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Interview mit Wolfgang Thierse : "Ich wollte nie so aussehen wie die Funktionärstypen"

02.09.2012 08:50 Uhrvon , und
Verlässt 2013 nach langen Jahren den Bundestag: Der SPD-Politiker Wolfgang ThierseBild vergrößern
Verlässt 2013 nach langen Jahren den Bundestag: Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse - Foto: Davids

2013 wird Wolfgang Thierse nicht erneut für den Bundestag kandidieren. Im Interview spricht der SPD-Politiker über „Ossi-Bären“, eine unvergessliche Begegnung mit Gerhard Schröder und sein Verhältnis zur Linkspartei.

Herr Thierse, in den 90er Jahren hat man Sie einen „Ossi-Bär“ genannt. Hat Sie das getroffen?

Gegenstand von Karikaturen zu werden, ist für einen Politiker nicht das Übelste. Es zeigt, dass man bekannt ist. Es gab sogar das Buch „Die Roten Strolche“, wo ich als „Ossi-Bär“ immer etwas Süßes abfassen wollte. Das war halt meine Rolle: Ich musste innerhalb der SPD Sprachrohr und Agent für den schwächeren ostdeutschen Teil sein. Das war nicht immer nur angenehm.

Wann war es besonders unangenehm?

Ganz am Anfang, 1990. Meine erste Begegnung mit Gerhard Schröder werde ich nie vergessen.

Sofort hatte ich das Gefühl: Ich störe. Wir Ostdeutschen haben seine politische Tagesordnung verdorben. Und ich war die Personifikation dieses Vorgangs. Der politische Westen hatte sich den Fortgang der Geschichte 1990 einfach anders vorgestellt. Alles lief darauf hinaus, Helmut Kohl abzulösen. Und dann kamen wir und haben alles über den Haufen geworfen.

Ist Ihr Bart ein Bekenntnis zur Vergangenheit als DDR-Bürgerrechtler?

Ich will meinen Bart nicht ideologisch aufladen. Ich trage ihn seit 1967. Ich wollte nie so aussehen wie die Funktionärstypen, früher und auch jetzt noch.

Mit Ihnen verlässt 2013 der letzte namhafte Bürgerrechtler den Bundestag. Sind 23 Jahre nach der Wiedervereinigung die Ostdeutschen in der SPD untergegangen?

Die SPD muss darauf achten, dass das nicht geschieht. Ich finde es wichtig, dass ostdeutsche Prägungen in Bundestag und Partei nicht gänzlich verschwinden.

Was kennzeichnet eine ostdeutsche Prägung?

Die Erfahrungen von Diktatur, Unfreiheit, Mangelwirtschaft. Und die Erfahrung eines phantastischen Beginns 1989, die Selbstbefreiung. Bis heute bestimmt mich das innerlich. Ich bin sehr empfindlich gegenüber Allmachtsallüren des Staates, wie ich sie aus der DDR erinnere, die sich ja nicht zuletzt auch als weltanschauliche Erziehungsdiktatur versucht hat.

Nennen Sie uns doch bitte ein Beispiel.

Mir fällt die Debatte über die Beschneidung ein. Ich bin kein Anhänger der Beschneidung. Aber: Hat der Staat darüber zu befinden, was zum Kern einer Religion gehört und was nicht? Und: Hat das Kindeswohl nur eine medizinische, also eine materielle Dimension?

Die Buchautorin Gertrud Höhler hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgeworfen, sie habe wegen ihrer ostdeutschen Abstammung ein Unverständnis für Demokratie. Hat sie recht?

Das ist Unsinn. Angela Merkel ist eine 150-prozentige Pragmatikerin. Ihre Politik ist nicht durch starke Überzeugungen oder Visionen bestimmt. Das mag mit der DDR-Erfahrung zu tun haben, mit dem Erlebnis des jämmerlichen Scheiterns einer Utopie, einer Vision. Zudem hat Frau Merkel alles Ostdeutsche an sich getilgt, um in ihrer Partei ganz nach oben zu kommen. Aber die ostdeutsche Erfahrung von Diktatur und Befreiung erzeugt doch, jedenfalls gilt das für mich, eine große Leidenschaft für Freiheit und Demokratie.

Herr Thierse, hat Ihre Partei im Umgang mit der PDS und der Linkspartei in den vergangenen 23 Jahren Fehler gemacht?

Ja, wir haben Fehler gemacht. Gleich 1990, als es in der Ost-SPD darum ging, ob wir frühere SED-Mitglieder aufnehmen, wenn sie nicht Macht über Menschen missbraucht haben. Es kam nicht dazu, weil die neue Partei Angst hatte, von der SED majorisiert zu werden. Rational wäre es richtig gewesen, die Partei für unbelastete SED-Mitglieder zu öffnen, emotional war das unmöglich. Dieser Fehler ist nie wieder korrigierbar gewesen.

Die Linke unter neuer Führung macht Ihnen gerade wieder Koalitionsavancen.

Ich sehe wenige Schnittmengen zwischen unseren Politikansätzen. Außerdem erlebe ich noch immer Ablehnungsfixierung. Die ist ein Teil der Identität der Linkspartei.

Mitte der 90er Jahre waren Sie bei Lockerungsübungen von Gregor Gysi von der PDS und dem SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine dabei. Kann es sein, dass beide Seiten seitdem nicht wirklich weitergekommen sind?

Das ist wohl so. Das hat viel mit historischem Ballast zu tun, mit Emotionen, mit Lafontaine, mit einer Unentschiedenheit in der Linkspartei selber.

Wird das die Linke in Deutschland ewig spalten?

Vielleicht werden die Ressentiments auf beiden Seiten irgendwann verschwinden.

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