie an die Inquisition im Katholizismus – ungeachtet der Tatsache, dass das Christentum der Welt viele positive Werte geschenkt hat. Der Mörder von Dresden ist ein Christ. Aber darum kann ich ihn doch nicht einen christlichen Terroristen nennen oder gar Rückschlüsse ziehen auf das Christentum insgesamt.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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