• Interview mit dem Militärhistoriker Klaus Naumann: „Der Soldatenberuf ist ein politischer Beruf“

Interview mit dem Militärhistoriker Klaus Naumann : „Der Soldatenberuf ist ein politischer Beruf“

Der Militärhistoriker Klaus Naumann spricht über die neue, ungewohnte Rolle des Militärs, den hybriden Krieg in der Ukraine und die Material- und Beschaffungsprobleme der Bundeswehr.

Der Militärhistoriker Dr. Klaus Naumann ist Wissenschaftler im Hamburger Institut für Sozialforschung und Mitglied des 14. Beirats für Fragen der Inneren Führung des Verteidigungsministeriums.
Der Militärhistoriker Dr. Klaus Naumann ist Wissenschaftler im Hamburger Institut für Sozialforschung und Mitglied des 14. Beirats...Foto: dpa

Herr Naumann, hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahren über den Afghanistaneinsatz die Landes- und Bündnisverteidigung aus dem Blick verloren?

Bevor man rasch zustimmt, sollte man fragen: Was heißt heutzutage Landes- und Bündnisverteidigung? Bei den Kämpfen in der Ukraine geht es ja nicht mehr nur um einen konventionellen Landkrieg. Vielmehr handelt es sich um eine Art „hybriden Krieg“, das heißt, einen Konflikt mit sehr gemischten Strukturen: verdeckt agierende Kämpfer, Spezialkräfte, Intelligence, Propaganda, der parallele Einsatz von Wirtschaftssanktionen. Mit der Forderung nach mehr Panzern wäre es allein nicht getan.

Das heißt? Wie könnte man der Forderung zum Beispiel der Nato nach einem stärkeren Gewicht der Bündnisverteidigung nachkommen?

Zunächst sollte man klären: Sind die Mittel dafür so ganz andere als bei der Aufstandsbekämpfung in asymmetrischen Szenarien? Braucht man nicht in allen diesen Fällen luftverladefähiges Material, gepanzerte Fahrzeuge, Kommunikations-, Aufklärungs-, Nachrichtengewinnungstechnik?. Dann die Frage: Wie sehen Politik und Streitkräfte das? Und schließlich: Wie kann man das klären, wenn wir noch immer keine offizielle Auswertung des Afghanistaneinsatzes haben?

Was meinen Sie?

Man hat Soldaten in diesen Einsatz geschickt, man hat mehr als 50 Todesopfer zu beklagen, und dann wird nicht einmal eine solide Auswertung vorgenommen, an der sich ablesen lässt: Was hat sich gelohnt, was hat sich nicht gelohnt, wo gab es Fortschritte, wo gibt es keine, wie soll das weitergehen? Das zu vernachlässigen ist sträflicher Leichtsinn. Ich verstehe ein Parlament nicht, das sich das gefallen lässt.

Warum gibt es die Auswertung nicht?

Wir können vermuten, erstens, dass es einen Unwillen aufseiten der Politik gibt, dieses unangenehme Kapitel noch weiter zu verfolgen. Zweitens haben wir es mit einer mangelnden Durchsetzungsfähigkeit des Militärs zu tun. Der Generalinspekteur müsste auf den Tisch hauen. Er müsste die Politik fragen: Ihr wollt neue Einsätze fahren – und beauftragt uns noch nicht mal mit einer soliden Auswertung des vorangegangenen Großeinsatzes? Das geht nicht.

Denkt das Militär nicht politisch genug?

Man hat sich zurückgezogen auf das Militärhandwerkliche des Soldatenberufes. Das hat eine lange Tradition. Aber der Soldatenberuf ist ein politischer Beruf. Er agiert auf einem politischen Gefechtsfeld: zusammen mit nichtmilitärischen Akteuren, mit der Host Nation, mit NGOs, mit dem Auswärtigen Amt, mit dem Entwicklungshilfeministerium. Und der Auftrag ist ein politischer.

Das heißt?

In Afghanistan soll ein hinreichend stabiles Staatswesen gesichert werden. Dieser Auftrag verlangt großen Sachverstand, viel Zeit und Fingerspitzengefühl. Mit Sieg oder Niederlage im militärischen Sinne ist das nicht zu erreichen. Der Soldat hat einen politischen Auftrag, den er ins Militärische übersetzen und gleichzeitig wieder ins Politische rückübersetzen können muss. Wenn er das nicht kann, passiert Folgendes: Man siegt sich taktisch zu Tode, aber der politische Erfolg bleibt aus. Dann bleibt nur noch die amerikanische Spruchweisheit: „Declare victory and run!“

Die politische Sinnstiftung – ein Fehlschlag?

Wenn ein Einsatz wie der in Afghanistan ohne ausgearbeitete Strategie läuft, dann ist das Militär in der Zwangslage, die Politik hintenrum wieder einzubringen: Es schreibt sich seine Strategie dann selbst. So wie die US-Generale McChrystal und Petraeus das mit dem Konzept der Counterinsurgency, der Aufstandsbekämpfung, im Irak und in Afghanistan getan haben. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Kampferfahrung. Briten und Amerikaner haben in der Vergangenheit schon in diversen Einsätzen gestanden und eigene Erfahrungen gemacht. Für die Bundeswehr aber ist das Neuland. Das schlägt sich sogar in der Militärsoziologie nieder. Da gibt es jetzt Stimmen, die behaupten, die Kampfsituation und -erfahrung bestimme das Selbstbild des Soldaten. Das ist empirisch unzutreffend. Und auch konzeptionell fragwürdig. Wie Clausewitz schon sagte: Der Krieg ist kein Zweikampf, sondern ein politisches Geschäft. Dieses Hintergrundwissen bringen die Soldaten mit und darin müssen sie bestärkt werden.

Wer ist da gefordert?

Die Bundeswehr selbst. In ihrer Ausbildung. Und grundsätzlich auch die Politik. Wir brauchen angesichts der aktuellen Probleme dringend einen Reviewprozess, wie ihn das Auswärtige Amt begonnen hat, das heißt, eine große Bestandsaufnahme, eine breite Diskussion. Und es ist höchste Zeit für ein neues Weißbuch. Das letzte ist von 2006. Der sichtbare Ausdruck einer Afghanistanauswertung wäre ein neues Weißbuch, und das sollte auf innerministerieller Ebene erarbeitet und mehr werden als ein Ressortpapier.

Warum gibt es diese Diskussion nicht?

Das fragt man sich. Über die Material- und Beschaffungsprobleme ist ja auch ewig nicht geredet worden. Wenn das jetzt aufgebrochen ist, dann handelt es sich dabei streng genommen nur um die Spitze des Eisbergs. Unter Wasser liegen langjährige Missstände bei den inneren Strukturen, im Bürokratismus, im Schweigen zu offensichtlichen Missständen und Fehlentscheidungen. Die „Fehlerkultur“, die Frau von der Leyen jetzt einfordert, das wäre im Grunde eine Generalsanierung der Inneren Führung. Dabei geht es um ein Führungsverhalten, bei dem sich der Soldat als verantwortlicher Treuhänder des Auftrags begreift und seinen Fachverstand auch dort einbringt, wo es karriereschädlich sein kann.

Was müsste passieren?

Nötig wäre eine Diskussion über sicherheitspolitische Prioritätensetzungen – was ist wirklich wichtig, was eher nicht – wie über militärpolitische Folgerungen, in die sich auch der militärische Sachverstand unbeschränkt, unverstellt, gewissermaßen rücksichtslos einbringt. Gerade da, wo es unbequem ist. Das wäre Sache des Generalinspekteurs und der Inspekteure der Teilstreitkräfte, um einmal oben anzufangen. Aber da kommt zu wenig. Es fehlt an militärpolitischen Köpfen. 2005 forderte der damalige Präsident Horst Köhler bei einem Vortrag vor künftigen Generalstabsoffizieren: Mischen Sie mit in der sicherheitspolitischen Diskussion! Treten Sie unserer Elite kräftig auf die Füße! Davon ist nichts zu sehen. Man verharrt in vorauseilendem politischem Gehorsam, im Absicherungsdenken. Innere Führung, ein selbstverantwortliches Handeln im öffentlichen Auftrag, ist das nicht.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Der Militärhistoriker Dr. Klaus Naumann ist Wissenschaftler im Hamburger Institut für Sozialforschung und Mitglied des 14. Beirats für Fragen der Inneren Führung des Verteidigungsministeriums.

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