Interview mit Iman Bughaigis : „Gaddafi hat die Moral zerstört“

Die ersten demokratischen Wahlen stehen in Libyen an. Die Menschen haben Hoffnung, doch das Land hat viele Probleme. Ein Gespräch mit einer der bekanntesten Repräsentantinnen des neuen Libyens.

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Iman Bughaigis (50) war nach der Befreiung von Benghasi von März bis Juni 2011 erste offizielle Sprecherin des Nationalen Übergangsrats. Sie ist Professorin für Zahnheilkunde.
Iman Bughaigis (50) war nach der Befreiung von Benghasi von März bis Juni 2011 erste offizielle Sprecherin des Nationalen...Foto: Katharina Eglau

Frau Bughais, Sie waren einst Sprecherin des Nationalen Übergangsrats und gehören zu den bekanntesten Repräsentantinnen des neuen Libyen. Wie ist die Situation knapp ein Jahr nach Gaddafis Ende?

Nach der Revolution war das Land komplett zusammengebrochen. So etwas hat es in der arabischen Welt zuvor nur in Somalia gegeben. Doch wir sind wieder auf die Beine gekommen. Wir haben Fortschritte in Richtung Demokratie gemacht – trotz vieler Hürden. In manchen Städten gab es inzwischen Kommunalwahlen, die von der internationalen Gemeinschaft als sauber bewertet wurden.

Das klingt alles sehr optimistisch, obwohl Libyen momentan vor allem durch Schießereien mit vielen Toten von sich reden macht. Wie passt das zusammen?

Wenn man von außen auf ein Land schaut, ist das immer etwas anderes, als wenn man darin lebt. Wir haben Gewalt, das stimmt, aber nicht auf einer breiten Basis. Es gab die Gefahr eines Bürgerkrieges, aber die ist inzwischen gebannt – weil die Menschen wachsam waren und eingeschritten sind. Leider ist die bisherige Führung des Nationalen Übergangsrates nicht energisch genug gegen die alten Regimegrößen vorgegangen, die von unseren Nachbarländern Algerien, Tunesien, Sudan, Mali und Ägypten aus versuchen, Unruhe zu säen. Sie lassen nicht locker und haben enorme Mengen Geld. Und wir haben anderthalb Jahre nach Beginn der Revolution immer noch keine funktionierenden Sicherheitskräfte und keine funktionierende Armee.

Was ist das schlimmste Erbe Gaddafis?
Er hat uns eingetrichtert, mit Lügen zu leben. Die Leute haben keine Maßstäbe, wenn sie Gerüchte hören. Sie glauben einfach alles. Weiter haben wir ein riesiges Problem mit der Arbeitsmoral. Die Leute wissen nicht, wie man richtig arbeitet. Sie kommen ins Büro, bleiben ein paar Stunden, gehen wieder. Andere bleiben ganz weg, und niemand sagt etwas. Gaddafi hat die Moral der Menschen zerstört. Das müssen wir ganz neu aufbauen.

Was ist das Wichtigste für die Zukunft?
Wir müssen alle staatlichen Strukturen ganz neu aufbauen, wir haben überhaupt keine richtige Verwaltung. Wir haben noch nicht einmal verbindliche Arbeitsplatzbeschreibungen – angefangen vom Premierminister bis zum Müllmann auf der Straße. Weiter brauchen wir viel mehr Investitionen in Ausbildung und Erziehung unserer jungen Leute. Das Wichtigste aber ist eine gute Führung für unser Land. Ich hoffe, wir werden am Wochenende die richtige Wahl treffen und auch das nötige Glück haben.

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