Interview Peter Sodann : "Kann man doch mal sagen, oder?"

Er fordert eine "Wiederholung des sozialistischen Experiments" in Deutschland unter "veränderten Bedingungen". Im Tagesspiegel-Interview spricht Ex-"Tatort"-Kommissar Peter Sodann über Demokratie, Sozialismus und seine Präsidentschaftskandidatur für die Linke.

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Hofft auf „die Wiederholung des sozialistischen Experiments unter veränderten, das heißt demokratischen Bedingungen“:...

Herr Sodann, können wir ein ernsthaftes Gespräch führen?

Ich führe eigentlich immer ernsthafte Gespräche.

Auch wenn es um Ihre Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten geht?

Ich verstehe die Frage nicht. Wie kommen Sie darauf, dass ich die Bewerbung nicht ernst nehmen könnte?

Sie haben nach Ihrer Nominierung zum Kandidaten zum Beispiel erklärt, Deutschland sei keine Demokratie. War das Ihr Ernst?

Ich denke schon.

Warum ist Deutschland für Sie keine Demokratie?

Das habe ich doch nun schon zehnmal erläutert.

Uns nicht.

Also: Demokratie ist eine Einrichtung, die sich täglich neu bewähren muss. Und wenn es Dinge in einer Demokratie gibt, welche die Demokratie beschädigen könnten, dann muss man die zur Sprache bringen, damit sich die Demokratie bewähren kann.

Das heißt: es gibt Demokratie, sie ist aber in Gefahr?

Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz. Leider gilt der Artikel 1 nicht für alle. Wenn einer so reich ist, dass er nicht mehr weiß, wohin mit seinem Geld, und der andere so arm, dass er vom Reichen gerne etwas hätte, damit er besser leben kann, dann ist die Würde des Menschen angekratzt. So lange das so ist, kann ich nicht von Deutschland als einer perfekt funktionierenden Demokratie sprechen.

Rechtfertigt das hiesige Ausmaß materieller Ungleichheit wirklich ein solches Urteil?

Wenn die Würde des Menschen nicht gesichert ist, dann schwächelt die Demokratie. Und eine schwächelnde Demokratie ist eben keine Demokratie. Es gibt ja auch nicht halbschwanger.

Das war jetzt zum Beispiel eine Aussage, die Zweifel an Ihrer Ernsthaftigkeit wecken könnte.

Wenn das bei Ihnen Zweifel weckt, dann ist das Ihre Angelegenheit und Sie müssen das so schreiben. Ich halte es mit dem alten Lehrsatz von Diderot. Der hat gesagt: Wenn es in einem Land einen Menschen gibt, der Angst hat, ein Kind zu zeugen, oder aufgrund gesellschaftlicher Probleme freiwillig aus dem Leben scheidet, dann ist das Land nicht in Ordnung.

Herr Sodann, manche in der Linkspartei glauben, dass aus all Ihren Zitaten und Zuspitzungen im Grunde Hilflosigkeit spricht, weil Sie mit der Präsidentschaftskandidatur nichts anfangen können. Was halten Sie dem entgegen?

Was soll ich dagegen sagen? Wenn das deren Ansicht ist, bitte. Meine Sicht ist anders.

Ihre Tatort-Rolle als Kommissar Ehrlicher hat Ihnen große Beliebtheit beschert. Fürchten Sie nicht, dass Ihre Popularität unter der Kandidatur leiden könnte?
 
Es gibt sicher Menschen, bei denen ich an Renommee verlieren werde, weil ich für die Linke als Kandidat antrete. Das ist Fakt, das wusste ich vorher. Dafür werde ich bei anderen Menschen Renommee gewinnen. Im Übrigen war Bruno Ehrlicher auch deshalb so beliebt, weil das normale Volk sich mit der Figur identifiziert hat. Er ist kein Diplomat, er sagt, was er denkt. Und das ist doch eine gute Eigenschaft.

Würden Sie sagen, dass Sie Ehrlicher im Laufe der Zeit ähnlich geworden sind?

Ne, ne. Ehrlicher ist Sodann. Ich habe die Rolle zu mir gezogen, die Figur geprägt. Sie können also Bruno Sodann oder Peter Ehrlicher zu mir sagen. 

Was wollen Sie mit Ihren zugespitzten Aussagen erreichen?

Dass man aufmerksam wird, dass es in unserem Land Kinderarmut gibt und dass man die Chancengleichheit aller Menschen verbessern sollte. Dass es Menschen gibt, die das Gratis-Essen der "Tafeln" in Anspruch nehmen müssen, während andere in diesem Land in Schokolade baden können. Das alles sind die Dinge, die mir nicht gefallen. Mir gefällt auch nicht, dass wir uns am Krieg in Afghanistan beteiligen. Kann man doch mal sagen, oder? Artikel 5 des Grundgesetzes: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußeren.

War es eine gute Idee, öffentlich von der Verhaftung von Deutsche-Bank-Chef Ackermann zu träumen?

Wenn man im Tatort immer Mittelständler verhaften musste, will man auch mal ganz oben mitmischen.

Gilt der Artikel 1 des Grundgesetzes nicht auch für Vorstandsvorsitzende von Banken?

Ich denke schon.

Kann es sein, dass Sie die Würde von Herrn Ackermann angekratzt haben?

Weil er anschließend gesagt hat, er bekomme wegen mir Angst um Deutschland? Ach, wenn die Herren Banker doch nur mal ein Wort der Entschuldigung fänden für das, was sie angerichtet haben. Nee, um die Würde von Herrn Ackermann mache ich mir keine Sorgen.

Warum braucht Deutschland Sie als Bundespräsidenten?

Das ist eine schwierige Frage, das müssten doch eher andere beurteilen. Ich bin froh, dass mir viele Leute Erfolg bei meiner Kandidatur wünschen, auch wenn ich wenig Chancen habe. Vielleicht passt mein Motto gut zum Amt: Im Zweifelsfall, für alle Dinge dieser Welt, immer für die kleinen Leute.

Was würde Bundespräsident Sodann für die kleinen Leute tun?

Immer wieder den Finger in die Wunde legen. Nehmen wir die Leute, die Hartz IV bekommen. Das ist doch würdelos.

Warum? Weil diese Menschen keine Arbeit finden?

Nein, wegen der Deklassierung. Mir will diese Mehrklassen-Gesellschaft nicht gefallen. Ein Mensch, der eine Million Euro im Monat bekommt, kann nicht im Leben des Durchschnittsverdieners zu Hause sein. Unser System gewährleistet leider keine gerechte Verteilung des Bruttosozialproduktes, so dass jeder vernünftig leben kann.

Was schlagen Sie stattdessen vor? War es besser, Sozialhilfeempfänger zu alimentieren?

Ach, da müssen Sie Bischof Marx fragen. Oder noch mal selbst drüber nachdenken. Ich glaube schon, dass es ein System geben kann, das den Wohlstand gerechter verteilen kann.

Sie glauben an den Sozialismus?

Ich bin Optimist. Das derzeitige System ist nicht das Ende der Geschichte.

Ist die DDR für Sie ein Vorbild?

Nein, die Zustände waren nicht erstrebenswert, zumindest die letzte Zeit nicht.

In der ersten Zeit schon?

In der ersten Zeit überwog die aufrichtige Hoffnung, dass man mit der Umwandlung des kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches Eigentum eine menschlichere Gesellschaft aufbauen kann.
Dieser Gedanke ist nach wie vor richtig, die Umsetzung war falsch.

In der DDR haben einige mit ihrem Leben und viele mit ihrer Freiheit bezahlen müssen. Auch Sie haben im Gefängnis gesessen, weil Sie Kabarett gemacht haben.

Ja, das stimmt. Eine richtige Idee kann auch missbraucht werden. Ich will die DDR nicht wieder haben. Aber ich lasse mir auch mein Leben nicht nehmen. Sehen Sie, wenn ein Experiment misslingt, wird es in der Wissenschaft eines Tages unter veränderten Bedingungen wiederholt. Ich hoffe auf die Wiederholung des sozialistischen Experiments unter veränderten, d.h. demokratischen Bedingungen.

Macht es für Sie keinen Unterschied, ob es in einem Land soziale Ungleichheit, dafür aber Meinungsfreiheit gibt, oder ob man in einem System lebt, in dem man für seine Überzeugungen ins Gefängnis gehen muss?

So weit ist es mit der freien Meinungsäußerung in Deutschland auch nicht. Wenn ich meine Meinung frei äußern will, kommt durchaus einer und sagt, das geht nicht.

Wer verbietet Ihnen die freie Meinungsäußerung?

Einer Veranstalterin hat man abgeraten, dass ich auftrete. Ihr Sponsor hat gedroht, dass sie finanziell nicht mehr unterstützt wird. Weil ich für die Linke als Bundespräsident kandidiere.

Sie sagen, für die alte PDS hätten Sie nicht kandidiert. Warum für die Linke?

In der alten PDS waren zu viele, die ich nicht geschätzt habe. Ich glaube, die alten Kräfte setzen sich in der neuen Linken nicht mehr durch.

Was verbindet Sie mit Oskar Lafontaine?

Mir gefällt, was er äußert. Ich habe den Eindruck, dass Lafontaine verteufelt wird, seitdem er aus der SPD ausgetreten ist. Dabei war Lafontaine derjenige, der die Banken und die Finanzmärkte regulieren wollte, während Gerhard Schröder für eine freie absolute Wirtschaft war. Und jetzt schreien alle in der Finanzkrise nach Regulierung.

In Hessen ist das erste westdeutsche Linksbündnis am Widerstand von vier Abgeordneten gescheitert, die sich auf ihr Gewissen berufen. Wie beurteilen Sie das Verhalten dieser vier?

Es ist merkwürdig. Wenn die sich auf ihr Gewissen berufen, hätten sie vier Wochen oder ein paar Monate vorher auch schon Zeit gehabt. Man kann das doch nicht einen Tag vor der Wahl erfinden. Als Tatort-Kommissar würde ich sagen: Die Spur führt nach Berlin, ins Willy-Brandt-Haus.

Was kann man aus den Vorgängen in Hessen lernen?

Die Wiederholung in einem besseren Stil.

Indem man nichts ausschließt?

Ich weiß gar nicht, ob Ypsilanti das so absolut gesagt hat, dass sie nicht mit den Linken will.

Doch, so war es.

Dann war es blöd.

Herr Sodann, stört es sie, dass Sie als völlig aussichtsloser Kandidat ins Rennen gehen?

In den Flüchtlingsgesprächen von Bertholt Brecht fragt der Ziffel den Kalle: Warum geht es eigentlich immer um den letzten Kragenknopf? Warum sollte es nicht auch mal um den vorletzten gehen? Meine Theorie ist: Ich kriege bei der Wahl zum Bundespräsidenten garantiert die Bronzemedaille. Ist das nichts?

Was können Sie, was Horst Köhler nicht kann und Gesine Schwan auch nicht?

Vielleicht etwas heiterer sein.

Sie haben in diesem Gespräch bisher nicht den Eindruck eines besonders heiteren Menschen gemacht.

Meine Heiterkeit schwindet, wenn Sie mir solche Fragen stellen. Sie haben außerdem gesagt, dass Sie keine kabarettistische Vorstellung wollen.

Was bedeutet Heiterkeit für Sie?

Ich meine keine Heiterkeit, wie Comedians sie erzeugen, sondern eine ernste Heiterkeit, wie man sie bei vielen Dichtern und Denkern findet. Die Heiterkeit, sich nicht auf eine Position zu versteifen. Dann kann man auch besser mit dem anderen diskutieren. Sie kennen den alten Goethe-Spruch?

Welchen?

Ich lobe mir den heiteren Mann am meisten unter meinen Gästen. Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, ist keiner von den besten.

Was soll von Ihrer Bewerbung übrig bleiben?

Eine neue Nationalhymne. Die Brecht'sche Kinderhymne. Ich darf zitieren? Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Dass ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land / Dass die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin / Sondern ihre Hände reichen / Uns wie andern Völkern hin / Und nicht über und nicht unter /Andern Völkern wolln wir sein / Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein / Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir's / Und das liebste mag's uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs.

Erhebt Deutschland sich über andere Völker?

Ja, im Moment in Afghanistan. Warum lassen wir die Afghanen ihre Geschichte nicht selbst regeln? Oder denken Sie an die Ausbeutung anderer Völker. Wenn die Menschen auf einem Floß von Afrika hier rüber fahren und ihr Leben riskieren, gefällt mir das nicht. Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger. Wäre es nicht besser gewesen, die Bundesregierung hätte vor der Finanzkrise ein 300-Milliarden-Paket geschnürt, um diesem Elend ein Ende zu setzen? Das mag ja alles naiv klingen. Aber ist es nicht besser, keine Waffen zu produzieren? Ich fände es in Ordnung, wenn ein Bundespräsident sagt: Jede Waffe, die in dieser Welt erhoben wird, taugt nichts zur Verbesserung der Welt.

Dann hätten die Alliierten dem Dritten Reich niemals ein Ende setzen dürfen.

Da muss ich die Frage stellen: Warum feiert man nur den D-Day als Tag der Befreiung? Die Russen sind auch hier gelandet. Das müsste man schon gleich behandeln.

Vielleicht liegt es daran, weil die Amerikaner Demokratie gebracht haben und die Russen eine Diktatur.

Da machen Sie es sich aber einfach. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner Demokratie zu uns gebracht haben. Gucken Sie sich Amerika an, dort ist es mit der Demokratie auch nicht so weit her.

Das Gespräch führten Cordula Eubel und Stephan Haselberger.

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