INTERVIEW : „Es gibt eine extrem hohe Dunkelziffer“

Christian Ebner (33)
Christian Ebner (33)

Herr Ebner, wie groß ist das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland?

Die Bundesagentur für Arbeit zählte im vergangenen Jahr durchschnittlich knapp 300 000 arbeitslose Jugendliche. Das entspricht einer Quote von ungefähr sechs Prozent. Erfasst werden aber nur die Unter- 25-Jährigen, die auch bei einer Arbeitsagentur gemeldet sind. Alle, die in einer Maßnahme zur Weiterbildung oder Orientierung stecken, fallen aus dieser Statistik heraus. 2008 waren das rund 400 000 Jugendliche. Es gibt also eine extrem hohe Dunkelziffer.

Wie entwickelt sich das Problem?

Deutschland ist vergleichsweise gut aus der Krise gekommen, die Arbeitslosigkeit sinkt. Allerdings ist der Preis dafür ein wachsender Niedriglohnsektor.

Wie sieht es im internationalen Vergleich aus? In Spanien hat mehr als die Hälfte der Jugend keinen Job.

Vergleiche sind schwierig, weil sich Ausbildungssysteme und die angewendeten Maßnahmen unterscheiden. Aber es stimmt, die Lage in Deutschland ist vergleichsweise gut. Unser niedriger Durchschnittswert verdeckt aber auch die großen regionalen Ungleichgewichte hierzulande. Im Osten ist das Risiko, arbeitslos zu sein, unverändert doppelt so hoch wie im Westen.

Was sind die Gründe für Jugendarbeitslosigkeit?

Der entscheidendste Faktor ist sicher schlechte oder fehlende Qualifikation. Derzeit haben 15 Prozent der 20- bis 29-Jährigen in Deutschland keine abgeschlossene Ausbildung. Das sind 1,5 Millionen Menschen mit schlechten Aussichten auf einen Job. Aber auch die Branche und der Beruf sind entscheidend: Absolventen bestimmter Ausbildungsberufe wie Koch, Maler, Tischler oder Maurer haben ein vergleichsweise hohes Risiko, arbeitslos zu werden.

Welche Rolle spielen persönliche Probleme?

Persönliche und strukturelle Probleme hängen oft zusammen. In einer Region zu leben, in der es nicht gut läuft, kann zum Beispiel auch zu Demotivation führen.

Welche besonderen Folgen hat Jugendarbeitslosigkeit?

In der Jugend werden Werte fürs Leben geprägt. Wer in dieser Phase viel Frust erlebt, trägt ihn mitunter sein Leben lang mit sich herum. Außerdem werden arbeitslose Jugendliche stark abhängig von der Familie, wodurch sich Selbstständigkeit und die eigene Familiengründung verzögern. Auch Gewalt, Kriminalität und Rechtsextremismus registrieren wir in dieser Gruppe statistisch häufiger.

Was kann gegen Jugendarbeitslosigkeit getan werden?

Man müsste schon in den Schulen ansetzen. In anderen Ländern gibt es eine stärkere individuelle Förderung für alle, die Hilfe brauchen. Aber dafür benötigt man natürlich mehr Ressourcen. Auch was die Fördermaßnahmen angeht, herrscht bei uns Chaos. Im Nachbarland Österreich geht es deutlich standardisierter zu. Sinnvoll wäre zudem eine verbindliche halbjährige Berufs-Orientierungsphase wie in Dänemark. Dies könnte auch Ausbildungsabbrüchen vorbeugen. Fast ein Viertel der Ausbildungsverträge in Deutschland wird vorzeitig aufgelöst.

Wie steht es um die Jobcenter? Kritiker monieren ständige Umstrukturierungen, überfordertes Personal …

Ein Problem ist, dass Jugendliche zum Teil drei Anlaufstellen haben: Es gibt die Arbeitsagenturen, die Jobcenter und vielfach steht auch noch der Gang zum Jugendamt an. Probleme tauchen dann häufig durch unterschiedliche Ziele auf. Während die Jobcenter möglichst schnelle Lösungen wollen, haben die Jugendämter häufig eine längerfristige Entwicklung im Blick. Eine Lösung wäre eine stärkere Verzahnung dieser Institutionen, auch räumlich.

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