Interview mit Roland Berger : "Koalitionspartner unterbieten sich im Reformeifer

Roland Berger im Gespräch mit dem Tagesspiegel über die Defizite der Bundesregierung, Flucht vor der Verantwortung und Moral in der Marktwirtschaft.

Roland Berger
Der Unternehmensberater Roland Berger. -Foto: dpa

Herr Berger, Sie werden 70 und Deutschland ist reformmüde. Wo soll das enden?

Weil ich persönlich keineswegs reformmüde bin und mich beweglich und fit arbeite, ist mir um mich nicht bange. Mit Blick auf Deutschland sind meine Sorgen deutlich größer.

Wieso?

Weil wir nach einer kurzen Zwischenetappe von Reformen, die ja auch erste Erfolge zeigen, schon wieder aufgeben, uns zukunftsfähig aufzustellen. Die SPD ist mehrheitlich nicht bereit, das Vermächtnis Gerhard Schröders anzunehmen. Und die CDU ist in Leipzig als Reform-Partei gestartet und als Sozial-Partei in Dresden gestrandet.

Dabei verfügt die große Koalition über eine breite Mehrheit für weitere Reformen.

Ja, aber sie nutzt sie nicht. Statt da weiterzumachen, wo Schröder aufhören musste, leisten sich beide Parteien einen Unterbietungswettbewerb reformerischen Eifers. Nun, nach Halbzeit der Legislaturperiode, ist die beste Phase für Erneuerungen verstrichen. Diese zwei Jahre, in denen es fast keine Wahl gab, blieben weithin ungenutzt. Jetzt nahen eine Serie von Landtagswahlen und die Bundestagswahl. Da geht der Kurs mehr in Richtung Schleifen des Erreichten.

Hat die Regierung ihr Pulver verschossen?

Es wäre passender zu sagen, sie hat es feucht werden lassen. Vermutlich passiert nicht mehr viel. Eher im Gegenteil.

Aus Angst vor dem Wähler, sagen die Kritiker. Man könnte auch sagen: aus Respekt.

Ist es Respekt des Arztes vor dem Patienten, wenn er ihm notwendige Medizin vorenthält, nur weil sie bitter schmeckt? Oder ist das nicht vielmehr Flucht aus der Verantwortung? Die ersten Erfolge der Schröder’schen Reformen, die ja auch ausdrücklich von Bundeskanzlerin Angela Merkel anerkannt werden, zeigen doch, wo der richtige Weg verläuft. Und dass es lohnt, ihn weiterzugehen.

Immer mehr Wählern reicht das nicht aus, da sie nicht mehr darauf vertrauen, dass die Wirtschaft für alle Menschen da ist.

Da liegt in der Tat ein Kommunikationsproblem, weil Moral und Marktwirtschaft zunehmend als scheinbarer Widerspruch von der Öffentlichkeit empfunden werden. Immer mehr Menschen, die im täglichen Leben alle von der Marktwirtschaft profitieren, halten immer weniger von ihr.

Gibt es dieses moralische Defizit der Marktwirtschaft?

Nein. Solche Sichtweisen gründen vor allem im Unwissen um die Funktionsweisen der Marktwirtschaft. Und in unhaltbaren Versprechen der Politik, die diese dann der Wirtschaft in Rechnung stellt.

Was meinen Sie damit?

Die um sich greifende Unzufriedenheit mit der Marktwirtschaft liegt daran, dass die Wirtschaft heute nicht mehr alles garantieren kann, was Menschen alles gerne hätten und Politik ihnen verspricht: Vollbeschäftigung, ständig wachsender Wohlstand, gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen bei möglichst abnehmender Arbeitsleistung.

Was taugt die Marktwirtschaft noch, wenn sie ihre moralischen Vorteile nicht mehr in wirtschaftliche Erfolge umsetzen kann?

Zunächst einmal ist, gerade auf deutschem Boden, historisch erwiesen, dass es kein besseres Wirtschaftssystem gibt als die Marktwirtschaft. Bei allen Defiziten und Unvollkommenheiten ist die Marktwirtschaft mit Gewinnstreben und freiem Wettbewerb immer noch das effektivste Wirtschaftssystem, das wachsenden Wohlstand für alle schafft und ihn weitestgehend gerecht verteilt.

Versuchen Sie einmal mit solchen Argumenten eine Langzeitarbeitslose und Modernisierungsverlierer zu überzeugen.

Auch wenn marktwirtschaftliche Reformen diesen Menschen erst mittelfristig Perspektiven bieten, müsste es auch ihnen einsichtig sein, dass ein Sozialstaat auf Pump keine Antwort auf ihre Probleme ist. Ein Grundübel der Debatten liegt darin, Moral gegen Wirtschaft auszuspielen und das ökonomisch Vernünftige mit dem sozial Bequemen auszuhebeln. Ein Sozialstaat, der mehr sein will als Übergangs- und Wiedereingliederungshilfe für zeitweise Verlierer des sozialen und wirtschaftlichen Wandels, bringt mehr Probleme als er löst. Denn schließlich muss auch ein Sozialsystem über Steuern und Abgaben und damit über die Einkommen von Unternehmen und Arbeitnehmern finanziert werden.

Was sollte der Staat denn anderes tun, als die Ängste der Menschen ernst zu nehmen?

Eben hier liegt das Missverständnis. Funktionierende Marktwirtschaften wie in Skandinavien oder England halten dem Veränderungsdruck der globalisierten Wirtschaft stand. Anders bei uns: Gerade weil wir durch wachsende Staatsinterventionen die Grundlagen der Marktwirtschaft – persönliche Initiative, die im freiem Wettbewerb belohnt wird – immer mehr aushebeln, leiden Innovation, Produktivität, Beschäftigung und Wohlstand. Deshalb wachsen die Ängste der Menschen – zu Recht. So verlieren Wirtschaft und Staat die Fähigkeit, die Sorgen der Menschen ursächlich zu beseitigen.

Wie das?

Weil staatliche Eingriffe stets die dynamische Triebfeder der Marktwirtschaft, nämlich Unternehmertum und Gewinnstreben, einschränken. Aber es sind letztlich Unternehmer, die neue Produkte, Arbeitsplätze, Einkommen und günstigere Einkaufsmöglichkeiten schaffen, weil sie dadurch im Erfolgsfall Gewinne erzielen können. Deshalb sollte der Staat Rahmenbedingungen setzen, die eine faire Teilhabe aller am Erwirtschafteten sicher stellen und die erforderliche Infrastruktur gewährleisten sowie allen Bürgern diskriminierungsfreien Zugang zu ihr gewähren.

Und wo bleibt dabei die Moral?

Die Marktwirtschaft zwingt Unternehmer, die nach Gewinn streben, im freien, aber fairen Wettbewerb zu bestmöglichen Leistungen für den Verbraucher, was im Erfolgsfall ein Maximum an Arbeitsplätzen bringt. Da Unternehmer, Arbeitnehmer und Staat zur Zusammenarbeit genötigt werden, erwirkt dieses System die Solidarität der Gemeinschaft, bei maximalem Wohlstand für alle und freier Entfaltungsmöglichkeit für den Einzelnen. Der Staat sorgt dabei durch gesellschaftlich anerkannte Spielregeln dafür, dass niemand Vorteile zu Lasten anderer erzielt. Freiheit und Solidarität werden so bei stetig wachsendem Wohlstand gesichert. Der Staat muss aber zulassen, dass im freien, fairen Wettbewerb ein Unternehmen vom Markt verschwindet, wenn die Konkurrenz besser wirtschaftet.

Wer ist mehr gestraft, wenn eine Firma kaputtgeht: Der Arbeitnehmer, der den Job verliert? Der Aktionär, dessen Kapital dahin ist? Oder der Manager, der seinen Misserfolg mit Millionen vergoldet bekommt?

In jedem Fall bestraft ist der Aktionär. Denn sein Kapital ist unwiderruflich verloren. Der Arbeitnehmer immerhin kann eine neue Stelle finden. Denn seine Arbeitskraft ist ja, zumindest bei entsprechender Weiterbildung, nicht verloren. Er kann sie woanders einsetzen.

… wenn er 50 oder älter ist und der Arbeitsmarkt mit offenen Armen auf ihn wartet …

Dass dieser Einwand heute oft berechtigt ist, zeigt doch vor allem eines: Einen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit gibt es im Zweifel gar nicht. Gerade im Scheitern sitzen die vermeintlichen Antagonisten des Kapitalismus in einem Boot.

Nur der unfähige Manager ist fein raus!

Bei Fehlverhalten haftet er mit seinem Geld und findet keinen Job mehr. Eine Strafe, die auch eine Millionenabfindung nur mäßig versüßt.

… Oder Dutzende von Millionen …

… Dann wird es allerdings unmoralisch!

Wie viel Ihres Vermögens würden Sie darauf wetten, dass sich alles bessern wird?

Nicht unbedingt 60 Prozent, aber ein Drittel immerhin schon.

Die Fragen stellte Peter Siebenmorgen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar