Interview : „Die Islamische Republik ist am Ende“

Der frühere CIA-Nahostexperte Gerecht über die Protestbewegung in Iran und die Rolle des Wächterrates.

Juliane Schäuble
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Foto: privat

Herr Gerecht, erleben wir gerade den Beginn einer Revolution im Iran?



Das kommt darauf an, wie man Revolution definiert. Sicher ist, dass die Legitimität des Regimes zerstört ist. Sicher ist auch, dass es mit der Stabilität von Chameneis Herrschaft endgültig vorbei ist. Im Iran hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Die Demokratiebewegung hat die Oberhand gewonnen.

Sie meinen, dass das iranische Regime am Ende ist?

Nicht automatisch. Das Regime stürzt, wenn der Wächterrat auseinanderfällt. Bleibt dieser stabil, bleibt auch Chamenei an der Macht. Doch wenn die Opposition weiter protestiert – und das müssen nicht automatisch Massendemonstrationen sein, es reichen auch konstanter Druck, Demonstrationen und Streiks –, wächst die Chance für einen Machtwechsel. Die Frage ist, ob sich innerhalb des Wächterrats Widerstand regt, wenn zunehmend Menschen getötet werden.

Vor allem, wenn die Opfer Frauen sind.

Genau. Die Bilder der getöteten Neda sind das Schlimmste, was dem Regime passieren konnte. Das schockiert die iranische Bevölkerung. Der Wächterrat kann darüber zerbrechen.

Wie sollte sich der Westen verhalten?

Der Westen sollte deutlich machen, dass er an Demokratie glaubt und keine Diktaturen unterstützt. Das ist das Mindeste.

Was bewirkt die Entscheidung Chameneis, einen Teil des Wahlergebnisses überprüfen zu lassen?

Klar ist, dass diese Maßnahme die Opposition nicht beruhigt. Es ist möglich, dass Mahmud Ahmadinedschad die Wahl tatsächlich gewonnen hat. Aber es ist auch sicher, dass bei der Wahl betrogen wurde – und daher glaubt keiner an die Ergebnisse der Überprüfung.

Warum hat Chamenei das dann getan?

Die Oppositionsbewegung hat den Mullahs Angst eingejagt – und die haben dann überreagiert. Daraus ist ein Albtraum geworden. Ich sehe keine Möglichkeit, wie die Mullahs da wieder heil herauskommen wollen. Die Islamische Republik, wie wir sie kennen, ist am Ende. Es kann gut sein, dass Chamenei sein Amt verlieren wird.

Was bedeutet das alles für die arabischen Nachbarstaaten?

Wenn die Demokratiebewegung im Iran erfolgreich ist, dann haben Länder wie Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien ein Problem. Mit dem Irak würde sich dann bereits die zweite Demokratie in der Region entwickeln. Das würde im Nahen Osten wirklich etwas verändern.

Wäre ein instabiler Iran nicht auch ein Risiko?

Für mich wäre das das Beste, was passieren kann. Unter einer Diktatur ist es ruhig, die Unruhe kommt eben meist mit Veränderungen – und vor einer neuen Stabilität. Aber wir können doch nicht ernsthaft sagen, dass wir Diktatur der Demokratie vorziehen. Allerdings müssen darüber die Iraner selbst entscheiden.

Sie klingen sehr optimistisch.

Ob die Demonstrationen erfolgreich sein werden, vermag ich nicht zu sagen. Aber eines ist klar: Das Regime hat sich in eine gefährliche Lage gebracht. Es beginnt, sich von innen heraus zu zerstören. Die Gründungsväter der Republik, die einstigen Revolutionäre, haben sich untereinander die Feindschaft erklärt. Das beste Beispiel ist Mussawi, der ja eigentlich als Unterstützer des Regimes galt und einmal Innenminister war. Oder Said Hadscharian, der nach der Revolution zunächst im Geheimdienst Karriere gemacht hatte. Das sind keine netten Jungs. Aber jetzt zweifeln sie am Regime und werden immer mehr zu Demokraten.

Glauben Sie wirklich an ein Ende der Theokratie im Iran?

Es gibt einen Streit innerhalb der geistlichen Elite. Manche haben den Eindruck, dass das gegenwärtige System der Religion schadet. Was wir erleben, ähnelt dem, was im Christentum vor 300 Jahren geschah: die Bemühung, Religion und Staat zu trennen. Mit der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 kam das Argument auf, dass der Islam auf alle Fragen eine Antwort hat. Dieses Argument ist nun widerlegt – sowohl unter Laien als auch in der geistlichen Elite.

Wie wichtig ist Mussawi?

Sehr wichtig. Zwar ist er nicht der charismatischste Politiker aller Zeiten. Aber er wurde zu einem Anführer – und damit geht automatisch auch Charisma einher. Es gibt Gerüchte, dass er verhaftet wurde. Das wäre schlimm. Wenn das Regime ihn ruhigstellen kann, kann es auch die Oppositionsbewegung kleinkriegen. Aber sein Tod wäre ein ernsthaftes Problem für das Regime. Dann wäre er ein Märtyrer.

Kann es sein, dass Chamenei am Ende an der Macht bleibt, weil er Ahmadinedschad einfach durch Mussawi ersetzt?

Das wird nicht passieren. Chamenei und Ahmadinedschad sind Brüder im Geiste. Zwar unterscheiden sie sich nach Herkunft und Umgangsformen sehr deutlich. Aber ideologisch und religiös ticken sie gleich. In Ahmadinedschad sieht Chamenei sich selbst. Beide sind pure Revolutionäre, in ihren Prinzipien und in ihrer Politik. Chamenei hat eine rote Linie gezogen: Entweder sie sind zusammen erfolgreich oder sie stürzen gemeinsam.

Reuel Marc Gerecht ist Iranexperte beim Thinktank „Foundation for Defense of Democracies“ in Washington. Das Gespräch führte Juliane Schäuble.

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