Interview : "Es gibt eine neue Qualität des Einsatzes"

Wehrbeauftragter Reinhold Robbe über das Vorgehen der USA in Afghanistan, die Politik der Bundesregierung und die Stimmung in der Bundeswehr.

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Reinhold Robbe -Foto: Thilo Rückeis

Ist die neue deutsche Afghanistanstrategie fällig, überfällig – oder überflüssig?



Mit schnellen Bewertungen bin ich stets vorsichtig. Ich rate deshalb auch zum behutsamen Umgang mit Begriffen wie „Strategiewechsel“. Allerdings nehmen Verantwortliche in der Bundesregierung jetzt die Realitäten des Einsatzes offensichtlich ernster, als das in der Vergangenheit manchmal der Fall war. Es ist absolut notwendig, eine ehrliche Bilanz der letzten acht Jahre in Afghanistan aufzumachen, um die richtigen Schlüsse daraus ziehen zu können.

Und, sind die Schlüsse richtig?

Wir müssen uns da natürlich ein Stück weit auf die Einschätzungen der militärischen Seite verlassen. Ich nehme ein Beispiel: die Abschaffung oder besser die Umwidmung der Schnellen Eingreiftruppe, der „Quick Reaction Force“ (QRF), in einen Verband, der einerseits die Ausbildung der afghanischen Armee vorantreiben und zugleich für die Sicherheit der Ausbilder sorgen soll. Aus Sicht der Soldatinnen und Soldaten ist es naturgemäß sehr wichtig, dass diese Sicherungskomponente funktioniert.

Wird der Einsatz gefährlicher, wenn die Soldaten die Lager jetzt verlassen?

Der Bedarf an Eigensicherung unserer Soldaten wird jedenfalls nicht geringer. Aber gefährlicher? Das kommt darauf an. Im deutschen Verantwortungsbereich der Nordregion verändert sich die militärische Lage gerade grundlegend. Nicht durch 850 zusätzliche deutsche Soldaten, sondern dadurch, dass die amerikanischen Verbündeten ein zusätzliches Feldlager mit rund 5000 Soldaten aufbauen. Vor allem aber bringen die Amerikaner das mit, was der Bundeswehr bisher gefehlt hat: genügend und nachtflugfähiges Fluggerät. Für die Bundeswehr bedeutet das eine neue Qualität des Einsatzes. An so etwas wie eine 24-Stunden-Präsenz war bisher gar nicht zu denken ...

... weil die Patrouille bei Dämmerung im Lager zurück sein musste ...

Genau. Aber wenn Hubschrauber rund um die Uhr Material und Truppen verlegen können, dann verändert das die Aktions- und Reaktionsmöglichkeiten und damit die Sicherheitslage – für die Soldaten wie für die einheimische Bevölkerung. Wenn diese Rechnung aufgeht, kann das im Ergebnis weniger Kampfhandlungen und größere Sicherheit bedeuten.

Aber müssen die Soldaten nicht trotzdem mit mehr Gefechten rechnen?

Man muss da mal mit einer Mär aufräumen, die ungefähr lautet: Unsere Soldaten haben das Lager bisher nur in gepanzerten Fahrzeugen verlassen, in denen ihnen praktisch nichts passieren konnte. So war das aber nicht. Nicht alle Fahrzeuge können hundertprozentig geschützt sein gegen Sprengfallen am Straßenrand. Bis zum heutigen Tag finden täglich stundenlange Gefechte statt, bei denen die Aufständischen schwere Waffen und Panzerfäuste einsetzen. Dabei sind regelmäßig schwer verwundete und leider auch gefallene Soldaten zu beklagen. In Kundus habe ich während meines letzten Besuches in sehr junge Soldatengesichter geschaut, die wirklichen Krieg erlebt haben. Das allerdings wird nur leider bei uns im Land nicht ausreichend vermittelt. Deshalb haben wir oft so verquere Diskussionen.

Solche wie den Streit um „Kampftruppen“?

In der Bundeswehr wird das ganz unaufgeregt gesehen. Für die Soldaten ist das kein spektakulärer Begriff. Das ist ein speziell ausgebildeter Truppenteil, der sich im Kampfeinsatz besonders bewähren muss, nicht mehr und nicht weniger.

Akzeptieren die Soldaten das neue Konzept?

Ich hatte in der Kürze der Zeit noch keine Gelegenheit, ausführlich mit unseren Soldatinnen und Soldaten darüber zu sprechen. Aber ich bin aufgrund vieler Gespräche in der Vergangenheit fest davon überzeugt, dass vor allem die neue Offenheit in der Debatte sehr, sehr positiv aufgenommen wird. Dass die politische Führung die Situation und die Notwendigkeiten realistischer sieht, dass sich die Staatengemeinschaft um stärkere Abstimmung bemüht, dass konkret über Abzugsszenarien gesprochen wird – das kommt nach meiner Einschätzung sehr gut an.

Erwartet die Truppe denn einen präzisen Zeitplan für den Abzug?

Nein, das glaube ich nicht. Die Soldatinnen und Soldaten wissen selbst am allerbesten, dass man sich in große Schwierigkeiten bringen kann, wenn man zu früh ein festes Datum für den Abzug nennt.

Trotzdem erscheint doch jetzt absehbar: 2011 gehen die ersten Soldaten raus, 2014/2015 sind wir weg.

Nach all dem, was ich von den Militärs und anderen Experten höre, sollte man durchaus einen solchen Zeitkorridor für einen Abzug festlegen. Aber das Festlegen auf einen exakten Termin sollte man vermeiden. Das würde auch unnötig Erwartungshaltungen wecken, die man später vielleicht enttäuschen muss. Selbst US-Präsident Barack Obama sagt ja, dass 2011 begonnen wird mit dem Abzug – wenn es die Sicherheitslage zulässt. Dieses „wenn“ ist doch wohl entscheidend.

In der Bevölkerung wird der Einsatz immer unpopulärer. In der Truppe auch?

Das kann man so nicht sagen. Es gibt die selbstverständliche Loyalität gegenüber Staat und Verfassung, aber es gibt darüber hinaus auch eine ungeheure Solidarität der Soldatinnen und Soldaten untereinander. Wenn ich mit Verwundeten, auch Schwerverwundeten spreche – das Erste, was ich zu hören bekomme, ist fast immer der Satz: Ich will so schnell wie möglich zurück in den Einsatz. Und das sind keine „Hallodris“ oder „Rambos“, diese Soldaten sind auch nicht leichtsinnig. Das ist ein Ausdruck von tiefer Kameradschaft und einem positiven Korpsgeist, den Außenstehende wahrscheinlich kaum nachvollziehen können.

… oder nicht nachvollziehen wollen, weil ihnen das alles nicht geheuer ist?

Das ist ja genau die – wie ich finde – schizophrene Situation. Der Bundestag hat in der Regel den Mandaten mit breiter Mehrheit zugestimmt. Er sollte das auch weiterhin tun, weil unsere Soldaten auf diesen Rückhalt angewiesen sind. Zugleich zeigen alle Umfragen, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung die Mandate nicht mitträgt. Das hat sicher etwas mit unserer Geschichte zu tun und einem nach wie vor tief verwurzelten Pazifismus. Aber interessanterweise zeigen die Menschen sehr viel Verständnis, wenn ich bei Veranstaltungen Hintergründe und Zusammenhänge erkläre: dass die Soldaten nicht freiwillig am Hindukusch sind, sondern als Parlamentsarmee dort hinbefohlen werden, oder dass die meisten Menschen, die dort unsere Sicherheit verteidigen, alles andere als Großverdiener sind. Viele Bürger sagen: Das habe ich nicht gewusst! Warum wird nicht offen darüber gesprochen?

Weil die Politik sich nicht getraut hat?

Deshalb bin ich dem neuen Verteidigungsminister auch ausdrücklich dankbar, dass er sein Verständnis dafür bekundet hat, wenn die Soldatinnen und Soldaten in Kundus von Krieg sprechen. Vorher durfte das nicht einmal hinter vorgehaltener Hand gesagt werden. Diese Art der Nichtdebatte war keineswegs geeignet, das Vertrauen der Truppe in die politischen Entscheidungsträger zu stärken. Sie hat auch nicht zu einer vernünftigen innenpolitischen Diskussion beigetragen. Karl-Theodor zu Guttenberg hat für einen Wechsel in der öffentlichen Darstellung gesorgt, und das ist richtig so.

Das Gespräch führten Robert Birnbaum und Sven Lemkemeyer.

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