Interview mit Rüdiger Sagel : „Es war nicht mehr auszuhalten“

Rüdiger Sagel trat bei den Grünen aus und zeigte sich jetzt beim Gründungsparteitag der Linken. Das wirft Fragen auf.

Rüdiger Sagel
Foto: ddp

Am Freitag sind Sie bei den Grünen ausgetreten und zum Vereinigungsparteitag Der Linken gekommen. Warum?

Es war nicht mehr auszuhalten. Die Grünen bewegen sich immer mehr Richtung Mainstream. Im politischen Spektrum stehen sie heute zwischen SPD und CDU. Aus machtstrategischen Erwägungen werden Bündnisse mit der CDU vorbereitet. Inhalte spielen keine Rolle. Linken wie mir bieten die Grünen keine Heimat mehr. Wir haben nur noch eine Alibifunktion und werden mit fadenscheinigen Kompromissen abserviert.

Welche Entscheidungen kritisieren Sie?

Drei Punkte: Die Zustimmung zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, der jetzt mit der Entsendung der Tornados eine Kriegskomponente erhalten hat. Dann das Festhalten der Grünen an den unsozialen Hartz-Gesetzen. Und zuletzt die Ausarbeitung des Konzepts „Grüne Marktwirtschaft“ durch die Leute um Fritz Kuhn. Die Grünen haben einmal als soziale, gewaltfreie und basisdemokratische Partei begonnen. Heute ist es für Leute wie mich nicht mehr möglich, den Kurs der Partei noch zu ändern. Ich vertrete zwar die Grundsätze der Grünen, aber die Grünen vertreten sie nicht mehr.

Werden Sie jetzt Der Linken beitreten?

Ich schaue mir die Entwicklung mit großem Interesse an und fände es spannend, am Grundsatzprogramm mitzuarbeiten. Ich sondiere die Möglichkeiten dazu auch hier auf dem Parteitag. Ich bleibe jetzt erst parteilos und werde im Nordrhein-Westfälischen Landtag als Fraktionsloser sitzen. Aber ich denke natürlich über einen Eintritt bei Der Linken nach.

Gerade hat Oskar Lafontaine Sie in seiner Parteitagsrede eingeladen, mitzumachen.

Oskars Einladung war mehr als deutlich. Sie galt allen ökologischen Linken.

Bisher spielte die Ökologie für Die Linke aber keine besonders große Rolle.

Deshalb wäre es wichtig, dass Leute wie ich Die Linke um diese Komponente bereichern. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Lafontaine die soziale Frage mit der ökologischen verknüpft hat. So deutlich hat er das bisher nie gesagt. Ich bin ziemlich überrascht, wie viele ehemalige Grüne ich hier schon getroffen habe.

Hat Die Linke sie aktiv umworben?

Es hat Kontakte gegeben.

Wie haben die Grünen reagiert?

Ich habe schon viele Anrufe und mehr als 100 Mails von Grünen bekommen, die in Kontakt bleiben wollen. Ich bin ja nicht der Erste, der ausgetreten ist. Nur der bekannteste. Einige im Landtag machen sich intensiv Gedanken, ob sie bei den Grünen noch zu Hause sind. Rund dreißig Prozent der Grünen in Deutschland zählen sich zum linken Spektrum.

Das Gespräch führte Philipp Lichterbeck.

Rüdiger Sagel (51) trat den Grünen 1989 bei. Neun Jahre lang saß er für die Grünen im Düsseldorfer Landtag und war ihr haushaltspolitischer Sprecher. Am Freitag verließ er die Partei.

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