Interview : "Eine europäische Identität schaffen"

Henning Schulte-Noelle, Vorsitzender des Stiftungsrats der Allianz Kulturstiftung spricht über die Rolle der Kultur in Europa.

Interview von Dorothee Püplichhuysen
Schulte-Noelle
Henning Schulte-Noelle ist auch Vorsitzender des Aufsichtsrats der Allianz SE. -Foto: Promo

Die „Reden über Europa“ greifen aktuelle politische und wirtschaftliche Themen auf. Inwiefern passt eine solche Veranstaltungsreihe zu der Arbeit einer Kulturstiftung?



Mit dieser hochkarätigen Diskussionsreihe möchten wir eine neue Sicht auf das Projekt Europa ermöglichen, das noch viele unrealisierte Möglichkeiten bietet. So ist zum Beispiel die grenzenlose Mobilität innerhalb der EU besonders für jüngere Menschen ein geradezu natürlicher Teil ihres Lebens geworden. Gleichzeitig nehmen aber nationale Reflexe in Ost- und Westeuropa in letzter Zeit wieder auffallend zu. Wir leben äußerlich einen europäischen way of life, haben es innerlich aber noch nicht wirklich vermocht, ein europäisches Identitätsgefühl herauszubilden, das auf natürliche und spannungsfreie Weise unsere lokalen und nationalen Identitäten ergänzt.

... und wo bleibt dabei die Kultur?

Kultur spielt für die Identitätsbildung eine sehr wichtige Rolle und die Allianz Kulturstiftung möchte mit ihren Projekten zur Entwicklung einer europäischen Identität beitragen. Das tun wir europaweit mit Austausch- und Begegnungsprojekten zum Beispiel für junge Musiker, Dirigenten und Komponisten, bildende Künstler und Kuratoren oder im Rahmen unserer jährlichen Sommerakademie für Studenten der European Studies. Indem diese jungen Menschen lernen, über nationale Grenzen – und Vorurteile – hinweg miteinander zu arbeiten, bauen sie an unserem gemeinsamen Haus Europa mit. Dafür spricht auch, dass unser Alumni-Netzwerks so gut funktioniert. Unsere „Ehemaligen“ aus mittlerweile 18 Ländern nutzen es sehr intensiv, um weiterhin miteinander in Kontakt zu bleiben, gemeinsame Projekte zu entwickeln oder sich über Stellenausschreibungen zu informieren. In unseren Augen werden sie zum Kern einer zukünftigen europäischen Zivilgesellschaft gehören.

Hat die Allianz Kulturstiftung mit Sitz in München dort auch ihren regionalen Schwerpunkt?

Wir fühlen uns wohl in München, verstehen uns aber nicht als eine spezifisch bayerische Stiftung, sondern sind europäisch ausgerichtet. Seit einigen Jahren sind wir schwerpunktmäßig in Mittel- und Osteuropa unterwegs. Mit unserem internationalen Literaturprojekt European Borderlands, das wir gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin entwickeln, waren wir zuletzt in der Ukraine, Rumänien und der Republik Moldau. Und in diesem Jahr wollen wir damit nach Lettland und Weißrussland ziehen. In den Ländern, die durch einen starken gesellschaftlichen Wandel geprägt sind, hat der Kulturaustausch eine besondere Dringlichkeit.

Wie wird es mit den Reden über Europa weitergehen? Wollen Sie mit der Reihe in Berlin bleiben?

Das wird stark von der Resonanz des Berliner Publikums abhängen. Wenn der Erfolg ähnlich groß ist wie in Wien – drei von vier Veranstaltungen im Burgtheater waren ausverkauft –, machen wir gerne in Berlin weiter. Parallel dazu möchten wir mit einzelnen Veranstaltungen zu dringlichen europäischen Themen auch in anderen Hauptstädten auftreten. Konkret im Gespräch sind zur Zeit Paris, Warschau und Dublin. Das wird eine große Herausforderung, denn jede dieser Städte „tickt“ anders. Aber zunächst sind wir gespannt auf Berlin.

Henning Schulte-Noelle ist auch Vorsitzender des Aufsichtsrats der Allianz SE.

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