Interview : Militärseelsorger: "Jetzt ist die Realität so brutal reingekommen"

Der Militärseelsorger Wolfram Schmidt spricht im Tagesspiegel-Interview über seine Zeit in Kundus und den Umgang der Soldaten mit dem Tod.

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Wolfram Schmidt, 44, ist evangelischer Militärpfarrer. Er war von März bis Juli 2009 in Kundus.Foto: ddp

In Ihrem Kontingent gab es mehrere Anschläge auf Patrouillen, bei denen Bundeswehrsoldaten verletzt wurden, vier junge Männer sind gestorben. Wenn die Nachricht von so einem Anschlag im Lager eintrifft, wie ist dann für Sie der Ablauf?



Für mich ist erst mal wichtig, dass ich möglichst viele Informationen bekomme. Um dann darüber zu entscheiden, wo am sinnvollsten mein Platz ist. Die Anschläge sind ja nicht direkt vor dem Kasernentor passiert, das heißt, es dauert eine gewisse Zeit, bis die Soldaten wieder im Lager sind. Dann müssen sie zur Ruhe kommen, sich waschen, etwas essen. Und dann sollen sie nicht alleine gelassen werden. Und ich gehe auch ins Rettungszentrum. Wenn der Arzt entschieden hat, wer als Erster behandelt wird, dann sitzen die, die als Leichtverletzte gelten, mit ihren Eindrücken da. Zu denen gehe ich.

Was kann man einen verletzten Soldaten in so einer Situation fragen? „Wie geht’s?“

Nein, genau das macht man nicht. Ich habe festgestellt, dass Dabeisitzen und auch jemanden in den Arm nehmen eine große Erleichterung bringen kann. Oder ich sage dem Soldaten einfach, dass ich mich freue, ihn so zu sehen, wie er jetzt ist.

Nämlich am Leben?

Ja.

Stellen die Soldaten Ihnen Fragen, in der Situation oder in den Tagen danach?

Ja. Es bleibt immer die Frage nach dem Warum: Warum musste das passieren? Hätte ich nicht ...? Ich habe auch erlebt, dass mancher direkt fragt: Warum ich? Die Sinnfrage spielt eine sehr große Rolle. Dass das, was man vorher gedacht und gefühlt hat, durch einen solchen Anschlag infrage gestellt ist.

Was antworten Sie denn auf diese Fragen?

Also Weisheiten sind manchmal gut, in den meisten Fällen aber nicht. Ich versuche, mit demjenigen ein Stück des Weges zu gehen. Ganz konkret: Warum ist er hierher in den Einsatz gekommen? Und was davon ist jetzt infrage gestellt? Gibt es noch eine andere Frage in seinem Leben, die offen ist? Oftmals geht es auch um Erfahrungen, die jemand früher gemacht hat, zum Beispiel: „Das ist genauso schlimm wie damals, als meine Großmutter gestorben ist.“

Was raten Sie den Soldaten: Was sollen sie am Telefon den Liebsten zu Hause erzählen?

Erst mal ist es ganz wichtig, nicht zu lügen, nicht zu behaupten, dass das, was in den Medien kommt, nicht stimmt. Wichtig ist auch, dass sie das, was sie erzählen, am Anfang und am Ende „einpacken“. Das heißt: Man kann seinen Frust oder seine Angst rauslassen. Aber man sollte es einordnen, vorher sagen: „Also heute ist es wirklich ganz beschissen – das ist nicht immer so, aber ich muss das jetzt mal loswerden.“

Was ist so der schlechteste Anfang für ein Telefongespräch?

Also, ich konstruiere mal was: „Du brauchst keine Angst haben, ich fahre nicht mehr raus.“ Erstens stimmt das nicht. Und zweitens bringt es nichts, dem anderen seine Angst auszureden. Dann eher sagen: „Ich habe auch kein gutes Gefühl im Magen, aber ich mache das zusammen mit den Kameraden, wir passen auf uns auf.“

Spielt die Angst eine Rolle?

In der Vorausbildung haben wir öfter über Angst und Todesangst gesprochen. Im Einsatz merkt man es bei jemandem eher an seiner Erscheinung, an seinem Gesichtsausdruck, als dass er es sagt. Ich habe dann auch den Körperkontakt gesucht, zum Beispiel jemandem fest die Hand gedrückt. Oder, wenn ich mich verabschiede, ihn in den Arm genommen, was im Lager ja auch dazugehört. Wenn die Soldaten rausgefahren sind, zu bestimmten Sachen, dann bin ich noch mal bei denen vorbeigegangen und dann kam auch mal der Spruch: „Herr Pfarrer, so schlimm ist es noch nicht!“ Dann kann ich sagen: „Ich nehme das jetzt als Versprechen, dass wir uns wiedersehen.“ Also man kann das auch auf eine besondere Art und Weise zurückgeben, ohne es überzubewerten. Und am Ende denke ich, dass viele in den Gottesdienst gekommen sind, um auch einen Segen zugesprochen zu bekommen. Und zu merken, dass ihr Leben eine Bedeutung hat.

Wie ist die Stimmung im Camp in den Tagen danach, wenn ein Soldat gestorben ist?

Es ist erdrückend. Obwohl alle wissen, dass dieser Beruf gefährlich ist, ist es jetzt passiert. Es liegt eine Schwere auf dem Lager. Wenn der Verstorbene dann verabschiedet ist, weil er nach Deutschland geflogen wird, dann wird ein wenig Erleichterung deutlich: Es geht weiter. Oder: Ich kann weitermachen. Wie nach einer Beerdigung, wenn man danach zusammen Kaffee trinkt.

Was war für Sie der traurigste Moment?

Als ich nach dem Tod des ersten Soldaten, des 21-jährigen Sergej Motz, zusammen mit dem Kompaniechef den Soldaten gesagt habe, dass ihr Kamerad gestorben ist. Viele hatten noch gehofft, dass er es überlebt hat, und wir mussten dann entscheiden, ihnen zu sagen, dass er tot ist. Das war der traurigste Moment für mich.

Es sind ja nicht nur Soldaten gestorben. Bundeswehrsoldaten haben in Gefechten auch selbst Menschen getötet. Haben die Soldaten mit Ihnen darüber gesprochen?

In der Situation, wenn man noch so voller Adrenalin ist, hat man das Bedürfnis, es rauszulassen. Und dann ist die Frage: Wem erzähle ich das? Vielleicht erzähle ich das dem Kameraden neben mir, vielleicht dem Pfarrer.

Wie gehen Sie damit um?


Ich höre erst mal zu. Und frage nach.

Fühlen die Soldaten sich schuldig?

Ich denke, dass sich die Frage nach der Schuld erst später stellt. Vorrangig haben sie eine Situation erlebt, in der sie sagen: Es ging um ihn oder mich. Sie können im Gefecht ja nicht über die grundsätzliche Frage nachdenken. Viel wichtiger ist: Haben die Soldaten vorher richtig darüber nachgedacht? Sind sie bereit, in den Einsatz zu gehen und im schlimmsten Fall zu töten?

Diese Frage haben doch wahrscheinlich nicht alle beantwortet, oder?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, was ein Mensch innerlich mit sich ausmacht. Sie würden es nie sagen. Oder sie würden es verdrängen, darin sind wir ja sowieso alle Weltmeister. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es knapp 1000 Soldaten gibt, die diese Frage völlig ausblenden, sich in den Einsatz stürzen und sagen: „Wird schon!“ Ganz wichtig ist für mich dabei – und das ist auch das, was Militärbischof Dutzmann bei seinem Besuch in Kundus gesagt hat – dass wir uns immer wieder Folgendes klarmachen: Auch wenn die anderen Taliban heißen – auch das sind Menschen! Es sind Menschen, die von Bundeswehrsoldaten getötet werden.

Wie ist es für Sie, mitzuerleben, wenn Anfang-20-Jährige solchen Entscheidungen zwischen töten und getötet werden ausgesetzt sind?

Ich frage mich oft: Ist es überhaupt verantwortbar, so junge Menschen mit solch einer schweren Aufgabe zu betrauen? Es ist die Frage, ob ein 35-jähriger Berufssoldat damit besser umgehen könnte als ein 21-jähriger Zeitsoldat. Ich habe darauf keine Antwort. Die Verantwortung fängt für mich bei der Politik an und geht bis zum militärischen Vorgesetzten. Vorgesetzte, die vielleicht auch mal entscheiden sollten: Dieser Mann ist für den Einsatz nicht geeignet. All diese Themen haben mich umgetrieben. Und natürlich auch die Frage: Welche Möglichkeiten gibt es, einen Menschen wieder lebensfähig zu machen, wenn er traumatisiert ist?

Soldaten aus Bad Salzungen sind noch bis zum kommenden März in Kundus, dann liegt ein ganzes Jahr Einsatz hinter dem Standort. Wie muss jetzt die Betreuung aussehen?

Ich denke, das, was sich die Bundeswehr an Betreuungsstrukturen überlegt hat, ist nicht verkehrt. Aber sie müsste es auch umsetzen. Das heißt für mich als Pfarrer: Ich bräuchte mehr Fachleute als Gegenüber, sprich Ärzte, die sich mit Traumata auskennen, Psychologen – das sind zu wenige. Es muss auch eine Beständigkeit in der Betreuung geben, das Personal darf nicht dauernd wechseln. Und ich würde mir wünschen, dass die Familien stärker in die Einsatznachbereitung einbezogen würden – klar, die Bundeswehr sagt: Es dürfen Partner bei der Einsatznachbereitung dabei sein. Aber hat sie dafür wirklich das Personal und das Konzept?

Das heißt, die Bundeswehr ist auf den Ernstfall Kundus personell gar nicht vorbereitet?

Nein. Vielleicht muss man ja auch noch mehr Angebote von außen organisieren und fragen: Gibt es andere Organisationen, die das machen könnten? Und auch wir als Kirche müssen Schwerpunkte setzen: Ist es die ethische Ausbildung? Ist es die Seelsorge? Ist es die Familienbetreuung? Es gibt tolle Ideen auf dem Papier. Aber das reicht nicht mehr. Weil die Realität jetzt so brutal reingekommen ist.

Das Interview führte Dorothea Siegle.

DER PFARRER

Der 44-jährige Wolfram Schmidt ist evangelischer Militärpfarrer und betreut Soldaten in den Kasernen in Bad Salzungen und Oberhof in Thüringen und im hessischen Rotenburg an der Fulda. Er war 2002 in Mazedonien, 2005 im Norden Afghanistans und von März bis Juli 2009 in Kundus.

DIE MILITÄRSEELSORGE

Militärpfarrer betreuen Soldaten und deren Famlien an den Standorten in Deutschland als Seelsorger, organisieren Famlienwochenenden und geben berufsethischen Unterricht. Sie sind aber auch in Auslandseinsätzen.

DIE SOLDATEN

Das 19. Kontingent war von März bis Juli 2009 im PRT (Provincial Reconstruction Team) in Kundus. In dieser Zeit gab es zahlreiche Raketenangriffe aufs Lager, Anschläge auf Patrouillen und Gefechte. Dabei wurden Bundeswehrsoldaten verletzt, vier starben: Sergej Motz (21), Martin Brunn (23), Alexander Schleiernick (23) und Oleg Meiling (21). Über die Zahl der getöteten Afghanen gibt es keine Informationen.

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