Interview mit Ärztevertreter Montgomery : „Kleine Gruppen müssen sich wehren“

Der Chef der Vertretung der deutschen Ärzte, Frank Ulrich Montgomery, im Tagesspiegel-Interview über den Lokführerstreik, die SPD und die Lage der Krankenhäuser.

Ärzte Montgomery Foto: dpa
"Die Kliniken sind falsch finanziert": Der Chef der Ärztevertretung Marburger Bund, Montgomery. -Foto: dpa

Herr Montgomery, haben Sie Sympathie mit dem Streik der Lokführer?

Ja, große Sympathie. Ich habe zwar keine Ahnung vom Beruf des Lokführers. Aber es geht hier im Kern ja auch darum, dass sich eine gut organisierte Berufsgruppe dagegen wehrt, dass andere über ihre Arbeitsbedingungen bestimmen …

… und dass die Lokführer genau das wollen, was Sie für Ihre Klinikärzte erreicht haben: einen eigenen Tarif. Welche Vorgehensweise würden Sie der GDL denn raten?

Zunächst ist es richtig, beim Streik vom Personen- auf den Güterverkehr umzuschwenken. In dieser Republik ist ja nach wie vor der Einfluss von Industrie und Wirtschaft weit höher als der des Individuums. Außerdem kommt das bei den Bürgern besser an als Streiks im Personenverkehr. Ich halte also die Taktik für richtig, würde aber noch etwas zulegen. Wir Ärzte haben damals nur durch konsequentes Anziehen der Daumenschrauben etwas erreicht. Die bisherigen Angebote der Deutschen Bahn waren Unverschämtheiten. Herr Mehdorn ist ja in seinem Altersstarrsinn nicht mal bereit, mit den Lokführern vernünftig zu reden.

Sie sind SPD-Mitglied. Finden Sie es denn richtig, dass sich immer mehr Berufsgruppen aus der Solidarität verabschieden?

Ich bin der SPD beigetreten unter dem Eindruck von Willy Brandts Ostpolitik und der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt. Wenn ich die aktuelle Rückwärtsbewegung dieser Partei sehe, weiß ich aber nicht, ob ich mich freuen soll, auf meine Mitgliedschaft angesprochen zu werden. Ich respektiere die Argumente für die Tarifeinheit. Aber als Großgewerkschaft muss man dann auch intern einen vernünftigen Ausgleich suchen. Wenn es damals gelungen wäre, die berechtigten Interessen der Ärzte besser zu berücksichtigen, wäre es wahrscheinlich nie zu der Auseinandersetzung mit Verdi gekommen.

Eine kleine, aber mächtige Gruppe nutzt ihre Druckmöglichkeiten aus. Ist das gut?

Es ist absolut legitim, dass kleine Gruppen, wenn sie von großen untergebuttert werden, sich dagegen wehren.

Nun geht den Krankenhäusern die Puste aus. Und die Funktionäre sagen: Das ist auch eine Folge der hohen Ärztegehälter …

Das ist völliger Blödsinn. Materiell liegen unsere Abschlüsse ganz im Rahmen des Üblichen. Wenn den Kliniken die Puste ausgeht, hängt das vor allem mit Managementfehlern zusammen. Außerdem sind sie falsch finanziert. Das kann man auf Dauer nicht den Mitarbeitern anlasten. Im Übrigen: Wenn man ihnen keine Perspektive gibt, gehen sie in andere Berufe.

Wie gut oder schlecht geht es denn den Krankenhäusern aus Ihrer Sicht?

Es geht ihnen sehr unterschiedlich. Ein Drittel schreibt schwarze Zahlen. Die haben sich frühzeitig auf moderne Prozesse eingestellt, in guter Zusammenarbeit von Ärzten, Pflegepersonal und Verwaltung. Und es gibt Häuser, die sind nach wie vor desolat aufgestellt. Außerdem herrscht ein Stück weit Unehrlichkeit in der Politik, was die Finanzierung angeht. Wir haben Spitzenkrankenhäuser, die für ihre besondere Leistung Zuschläge brauchen würden. Und wir haben sehr kleine Kliniken, die wir aber zur Versorgung unbedingt brauchen. Denen muss man auch helfen. Sie können ein 120-Betten-Haus auf Rügen oder im Bayerischen Wald nicht kostendeckend führen.

Beunruhigt Sie der angekündigte Personalabbau bei den Pflegekräften?

Ja. Aufgrund der gesunkenen Verweildauer brauchen wir zwar sehr viel weniger klassisches Pflegepersonal. Aber in den ersten Tagen des Klinikaufenthaltes hat sich die Arbeit ungemein verdichtet. Wir brauchen dafür anderes, wahrscheinlich höher qualifiziertes Pflegepersonal. Die Frage ist also, ob man klug beraten ist, jetzt Leute zu entlassen, um dann wieder andere einzustellen. Oder ob man das nicht auch durch Qualifizierungsinitiativen innerhalb der Kliniken hinbekommt.

18 Jahre lang führten Sie den Marburger Bund. Nun wollen Sie nicht mehr. Warum?

18 Jahre sind genug. Außerdem haben wir hochaktive Mitglieder, von denen viele auch unter dem Eindruck des Streiks eingetreten sind. Da ist es an der Zeit, den Erneuerungsprozess einzuleiten. Ich habe den Verband von 45 000 auf 110 000 Mitglieder gebracht. Wir haben eigene Tarifverträge, wir sind eine Größe geworden. Das ist der richtige Zeitpunkt, um die Verantwortung in andere Hände zu legen.

Aber Präsident der Bundesärztekammer – das wäre schon noch was?

Als Vizepräsident habe ich ja bereits meinen Hut im Ring. Wer Vizepräsident wird, muss sich auch zutrauen, der gesamten deutschen Ärzteschaft vorstehen zu können. Sonst ist er fehl am Platz.

Die Fragen stellte Rainer Woratschka.

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