Interview : „Die Konsequenz Gaucks ist bemerkenswert“

Der Autor Michael Göring über die Besuche von Bundespräsident Joachim Gauck an Orten deutscher Wehrmachtsverbrechen.

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Michael Göring
Michael GöringFoto: IMAGO

Herr Göring, wie tief haben sich Massaker wie das in Ligiades in die Psyche der betroffenen Völker eingegraben? Bestimmen sie noch immer die Einstellung zu Deutschland?

In Italien, wo ich für meinen Roman recherchiert habe, sind diese Verbrechen für die meisten Menschen kein Thema mehr. Dazu sind die Beziehungen zu Deutschland nach dem Krieg zu schnell wieder sehr eng geworden. In Griechenland tritt gerade jetzt die Frage von Reparationen wieder in den Vordergrund, was sicher mit der aktuellen Situation des Landes zu tun hat. Allerdings gab es dort auch eine Vielzahl von Massakern mit hunderten Opfern durch die Wehrmacht.

Sie haben mit Joachim Gauck über das Thema gesprochen. Wie wichtig sind Besuche wie der in Ligiades?

Der Besuch ist nach Sant Anna di Stazzema in Italien und Oradour in Frankreich bereits der dritte dieser Art. Diese Konsequenz ist bemerkenswert. Strafrechtlich sind die Verbrechen verjährt. Die gesetzliche Grundlage dafür aus den 60er Jahren ist zwar fragwürdig, doch rückwirkend nicht mehr zu ändern. Umso wichtiger ist es, dass der oberste Repräsentant unseres Landes dort hinfährt und sich entschuldigt. Aber auch für die deutsche Gesellschaft ist es wichtig, dass sie sich an diese nie gesühnten Taten erinnert. Und das wird durch die Reisen des Bundespräsidenten ja ebenfalls sichergestellt.

Kann dies den Angehörigen der Opfer heute noch helfen?

Den Betroffenen bedeutet es sehr viel, zu wissen, dass die Opfer nicht auf immer vergessen sind. Zusätzlich wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, einen Jugendaustausch zu befördern, um ein ganz klares Zeichen zu setzen, dass wir mit der jungen Generation an Projekten arbeiten wollen, die solche Vergehen in Zukunft unmöglich machen.

Michael Göring leitet die Zeit-Stiftung und hat in seinem Roman „Vor der Wand“ ein Wehrmachtsmassaker in Sant Anna di Stazzema in der Toskana verarbeitet.

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