Interview mit Rainer Glatz : "Eine rein militärische Aufstockung wird nichts nützen"

Der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Rainer Glatz, fordert eine deutliche Verstärkung des zivilen Engagements in Afghanistan.

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Rainer Glatz (58) ist Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. - Foto: Mike Wolff

Die Bundesregierung wechselt gerade, der Einsatz in Afghanistan bleibt ihr und Ihnen erhalten. Jetzt müssen Bundeswehrsoldaten auch noch überraschend zu Winterbeginn am 7. November eine Stichwahl absichern. Wie schätzen Sie die Lage ein?



Die Stichwahl mag zwar überraschend kommen, in unsere Planung haben wir die Möglichkeit allerdings von Beginn an einbezogen und unsere Soldaten auch darauf intensiv vorbereitet. Ich wünsche Afghanistan einen friedlichen Verlauf der Wahl, da Stabilität und eine legitimierte Regierung eine wichtige Grundlage der zukünftigen Zusammenarbeit mit Isaf und der gesamten Staatengemeinschaft darstellen. Hinsichtlich der Sicherheitslage bin ich zuversichtlich, da auch im Vorfeld des ersten Wahldurchganges im August schwere Anschläge der Taliban angekündigt waren. Die Wahlen konnten dann im Norden aber weitestgehend störungsfrei ablaufen. Gleichwohl schüchtern Drohungen die afghanische Bevölkerung sowie zivile Hilfskräfte ein, die dann teilweise die dringend erforderlichen Hilfeleistungen einstellen. Die Isaf-Kräfte werden erneut eine Aufgabe in der dritten Reihe wahrnehmen und der afghanischen Polizei und dem Militär, wenn benötigt, zur Unterstützung zur Verfügung stehen. Die Witterungsbedingungen Anfang November erachte ich als noch hinnehmbar, da starke Schneefälle landesweit voraussichtlich erst später einsetzen.

In Militärkreisen heißt es, das Mandat müsse im Dezember von 4500 auf 7000 Mann aufgestockt werden. Was ist Ihre Empfehlung an den neuen Minister, damit Sie ihren Job machen können?

Damit man diese Frage abschließend beantworten kann, bedarf es weiterer politischer Abstimmung innerhalb der Nato, insbesondere nach den Vorschlägen der Amerikaner, die Truppen in Afghanistan aufzustocken. Wenn diese Abstimmung abgeschlossen ist, wird man sehen, wie groß ein deutscher Beitrag sein muss. Ich möchte daher nicht über Zahlen spekulieren.

Aber die Bundeswehr hätte Spielraum, denn aus dem Kosovo werden rund ums Jahresende zahlreiche Soldaten abgezogen, gut 2000 Deutsche sind dort noch.

Es kommt immer darauf an, welche militärischen Fähigkeiten in Isaf gefordert werden. Das müssen nicht zwangsläufig diejenigen sein, die aus einem anderen Einsatz herausgelöst werden.

Aber man könnte andere Soldaten dafür ausbilden. Wenn 2200 Soldaten aus dem Kosovo zurückkämen, könnten 2200 andere nach Afghanistan gehen. Die Gesamtzahl in Auslandseinsätzen würde nicht steigen.

Zunächst muss ich feststellen, dass wir nicht alle deutschen Kräfte auf einmal aus dem Kosovo abziehen werden. Dann dürfen Sie das nicht eins zu eins rechnen. Der Abbau im Kosovo wird multinational abgestimmt. Eine Nation kann grundsätzlich nicht ihre Soldaten von sich aus abziehen. Der multinationale Kommandeur bestimmt die Fähigkeiten, die er schrittweise nicht mehr benötigt; dann stimmen sich die Nationen ab. Am Ende weiß ich als Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, ob beispielsweise Kampftruppen, Fernmelder oder Logistiker frei sind; wir nennen das Fähigkeitspakete. Wenn der politische Wille besteht, können diese Soldaten woanders eingesetzt werden. Aber es muss immer geprüft werden, ob sie zu dem passen, was zum Beispiel der Kommandeur der Isaf gerade benötigt.

Hauptplayer in Afghanistan sind die USA. Wie wirkt es sich in der Nato aus, dass dort noch nicht über die Vorschläge des Oberkommandierenden für Afghanistan, US-General McChrystal, entschieden ist? Lähmt die Unruhe die Nato?

Nein. Ich glaube, dass wir die Entscheidung der Amerikaner relativ zeitnah über die Nato bekommen werden.

Aber im Moment liegen Kräfteforderungen für mich hier in Potsdam nicht erkennbar auf dem Tisch.

Ich würde das auch nicht Unruhe nennen. In der Nato entscheidet jede Nation für sich, was sie leisten kann und will. Auch die amerikanische Entscheidung ist noch nicht gefallen, das müssen wir in der Allianz akzeptieren.

Aber an den USA hängt alles.

Es wird auch Entscheidungen anderer Nationen geben. Es beteiligen sich immerhin 42 Nationen an Isaf, die Masse sind Nato-Nationen. Auf den Gesamtprozess wird daher auch Einfluss haben, was in anderen Hauptstädten gedacht, entschieden oder noch nicht entschieden wird. So haben die Briten diese Woche eine Verstärkung um 500 Soldaten kommuniziert. General McChrystal will, dass die internationale Truppe versucht, die Herzen der Afghanen zu gewinnen. Dafür muss man raus aus den Lagern und Städten in die Fläche und mit den Menschen reden.

Bei der Analyse des McChrystal-Plans stellen sich mehrere Grundsatzfragen, die noch nicht entschieden sind. Geht Isaf überall in die Fläche?

Die gesamte Fläche könnte die Mission aber mit Kräften überall in der Fläche nicht abdecken.

General McChrystal selbst spricht von Zentren, wo die Bevölkerung lebt - also die Umgebung von Städten. Aus diesen Schwerpunkten kann man dann ableiten, wie viele Soldaten nötig sind.

Zudem ist davon auch abhängig, wie viel Zivilpersonal nötig ist, wenn ich den vernetzten Ansatz von militärischem und zivilem Aufbau verfolge. Ich fange also mit einzelnen Zentren an und gehe schrittweise in die Fläche, wie beispielsweise bei der Polizeiausbildung in den Distrikten, dem sogenannten Focused District Development Ausbildungsprogramm. Dieser Ansatz ist der einzig machbare für die Polizei, aber er benötigt viel Personal, weil wir die Ausbildung der afghanischen Polizisten über Monate eng begleiten müssen - sowohl mit deutschen Polizisten als auch mit Bundeswehrkräften. Daraus kann ich aber noch keine Gesamtzahl hochrechnen. Ich muss erst wissen, wo ich - in welchem Umfang - beginnen muss und will.

Welche Fragen stellen sich für Sie noch?

Welches Risiko will ich eingehen? Die Frage geht an alle beteiligten Nationen. Als Beispiel die Ausbildungsunterstützung der afghanischen Streitkräfte: Wollen wir es weiter so machen wie bisher, dass wir die afghanische Armee vorrangig in den Stäben und in der Ausbildung der Ausbilder begleiten, oder wollen wir integrativ auch auf die Ebenen darunter gehen? Je tiefer ich in dieser Integration gehe, desto mehr Kräfte benötige ich. Dann brauche ich aber auch mehr Logistik, mehr Sanitäter, mehr Ärzte und mehr Hubschrauber. Dann kommen sie schnell zur Frage der Kapazitäten, die wirklich verfügbar sind.

Müssen sich die deutschen Soldaten darauf einstellen, dass durch die Pläne von Mc-Chrystal die Gefahr für Leib und Leben weiter steigt?

Wenn sie stärker in die Fläche gehen, werden sie nicht ausschließen können, dass auch das Risiko der Auseinandersetzungen in Gefechten mit Aufständischen steigt.

McChrystal will auch mehr Leute ohne gepanzerte Fahrzeuge raus schicken. Die Deutschen tun in Kundus gerade das Gegenteil.

Wir haben bereits den Grundsatz, so viel Schutz wie möglich, aber auch so viel Offenheit wie nötig. Irgendwann muss ich das Fahrzeug verlassen, um mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten oder andere Aufträge zu erfüllen. Das ist eindeutig der Moment, in dem das Risiko steigt.

Muss sich die deutsche Öffentlichkeit darauf einstellen, dass es künftig mehr gefallene deutsche Soldaten in Afghanistan geben wird?

Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass in Zukunft nichts mehr passiert oder gar absolute Sicherheit herrscht. Das wäre unredlich. Und wir müssen davon ausgehen, dass die Situation in der Region Kundus auf absehbare Zeit nicht stabil sein wird.

Sie haben den vernetzten Ansatz, den militärisch abgesicherten zivilen Aufbau, erwähnt. Wie hoch müsste denn bei einer Aufstockung jeweils der Anteil von Militär und Zivilisten sein?

Ich weiß nicht, ob andere Ressorts wie das Entwicklungs- oder das Innenministerium überlegen, weitere zivile Kräfte zu stellen oder wie viele zusätzliche Mitarbeiter von Hilfsorganisationen kommen könnten. Es ist aber wichtig, dass auch die zivilen Kräfte stärker in die Fläche gehen. Denn: Eine rein militärische Betrachtung und eine rein militärische Aufstockung wird nichts nützen, wenn nicht auch das zivile Engagement deutlich verstärkt wird. Und wir können sicher sein, die Amerikaner werden auch im zivilen Bereich aufstocken.

Was heißt das konkret?

Es gibt hohe Offiziere in der Bundeswehr und der Nato, die davon ausgehen, dass 20 Prozent des Engagements aus dem militärischen, aber 80 Prozent aus dem zivilen Bereich kommen müssten. Ich möchte mich nicht auf Prozente festlegen. Wenn man dem folgt, wäre es bei einer Verstärkung im militärischen Bereich auch notwendig das zivile Engagement auszuweiten. Da geht es um Ressourcen, die weit über das Personal hinausgehen. Ich kenne Afghanistan seit 2002, und es gibt menschliche Grundbedürfnisse jenseits der Sicherheit. In drei Bereichen gibt es erheblichen Nachholbedarf: bei der Wasserversorgung, der Elektrizitätsversorgung und beim Wege- und Straßennetz. Wir könnten auch mehr bei der Beratung in der Landwirtschaft tun.

Wären die Vereinten Nationen ein Partner, der mehr machen könnte?

Die Vereinten Nationen leisten nach meiner persönlichen Betrachtung sehr gute Arbeit in Afghanistan. Ich schließe aber nicht aus, dass sie in einigen Bereich mehr tun könnten.

Das heißt aber auch, dass noch mehr Abstimmung nötig sein wird. Würden Sie sich für Deutschland einen Afghanistan-Beauftragten wie Richard Holbrooke wünschen, der die Kompetenz hätte, die Arbeit aller beteiligten Ministerien zu koordinieren?

Ich persönlich würde das sehr begrüßen.

Entspricht die Ausrüstung im Einsatz den Erfordernissen?

Es hat in vielen Bereichen Anpassungen an die geänderte Situation in Afghanistan gegeben. Sehen Sie allein die seit 2006 kontinuierlich gesteigerte Ausstattung mit geschützten Fahrzeugen. Die Transportfahrzeuge der Drohne Luna sind jetzt besser geschützt, die Drohnen sowie die Tornados haben bessere Sensorik erhalten. Grundsätzlich bleibt aber eine weitere Verbesserung der Aufklärungskapazität wünschenswert.

Wünschen Sie sich die Bewaffnung von Drohnen, so wie die Amerikaner sie etwa in Pakistan nutzen?

Die Bewaffnung von Drohnen ist für mich im Moment kein Thema. Wir haben kein solches System.

Wie sieht es sonst mit der Ausrüstung der Bundeswehr aus?

Unsere geschützten Fahrzeuge bekommen gerade leistungsfähigere Waffen. Ich erhoffe mir davon eine deutliche Verbesserung der Situation. Ob wir, wie in den Medien diskutiert wird, wirklich mehr schwere Waffen brauchen, müssen wir gut abwägen. Denn das könnte auch dazu führen, dass dadurch die Situation eher eskaliert. Außerdem muss ich sorgfältig überlegen, wie ich die möglichen Nebenschäden begrenze, die solche Waffen im Falle des Einsatzes hervorrufen können.

Brauchen Sie mehr Hubschrauber?

Wegen der Topographie des Landes wären mehr Hubschrauber wünschenswert und hilfreich. Aber im Norden Afghanistans sollte dies nicht nur von Deutschland gefordert werden, denn wir stellen schon die größte Anzahl. Vielmehr sollten wir darüber mit unseren Partnern im Regionalkommando Nord verhandeln. Die Norweger haben schon Hubschrauber gestellt, aber es gibt vielleicht noch andere, die diese bereit stellen könnten.

Das sind die Materialfragen. Aber sie brauchen auch Dolmetscher, um mit den Menschen zu reden. Immer mehr Afghanen wollen sich aber offenbar nicht mehr mit Ausländern sehen lassen, weil sie um ihr Leben fürchten.

Die Zahl der Dolmetscher reicht im Moment aus, doch der Bedarf wird wachsen. Wir haben gerade ein Programm gestartet, um uns in Deutschland einen besseren Überblick zu verschaffen. Wir wollen etwa das Angebot an Dolmetscher mit langfristigeren Verträgen attraktiver machen. Ich hoffe, dass dadurch die Zahl zur Verfügung stehender potenzieller Dolmetscher erheblich steigen wird.

Wie sehr beunruhigt Sie die Situation im Grenzgebiet zu Pakistan?

Die Lage in Pakistan würde mich sehr beunruhigen, wenn ich Erkenntnisse hätte, dass durch die Offensive in Pakistan Taliban in den Norden Afghanistans verdrängt würden. Das war in der Vergangenheit nicht so. Aber ich schließe nicht aus, dass in der Zukunft solche Effekte eintreten könnten.

Selbst ohne Verdrängungseffekt ist Pakistan Rückzugsraum für Taliban und Ausgangspunkt für Attacken in Afghanistan. Das Isaf-Mandat umfasst nur Afghanistan. Was würden Sie sich für die Region wünschen?

Isaf mandatiert den Einsatz in Afghanistan. Pakistan ist ein souveräner Staat, der Kampf gegen die Taliban ist daher vornehmlich eine nationale Angelegenheit des pakistanischen Staates. Wir erleben gerade, dass die Pakistani immer stärker erkennen, dass die Taliban auf ihrem Staatsgebiet nicht nur gefährlich für Afghanistan sind, sondern auch für Pakistan selbst.

Wäre es empfehlenswert, dass die Staatengemeinschaft dem souveränen Staat bei deren Bekämpfung militärische Hilfe anbietet?

Dies ist eine politische Frage, zu der ich sicherlich der falsche Ansprechpartner bin. Aber es gibt seit mehr als zwei Jahren eine gemeinsame Kommission von Afghanen, Pakistani und der Isaf-Führung, die wechselseitig in Afghanistan und Pakistan tagt. Dafür stellt die Bundeswehr sogar Lufttransportkapazitäten zur Verfügung.

Schauen wir noch nach Kundus. Wie sehr hat der vom deutschen Befehlshaber angeforderte Luftangriff auf die Tanker in Kundus geschadet? Wie hat er sich auf die Moral der Soldaten ausgewirkt?

Ich möchte der Bewertung der Nato-Untersuchung nicht vorgreifen. Sie wird bald vorliegen. Ich war zeitnah nach dem Luftangriff in Kundus. Die Soldaten dort beschäftigte das Thema, aber sie hatten keinerlei negative Reaktion aus der afghanischen Bevölkerung erfahren - völlig unabhängig von den verschiedenen Ethnien. Manche Afghanen haben sogar durchaus positiv reagiert. Daher glaube ich nicht, dass es starke Auswirkungen auf die Soldaten dort hat außer der Tatsache, dass sie wie ein Mann hinter ihrem Kommandeur standen und vor dem Hintergrund ihrer täglichen Erlebnisse so manche Diskussion in der Heimat nicht nachvollziehen konnten.

Lassen Sie uns noch in die Zukunft gucken. Wir schreiben das Jahr 2020, steht die Bundeswehr noch in Afghanistan?

Das kann ich nicht beantworten. Das ist eine 1000-Dollar-Frage.

Nur 1000 Dollar? Also gut, wir schreiben das Jahr 2015.

Ich weiß es wirklich nicht, weil diese Frage von zahlreichen Rahmenbedingungen und Faktoren abhängig ist. Und es eine Frage danach ist, zu welchem Zeitpunkt schrittweise die Verantwortung an die Autoritäten Afghanistans übergeben und somit das Engagement der internationalen Gemeinschaft erfolgreich beendet werden kann.

Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Schweinegrippe. Warum hat die Bundeswehr einen besonderen Impfstoff?

Das liegt außerhalb meiner Zuständigkeit. Die Bestellung der Bundeswehr geht auf einen Rahmenvertrag aus dem Jahr 2008 zurück - lange bevor wir die aktuelle Diskussion hatten. Dass der Bundeswehr-Impfstoff nun angeblich qualitativ besser ist als der für die breite Bevölkerung, vermag ich nicht zu beurteilen.

Würden Sie denn Ihren Impfstoff für Schwangere zur Verfügung stellen und den normalen dafür eintauschen?

Persönlich jederzeit!

Lassen Sie sich überhaupt impfen?

Natürlich. Ich lasse mich auch jeden Herbst gegen Grippe impfen, damit ich jederzeit in die Einsatzgebiete auf verschiedenen Kontinenten reisen kann, für die ich Verantwortung trage.

Das Gespräch führten Sven Lemkemeyer und Ingrid Müller. Das Foto machte Mike Wolff.

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