Politik : Interview mit DDR-Spionagechef Markus Wolf zu den Abhörprotokollen der Stasi

Herr Wolf[die Veröffentlichung der Abhö]

Markus Wolf (77) war seit den fünfziger Jahren Leiter der Hauptabteilung Aufklärung und Stellvertreter Mielkes. 1986 schied der Generaloberst auf eigenen Wunsch aus dem MfS aus. Nach der Wende wurde er wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung verurteilt.

Herr Wolf, die Veröffentlichung der Abhörprotokolle des CDU-Politikers Uwe Lüthje wirft ein neues Licht auf die Spendenaffäre. Hat sie das Auftauchen der Stasi-Materialien überrascht?

Natürlich nicht. Die Tätigkeit der Hauptabteilung Aufklärung (HVA) war genau darauf gerichtet, möglichst alle relevanten Gespräche bundesdeutscher Politiker abzuhören. Dass Herr Lüthje zu den Zielpersonen unseres Interesses gehörte, verstand sich von selbst.

Sind weitere Enthüllungen zu erwarten?

Selbstverständlich wurden von der HVA viele Personen von politischem Interesse in das Programm der Abteilung III (Funkabwehr des MfS) eingegeben. Die Informationen wurden ausgewertet, analysiert und archiviert. Die Auswertungen landeten dann auf meinem Schreibtisch.

Auch bislang unbekannte Protokolle von Helmut Kohl?

Ich möchte das nicht explizit beantworten. Ich hatte einiges auf dem Tisch, was den früheren Bundeskanzler betraf. Wir hatten schließlich gute Informationen bezüglich der "Flick-Affäre", die 1981 aufgedeckt wurde. Auch gute Informationen über die Rolle des CDU-Vorsitzenden.

Warum haben Sie davon keinen Gebrauch gemacht?

Für uns hatte der Quellenschutz einen hohen Stellenwert. Zum anderen war die politische Lage auf Entspannung gepolt. Wir rechneten damit, dass es zu anderen Zeitpunkten günstiger wäre, belastendes Material einzusetzen.

Aber den großen CDU-Skandal hat die HVA nicht ausgelöst. Und das trotz Ihres Spions Hans-Adolf Kanter, der unter dem Decknamen "Fichtel" in Kohls Umfeld agierte ...

Die Informationen von Herrn Kanter waren von großer Relevanz. Mit der Verwendung haben wir uns zurückgehalten. Die Flick-Unterlagen hat ja der "Spiegel" veröffentlicht.

Mit ihrer Hilfe?

Wir haben den "Spiegel" nicht gefüttert.

Sind Sie letzten Endes froh, dass die Stasi-Akten nicht vollständig vernichtet worden sind?

Hinsichtlich der CDU-Spendenaffäre war es offenbar ganz gut. Ich verstehe aber nicht, mit welcher Heuchelei westdeutsche Medien und Politiker unsere Ergebnisse behandeln.

Ihre Abhöraktionen waren illegal ...

Ich bitte Sie! Es ist doch bekannt, dass das nicht nur Sache einer Seite war. Amerikaner und BND haben die internen Partei- und Regierungsleitungen der DDR abgehört. Unsere Informationen als illegal zu bezeichnen, überschreitet die Grenze der Heuchelei.

Was waren Ihre Ergebnisse wirklich wert?

Das Ende der DDR haben wir nicht verhindern können. Im Ganzen gesehen, war die Telefonüberwachung nicht effektiv. Aufwand und Ergebnis standen in keinem Verhältnis zueinander. Aber immerhin konnten wir die Entspannungspolitik zwischen beiden deutschen Staaten unterstützen. Insofern war unsere Arbeit friedensfördernd.

Wie bitte?

Man sollte uns nicht immer die Absicht unterstellen, dass wir die BRD destabilisieren wollten. Das ist purer Unsinn.

Herr Wolf, Sie haben ein Buch über die russische Küche geschrieben. Welches Gericht würden Sie derzeit der CDU empfehlen?

Auf jeden Fall den Borschtsch. Wenn er richtig zubereitet wird, färbt er sich dunkelrot. Das Gespräch führte Robert Ide

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