Interview : "Dass Ärzte lieber in den Städten bleiben, ist nicht unsere Schuld"

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung über Medizinermangel, dessen Ursachen - und mögliche Gegenmaßnahmen.

von
Andreas Köhler
Andreas KöhlerFoto: dpa

Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben den Auftrag, die ärztliche Versorgung in Deutschland sicherzustellen - auch auf dem Land, wo der Ärztemangel immer größer wird. Haben sie versagt?

Da wir uns Ärzte nicht selber backen können, sind wir darauf angewiesen, dass es genug niederlassungswillige Haus- und Fachärzte gibt. In den nächsten fünf Jahren gehen 70 000 Ärzte in den Ruhestand, diese Stellen müssen wir nachbesetzen. Das ist vor allem ein Riesenproblem, weil wir die Ärzte nicht haben.

Wie kann das sein? Es gab doch noch nie so viele Mediziner in Deutschland…

Die sind aber nicht alle niederlassungswillig. Seit drei Jahren zum Beispiel sinkt die Zahl der Hausärzte. Und auch die der Fachärzte in der Grundversorgung hat sich um zwei Prozent verringert. Von daher kann ich nicht bestätigen, dass es genug Mediziner für die Versorgung in der Fläche gibt.

Woran liegt das?

Fast 20 Prozent der Medizinstudenten brechen ihr Studium ab. Weitere elf Prozent gehen danach in medizinfremde Berufe oder ins Ausland. Bei einer aktuellen Umfrage, welche Berufe Studenten keinesfalls ergreifen wollen, steht der Medizinerberuf an achter Stelle. Wegen der enormen Bürokratiebelastung und der fehlenden angemessenen Vergütung ist es offenbar nicht mehr sehr attraktiv, als Arzt tätig zu werden oder sich niederzulassen.

Für Großstädte scheint das aber nicht zu gelten. Da treten sich die Ärzte immer noch auf die Füße…

Das ist richtig, wir haben auch ein Verteilungsproblem. Aber das ist nicht unsere Schuld. Dass Ärzte lieber in Ballungszentren bleiben, liegt an vielen Dingen. Ihnen ist es wichtig, ihre Kinder auf gute Schulen schicken zu können. Sie wollen dort praktizieren, wo auch ihr Partner berufstätig sein kann. Abschreckend sind die Notdienste. Wer auf dem Land tätig ist, muss jede zweite Nacht raus. Das zermürbt. Außerdem wollen viele nicht Einzelkämpfer sein und auf den Austausch mit Kollegen verzichten. Ärzte sind sogar bereit, weniger zu verdienen, wenn sie dafür an attraktiven Standorten praktizieren dürfen. Nach einer Studie der Uni Leipzig müssten wir einem Arzt, um ihn aufs Land zu locken, monatlich 8400 Euro mehr zahlen. Das verkraftet unser System nicht.

Gesundheitsminister Philipp Rösler schlägt vor, freiwerdende Arztpraxen in überversorgten Städten nicht wiederzubesetzen…

Wir müssen Anreize schaffen, um die Versorgungsplanung wirklich flexibel gestalten zu können. Dazu kann es gehören, dass in einer überversorgten Region eine Kassenärztliche Vereinigung die Praxis eines Arztes aufkauft - nämlich dann, wenn dieser Schwierigkeiten hat, überhaupt einen Käufer zu finden oder einen halbwegs adäquaten Preis zu erzielen. Umgekehrt fordern wir aber weiterhin, dass wir in unterversorgten Gebieten Eigeneinrichtungen gründen dürfen. Damit können niederlassungswillige Ärzte in komplett eingerichteten Praxen arbeiten, ohne dass sie von vornherein das wirtschaftliche Risiko tragen müssen.

Hätte man nicht viel früher damit beginnen müssen, den Beruf des Haus- oder Landarztes aufzuwerten?

Ja, da gab es Versäumnisse. Zum Beispiel an den Universitäten. Da macht man lieber Grundlagenforschung als angehenden Ärzten zu erklären, wie ambulante Versorgung funktioniert. Es gibt viel zu wenig Lehrstühle für Allgemeinmedizin. Außerdem war die Tätigkeit von Landärzten lange Jahre sehr schlecht vergütet. Und die politische Kritik an den Ärzten und ihren berechtigten Forderungen hat auch nicht dazu beigetragen, dass sich Mediziner gerne niederlassen.

Kritiker behaupten, in der ärztlichen Selbstverwaltung hätten vor allem Fachmediziner aus den Ballungsgebieten das Sagen. Und die Haus- und Kinderärzte würden systematisch benachteiligt…

Von den 17 Kassenärztlichen Vereinigungen haben inzwischen elf einen Hausarzt als Vorsitzenden. Und wir haben die Position von Allgemeinmedizinern beständig gestärkt. Seit dem Jahr 2000 etwa ist die Vergütung getrennt. Das bedeutet: Ein Griff in die Taschen der Hausärzte durch Fachärzte findet nicht statt.

Würde es nicht helfen, typische Hausarzttätigkeiten wie Patientengespräch oder Hausbesuch deutlich besser zu honorieren - auch auf Kosten der Apparatemedizin?

Ein ganz klares Ja. Wir bemühen uns zwar seit Jahren darum, die Ergebnisse sind aber noch nicht ausreichend. Ich verstehe den Ärger von Landärzten, die pro Hausbesuch 46 Euro bekommen und dann die Rechnung eines Klempners erhalten, der ihren Abfluss repariert hat. Die fragen sich dann natürlich, warum sie sich jede zweite Nacht um die Ohren schlagen.

Bekommt die Selbstverwaltung das Verteilungsproblem allein in den Griff oder ruft sie nun nach Vater Staat?

Es gibt ein Gesetz, das die Bedarfsplanung regelt. Das stammt aus einer Zeit, als wir noch eine Ärzteschwemme hatten, und hat gewissermaßen Überversorgung reguliert. Dieses Gesetz muss geändert werden. Wir bitten den Gesetzgeber also nur, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wir der drohenden Unterversorgung etwas gegensetzen können.

Rösler macht aber auch Vorschläge, er will etwa eine verbindliche Landarztquote.

Ob eine solche Quote rechtlich möglich ist, wird noch im Ministerium geprüft.

Es macht den Landarzt-Beruf nicht gerade attraktiver, wenn man Studenten dazu verdonnern muss…

Bei der Dimension der Versorgungsprobleme, die auf uns zukommen, muss man alle Instrumente zu nutzen versuchen. So wird man auch darüber reden müssen, ob die Abiturnote das allein Entscheidende sein soll für den Zugang zum Medizinstudium. Vielleicht muss man denen, die vorher schon als Krankenpfleger oder Rettungsassistenten Erfahrung gesammelt haben, einen stärkeren Bonus geben.

Gegen das Versprechen, sich später als Arzt in unattraktive Regionen zu begeben?

Klar, aber da wird es rechtlich schwierig. Das ist ja anders als bei der Bundeswehr, wo angehende Ärzte schon während ihres Studiums Arbeitsverträge haben.

Und wenn das alles nicht fruchtet?

Dann hilft zum Beispiel Filialisierung, also die Versorgung durch Ärzte, die nur noch an bestimmten Tagen im Ort praktizieren. Oder Telemedizin, mit der man chronisch Kranke überwachen kann. Solche Versorgungsformen müssen wir forcieren. Denn bei allen Bemühungen: Wir werden es künftig nicht mehr schaffen, in jedem Dorf einen Hausarzt vorzuhalten.

Die Fragen stellte Rainer Woratschka.

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