Interview : "Frauen sind kein materielles Objekt"

Afghanistans Botschafterin in Berlin, Maliha Zulfacar, spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über das umstrittene Ehegesetz und die neue US-Strategie für ihr Land.

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Foto: dpa

Frau Botschafterin, ein neues Familiengesetz für Schiiten in Afghanistan hat im Westen Entrüstung hervorgerufen, weil es Frauenrechte verletzen soll. Was denken Sie über das Gesetz?

Als ich davon gelesen habe, war ich natürlich sehr besorgt. Afghanistan ist gerade dabei, sich zu entwickeln und zu demokratisieren. Da können wir es uns nicht erlauben, die Hälfte unserer Bevölkerung – die Frauen – zu marginalisieren und ihnen Grundrechte abzusprechen. Allerdings wollte Präsident Karsai nach meinen Informationen einige Teile des Gesetzes ohnehin noch überprüfen lassen. Die Aspekte, die im Gegensatz zu unserer Verfassung stehen, zu Menschenrechten und Frauenrechten, werden nicht akzeptiert werden. Das ist auch ein Verdienst der weiblichen Abgeordneten im Parlament, die in unserer sehr patriarchalen Stammesgesellschaft mutig für Frauenrechte kämpfen. So auch in diesem Fall.

Ist in dem Gesetz tatsächlich die Pflicht zum Beischlaf in der Ehe vorgesehen?

Das Gesetz soll es Schiiten, die in Afghanistan 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, erlauben, familiengerichtliche Probleme nach ihren eigenen religiösen Rechtsvorschriften zu regeln. Darin ist eine Pflicht zum Beischlaf in der Ehe vorgesehen. Doch eine Frau als materielles Objekt und nicht als vollständigen Menschen zu betrachten, ist gegen die Verfassung. Zu jung zu heiraten, ist ebenfalls gegen die Verfassung. Hier haben wir bereits erreicht, dass das Mindestalter von 9 auf 16 Jahre hochgesetzt wurde.

US-Präsident Obama möchte sogenannte moderate Taliban wieder in politische Prozesse einbinden. Was würde das für die Frauen in Afghanistan bedeuten?

Wenn wir ein demokratischer, pluralistischer Staat sein wollen, müssen wir akzeptieren, dass die Taliban ein Teil der afghanischen Gesellschaft sind. Es ist gut, mit ihnen zu reden und zu verhandeln, um die Gewalt zu minimieren. Aber dies sollte nicht auf Kosten der Frauen oder demokratischer Ideale geschehen. Deshalb gilt: Es ist demokratisch, mit denjenigen Taliban Kompromisse zu entwickeln, die einlenken und die Verfassung anerkennen. Die Regierung vertritt außerdem die Position, dass sie keinerlei Verbindung mit internationalen Terrororganisationen haben dürfen.

Auch ehemalige Warlords haben noch immer Einfluss. Wie gefährlich ist das für die Entwicklung des Landes?

Die Regierung muss mit ihnen zusammenarbeiten, um weitere Kämpfe zu vermeiden. Viele Warlords sind heute in die Regierung eingebunden. So wollte man ihre regionale Machtbasis schwächen.

Gerade gab es eine Afghanistankonferenz in Den Haag. Wie lautet Ihr Fazit?

Ich begrüße es, dass endlich eine einheitliche Strategie entwickelt wurde. Afghanistan benötigt das ganz dringend. Ich weiß nicht, ob Deutschland zu Kriegsbeginn eine Strategie hatte oder Amerika. Ihre Politik schien eher wie ein Ad-hoc- Ansatz ohne kohärenten Plan und ohne Koordination innerhalb der Alliierten und mit der afghanischen Regierung.

Sind Sie optimistisch, dass sie das nun ändern können?

Yes, we can, denn Präsident Obama hat angekündigt, dass endlich überprüft werden soll, was seit Kriegsbeginn erreicht wurde. Sieben Jahre sind vergangen, die Sicherheitslage verschlechtert sich, Zivilisten werden getötet, die Afghanen sind frustriert, und Millionen Dollar und Euro von Steuerzahlern werden ausgegeben. Korruption ist sicher Teil des Problems, doch man darf nicht vergessen, dass bisher nur 20 Prozent der Hilfsgelder von der afghanischen Regierung verwaltet wurden. Ein großer Erfolg der neuen Strategie ist, dass endlich anerkannt wurde, dass die Quelle des Terrors, die Quelle der Instabilität auf der anderen Seite der Grenze liegt – in Pakistan. Die Kooperation mit der pakistanischen Regierung ist Voraussetzung, um gegen terroristische Netzwerke und Aktivitäten vorzugehen.

Wie könnte Deutschland Ihrem Land momentan am besten helfen?

Indem es mehr zur zivilen Entwicklung Afghanistans beisteuert. Wir brauchen wirtschaftliche Entwicklung genauso sehr, wie wir Sicherheit brauchen. Wenn Menschen eine Zukunft haben und sehen, dass ihr Stück Land ihnen das Überleben sichern kann, dann werden sie nicht den Taliban folgen. Wir benötigen landwirtschaftliche Projekte, um den armen Menschen auf dem Land eine Alternative zu bieten. Auch für den Aufbau unserer nationalen Armee und Polizei brauchen wir weiter internationale Unterstützung, damit die Afghanen möglichst bald in der Lage sind, Sicherheit und Schutz für die Bürger selbst zu gewährleisten.

Was kann Berlin im Bildungssektor tun?

Ich habe schon oft mit deutschen Regierungsvertretern gesprochen und sie gebeten, mehr technische Schulen und Berufsschulen einzurichten, denn es gibt noch immer über 100 000 Schulabgänger mit viel Hoffnung, aber ohne Perspektive. Wir brauchen Klempner und Elektriker, ganz grundlegende Dinge. Was wir auch benötigen, sind pro Jahr 50 Studienstipendien für die junge Generation, insbesondere für Frauen. So könnten wir schnell gute und effiziente Frauen ausbilden, die Führungsaufgaben übernehmen und sich an der politischen Entscheidungsfindung beteiligen könnten.

Das Gespräch führten Karin Schädler, Claudia von Salzen und Ulrike Scheffer.

Maliha Zulfacar ist seit November 2006 Botschafterin der Islamischen Republik Afghanistan in Deutschland. Zuvor lehrte die Professorin Sozialwissenschaften in Kabul und Kalifornien.

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