Interview : „Kostenerstattung hilft gegen unnötige Arztbesuche“

Der Vorsitzende der Ärzteorganisation Hartmannbund, Kuno Winn, drängt im Interview mit dem Tagesspiegel auf eine direkte Abrechnung zwischen Mediziner und Kassenpatient.

Kuno Winn
Kuno WinnFoto: Promo

Was erhoffen Sie sich davon, nicht mehr mit den Kassen, sondern direkt mit den Patienten abrechnen zu dürfen – wie Gesundheitsminister Philipp Rösler das möchte?

In der aktuellen Debatte geht es nur um den Einstieg in Kostenerstattung, also um einen Parallellauf zum bestehenden System. Allerdings ist klar, dass damit Weichen gestellt werden. Und aus unserer Sicht stimmt die Richtung: Es braucht einen Paradigmenwechsel, weil die Kassenbeiträge sonst in zehn Jahren so hoch sind, dass sie keiner mehr zahlen kann.

Das Ministerium argumentiert, dass sich Patienten, die eine Rechnung erhalten, kostenbewusster verhalten und auch manche unnötige Behandlung ablehnen. Ist das denn im Interesse der Mediziner?

Durchaus. In einem Kostenerstattungssystem mit sozial verträglicher Selbstbeteiligung würde jeder sofort sehen, was die Behandlung kostet und eben auch, wie hoch sein Eigenanteil ist. Das hätte, selbst wenn es sich nur um ein paar Euro handelt, enorme Wirkung aufs Kostenbewusstsein. So ließe sich eine Mengenausweitung begrenzen, die in einem ungedeckelten System ins Uferlose ginge…

Wir dachten immer, die Ärzte hätten nichts gegen mehr Menge? Damit lässt sich doch gut verdienen.

Wir haben ein Interesse daran, hochqualifizierte Medizin anzubieten und die Patienten bestmöglich zu versorgen. Mit Kostenerstattung können wir das besser als mit dem bisherigen Sachleistungssystem – weil wir dann jede Leistung bezahlt bekämen und nicht mehr auf hohe Patientenfrequenz angewiesen wären.

Im Klartext: Den Medizinern brächte Kostenerstattung höhere Einkünfte. Sie könnten dann privatärztlich abrechnen, also zu deutlich höheren Sätzen...

Bei Privatpatienten wird im Regelfall der 2,3-fache Satz in Rechnung gestellt. Solche Hochstaffelung ist bei Kassenpatienten gar nicht vorgesehen. Aber weil jede Leistung bezahlt und höher bewertet würde, käme der Arzt mit weniger Patientendurchlauf auf das Gleiche. Das würde dann auch dabei helfen, die Patienten von unnötigen Arztbesuchen abzuhalten.

Müssen Kostenerstattungs-Patienten damit rechnen, auf Kosten sitzen zu bleiben?

Nein, diese Gefahr besteht nicht. Die Ärzte wissen ja, was Kassenleistungen sind. Und der Patient zahlt im Regelfall erst dann, wenn ihm die Kasse den Rechnungsbetrag erstattet hat – gegebenenfalls mit geringfügigen Abschlägen im Falle der Selbstbeteiligung. Deshalb kann auch von Vorkasse keine Rede sein. Die Versicherer stehen im Wettbewerb. Sie könnten etwa damit punkten, dass jeder seine Rückerstattung schon nach 14 Tagen auf dem Konto hat – lange bevor der Arzt sein Geld sehen will.

Was ist mit den Abschlägen?

Die würden sozial verträglich gedeckelt und damit verkraftbar sein. Bisher müssen die Kassenpatienten ja auch einiges drauflegen – von der Praxisgebühr bis zu den Zuzahlungen für Arznei, Physiotherapie und jeden Klinikaufenthalt. Das fiele im Gegenzug alles weg.

Und weil den Ärzten die Sache so gefällt, würden sie ihre Kostenerstattungs-Patienten bevorzugt behandeln?

Die erste Kasse hat bereits angekündigt, mit den Vorteilen ihres Kostenerstattungstarifs zu werben: kürzere Wartezeiten, schnellere Termine beim Facharzt… Das bliebe dann jedem selbst überlassen.

Es droht also Dreiklassenmedizin – erst die Privaten, dann einträglichere Kassenpatienten, und am Ende die ganz normalen?

Von Dreiklassenmedizin kann keine Rede sein. Es geht allein um organisatorische Vorzüge. Am Ende erhält bei uns jeder Patient dieselbe medizinische Behandlung. Und in der Notfallversorgung werden sowieso keine Unterschiede gemacht.

Eine Dreiklassen-Terminvergabe kann auch gefährlich sein – etwa wenn deshalb ein Tumor zu spät entdeckt wird.

Das schließe ich nun wirklich aus. Der Arzt wird immer abwägen, ob es eine besondere Dringlichkeit gibt. Bei gewöhnlichen Magen- oder Darmspiegelungen, auf die man manchmal warten muss, sind Zufallsbefunde selten.

Kuno Winn (65) ist seit 2005 Vorsitzender des Ärzteverbandes Hartmannbund. Vor einem Jahr verließ der Mediziner die CDU und trat der FDP bei. Das Gespräch führte Rainer Woratschka.

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