Interview mit dem DRK-Generalsekretär : "Wiederaufbau in Nepal wird Jahre dauern"

Der neue Generalsekretär des DRK über die schwierige Hilfe in Nepal und den vergessenen Einsatz im syrischen Bürgerkrieg.

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Rettungseinsatz in einem Bergort in Nepal.
Rettungseinsatz in einem Bergort in Nepal.Foto: dpa

Herr Reuter, am Dienstag bebte in Nepal wieder die Erde. Wie schätzen Sie die Lage dort ein?

Jetzt ist es noch schwieriger, das gesamte Land mit Hilfsgütern zu versorgen. Es gab seit dem ersten Erdbeben Ende April mehr als 8000 Tote, die Infrastruktur ist völlig zerstört. Viele Gegenden sind nach wie vor nur schwer zu erreichen. Wer jetzt auf 4000 Metern Höhe ohne Strom, Wasser und Obdach seine Familie durchbringen muss, der kämpft ums nackte Überleben. In dieser Woche schicken wir deshalb erneut zwei Hilfsflüge mit insgesamt 40 Tonnen nach Nepal.

Christian Reuter ist seit April Generalsekretär des DRK.
Christian Reuter ist seit April Generalsekretär des DRK.Foto: M. Handelmann/DRK

Was wird dort vor allem gebraucht?

Neben Kanistern für Trinkwasser, Decken und Werkzeug zum Bau von Notunterkünften haben wir auch mehrere Tausende Plastikplanen an Bord. Es hat sich gezeigt, dass diese vielseitiger einsetzbar sind als Zelte, denn man kann sie zum Beispiel auch über eine Hütte oder ein beschädigtes Haus spannen. Sie sind auch widerstandsfähiger. Das ist in Nepal besonders wichtig, denn es beginnt bald die Monsunzeit.

Anfangs klagten Hilfsorganisationen über Chaos im Katastrophengebiet. Können Sie das bestätigen?

Man muss zunächst berücksichtigen, dass wir hier von einer Katastrophe in einem Land sprechen, in dem die staatlichen Strukturen nicht so ausgeprägt und entwickelt sind wie bei uns beispielsweise. Dann kommen in einem solchen Katastrophenfall viele, die helfen wollen. Das ist natürlich erstmal positiv. Doch nicht jede kleine Organisation ist auch in der Lage, in einer solchen Situation vor Ort effektiv zu helfen. Als Rotes Kreuz haben wir den Vorteil, dass wir uns weltweit koordinieren können.

Wirkt sich die mangelnde Professionalität anderer denn auf Ihre Arbeit auf?

In der Praxis kann es beispielsweise passieren, dass die Landebahnen im Katastrophengebiet blockiert sind und wir nicht hineinkommen. Unsere Hilfsgüter sind aber gerade in der Anfangsphase sehr wichtig – mobile Krankenhäuser, sanitäre Einrichtungen, Lebensmittel und vieles mehr. Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass kleinere Organisationen schlechte Arbeit leisten, in der Anfangszeit können wir aber einfach besser und schneller helfen. Schließlich sind wir überall auf der Welt mit lokalen Rotkreuz-Gesellschaften vertreten, die die Hilfe im Land organisieren können. Auch in Nepal.

Kann man in Nepal schon den Wiederaufbau planen?

Die Planung des Wiederaufbaus wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Wir unterstützen als DRK alle, die mit Hochdruck an dieser Herausforderung arbeiten. Denn natürlich müssen hier Fragen zur Erdbebensicherheit, zu Lage und Erschließung von Baugebieten sowie die Beschaffung von Baumaterialien, insbesondere Holz, in einer doch sehr kargen Landschaft berücksichtigt und geklärt werden. Wenn man sich vergleichbare Szenarien, etwa in Haiti, anschaut, dann zeigt die Erfahrung, dass es Jahre, ja sogar ein Jahrzehnt dauern kann, bis ein Land den Entwicklungsstand wiedererlangt haben wird, den es vor der Katastrophe hatte.

Ist Nepal derzeit der größte DRK-Hilfseinsatz?

Die mit Abstand größte Katastrophe, mit der wir konfrontiert sind, findet in Syrien statt. Hier unterstützen wir unsere Schwesterorganisation vom Syrischen Roten Halbmond. Es ist gleichzeitig der gefährlichste Einsatz. 51 Mitarbeiter des  Roten Halbmonds sind in Syrien bereits ums Leben kommen. Das findet allerdings weitgehend jenseits der öffentlichen Wahrnehmung statt.

Christian Reuter (47) ist seit April Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Zuvor war er Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes Deutschland.

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