Interview : "Plötzlich flüsterte einer: Der kniet!"

Egon Bahr im Tagesspiegel-Interview über Willy Brandts Geste in Warschau, politische Symbole und über DDR-Leberwurststullen.

Egon Bahr.
Egon Bahr.Foto: Dominik Butzmann/laif

Vor 40 Jahren ging das Bild von Willy Brandts Kniefall um die Welt. Vermissen Sie Gesten wie diese heute in der Politik?

Nein. Dazu gibt es weder die Politik noch die Politiker. Heute wird Politik viel pragmatischer, viel nüchterner gemacht. Aber damals ging es noch um viel grundsätzlichere Fragen.

Konnte solch eine Geste nur ein Politiker wie Brandt tun?

Ja. Ich erinnere mich sehr genau an die Umstände. Es hatte vor der Reise viel Ärger gegeben mit der Opposition, und auch die Stimmung bei den Gesprächen mit den Polen war nicht die beste. Als die Wagenkolonne beim Ghetto-Ehrenmal ankam, war ich mit Berthold Beitz zusammen. Wir standen etwas abseits der Truppe, da standen viele Journalisten, Diplomaten, Fotografen, und plötzlich wurde es ganz still. Das war merkwürdig. Plötzlich flüsterte einer: „Er kniet.“ Gesehen habe ich das Bild erst, als es um die Welt ging.

Haben Sie mit Brandt je darüber gesprochen?

Nur kurz, am Abend des 7. Dezember, große Worte zwischen uns waren unüblich. Ich dachte: Dass einer, der frei von persönlicher Schuld ist, geschichtliche Schuld seines Volkes bekannte, ist eine atemberaubende Seite. Er sagte nur, er habe in dem Moment, als er da vor der Schleife stand, gedacht: Bloß den Kranz niederlegen, das reicht nicht.

Das war alles?

Ja. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

In Polen gibt es den Vorwurf, der Kniefall habe vor dem falschen Mahnmal stattgefunden – das Ghetto-Mahnmal sei ein Ort, der an den Holocaust erinnere, nicht an den Massenmord an den Polen.

Ein absurder Vorwurf. Zum einen wusste Willy Brandt: Will er an einem Ort wie Warschau an die deutsche Verantwortung für Krieg und Holocaust erinnern, dann muss er nach der erschütternden Geschichte des Ghettos zu diesem Mahnmal. In Polen war die Diskussion über das Thema Antisemitismus lange unterbelichtet. Vergessen Sie nicht: Erst zwei Jahre zuvor hatte es in Polen eine antisemitische Säuberungswelle gegeben.

Wie war das Gesprächsklima mit ihren polnischen Gesprächspartnern?

Unterschiedlich. Mit dem Parteichef Gumulka schwieriger als mit dem Ministerpräsidenten Cyrankiewicz. Brandt hat Warschau mit einem Gefühl der Enttäuschung verlassen. Er hatte vorgeschlagen, den Beziehungen zur Volksrepublik Polen einen ähnlichen Rang zu geben wie unseren Beziehungen zu Frankreich. Außerdem hatte er angeregt, ein deutsch-polnisches Jugendwerk zu schaffen. Er bekam darauf keinerlei Echo. Erst Helmut Kohl erhielt 20 Jahre später für die gleichen Vorschläge großes Lob von den Polen.

Der Kniefall ist zum Symbol der Ostpolitik geworden. Wie groß ist sein Beitrag zum Fall der Mauer?

Das oberste Ziel unserer Politik war die Einheit. Doch für Deutschland als Ganzes und Berlin hatten die Vier Mächte ihre unkündbaren Siegerrechte und behielten sie bis 1991. Bonn überlies diese Kernfrage den Zusicherungen der Verbündeten, sich dafür einzusetzen. Schon 1961 hatten wir festgestellt: Alle vier haben die Mauer akzeptiert und damit die Teilung der Stadt und des Landes. Keiner wollte den Status quo ändern. In der Mitte Europas wollte niemand einen Konflikt haben. Wenn die Mauer auch nur ein wenig durchlässiger gemacht werden sollte, mussten wir, da man Passierscheine weder in Bonn noch in Amerika noch in Moskau bekam, mit denen verhandeln, die autorisiert waren, sie auszustellen. Also mit der DDR, die wir noch gar nicht so nennen durften. Die Formulierung „Wandel durch Annäherung“ entsprach der Methode: Wenn ich vom Osten etwas will, muss ich mich ihm zuwenden.

Die USA waren davon nicht begeistert.

Kissinger war sehr misstrauisch. Ich habe ihm in aller Offenheit, wie später auch in Moskau, unser Konzept des Gewaltverzichts erläutert und bleibe ihm bis heute dankbar, dass er nach Rücksprache mit dem Präsidenten grünes Licht gegeben hat. Ohne das hätte es die Ost- und Entspannungspolitik nicht gegeben.

48 Prozent der Deutschen nannten den Kniefall damals in einer Umfrage „übertrieben“. Hat Sie das überrascht?

Nein, denn die Last und die schmerzliche Pflicht des Bundeskanzlers bestand darin, den Menschen zu Hause, besonders den Vertriebenen, die Illusion zu nehmen, sie könnten eines Tages in ihre Heimat zurückkehren, vielleicht sogar in den Grenzen des Reiches von 1937. Es kam dann eine gewaltige Kampagne der Union gegen die Ostpolitik, die sie als Verrat und Verzicht bezeichnete. Bei der Ratifizierung des Warschauer Vertrages hat sich dann die Union gespalten. Die Koalition mit den Freien Demokraten bekam eine kleine Mehrheit. Auch Richard von Weizsäcker hat für den Vertrag gestimmt.

Willy Brandt unterschrieb den Vertrag am Tag des Kniefalls. War er genauso wichtig?

Beide Elemente bekamen ihr eigenes Gewicht. Es war ungeheuer wichtig, den Polen zu zeigen, dass auch wir den Grenzverlauf an ihrer Westgrenze nicht infrage stellen – obwohl die Bundesrepublik gar keine Grenze zu Polen hatte. Die DDR hatte ja schon seit 1950 die Grenze mit Polen garantiert …

… im Görlitzer Vertrag, der aber nicht zur Grundlage des Warschauer Vertrags wurde.

Warum auch? Wissen Sie, ich war 1946 als Journalist bei Wilhelm Pieck in Ost-Berlin. Ich weiß das noch sehr genau. Er teilte mit mir köstliche Leberwurstbrote in seinem Büro. Wir haben auch über die Oder- Neiße-Grenze gesprochen. Er sagte: Diese Grenze ist hart, aber wenn schon bis zur Odermündung, dann gehören Swinemünde und Usedom auf unsere Seite. Er hoffte, das mit den Russen korrigieren zu können. Daraus wurde bekanntlich nichts.

Und doch blieb die Grenzfrage strittig, Helmut Kohl hat sie in seinem Zehn-PunkteProgramm zur Einheit nicht erwähnt.

Das war ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver, um Stimmen bei den Vertriebenen zu sammeln. Aber Kohl war und ist ja nicht blöd: Er wusste immer, dass die Grenzfrage unabänderlich war. Mein Eindruck ist, dass er mit seinem langen Zögern in Polen Misstrauen geweckt hat, und das war eigentlich nicht nötig.

Auch die Sozialdemokraten haben sich gegenüber Polen nicht immer mit Ruhm bekleckert. Willy Brandt lehnte noch 1985 ein Treffen mit Solidarnosc-Führer Walesa ab.

Brandt konnte damals nicht nach Danzig, weil er in Warschau war und die Zeit seines Besuchs nicht reichte. Er hat sich später mit Walesa ausgesprochen. Und was die Solidarnosc betraf: Die wollten abenteuerliche Dinge.

Zum Beispiel?

Mit Streik drohen, etwa gegen die Tabak- und Zuckerpreise, das gab es nicht einmal in Deutschland. Wir hatten aus Moskau erfahren, dass die Sowjetunion trotz ihres Aufmarsches an der polnischen Grenze nicht einmarschieren wollte. Sie wollte deutlich machen, dass sie intervenieren könnte und würde, wenn Polen die Verbindungen zu ihrer Elitearmee in der DDR nicht mehr garantieren kann.

Stattdessen hat die Solidarnosc mit ihrer Politik der Nadelstiche die Staatsführung erfolgreich zermürbt.

Ja. Im Nachhinein muss man ehrlich sagen: Solidarnosc hat die Haltung der Sowjetunion besser eingeschätzt.

Hielten sie zu lange an der moskau- treuen Regierung fest?

Es war immerhin Mieczyslaw Rakowski, der den Runden Tisch in Polen eingeführt hat, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. Wir kannten ihn als reformorientierten seriösen Journalisten in Bonn. Als stellvertretender Ministerpräsident bleibt es sein Verdienst für die DDR, als Erster noch vor Gorbatschow die Alleinherrschaft seiner Partei beendet zu haben. Der Runde Tisch wurde ein Vorbild für die DDR.

Schröders einseitig mit Russland vereinbarte Ostsee-Pipeline hat Unmut in Polen hervorgerufen. Ist die deutsche Ostpolitik zu russlandfixiert?

Die Pipeline mag schlecht kommuniziert worden sein, aber unsere Politik hat geholfen, dass Polen als Nato-Mitglied und als Partner der EU sicher ist und wachsendes Gewicht erhalten hat. Nach dem schrecklichen Unglück von Smolensk sieht Polen diese Verantwortung in der EU. Ich hoffe, dass wir in Zukunft das Weimarer Dreieck wiederbeleben. Denn der französisch-deutsche Motor in der EU braucht dringend gleichberechtigte Unterstützung durch den Osten.

Sie haben den Begriff Ostpolitik geprägt. Wie sollte Ostpolitik heute aussehen?

Ostpolitik hat auf Europa bezogen das Ziel, einen gemeinsamen Raum stabiler Sicherheit zu schaffen, nur konventionell bewaffnet. Das atomare Geschäft bleibt in den Händen derer, die über solche Waffen verfügen. Das geht nicht ohne Russland und nicht ohne die Anwesenheit der USA.

Sollte die EU Staaten wie Weißrussland, die Ukraine, Georgien oder Moldau langfristig aufnehmen?

Die Antwort ist nein. Die EU ist „gesättigt“. Sie arbeitet noch an ihrer Handlungsfähigkeit.

Die Generation, die Krieg, Teilung und Neubeginn erlebt hat, tritt ab, neue Politiker bestimmen das Bild, für die Europa nicht so sehr Herzblut ist. Haben Sie Angst vor einer Renationalisierung?

Nein, überhaupt nicht. Allein Deutschland wurde geteilt. Alle anderen Nachbarn haben ihre nationale Identität nie verloren. Der letzte Versuch von Joschka Fischer, eine föderalistische Struktur für Europa anzuregen, schlug fehl. Alle Partner in der EU wollten und wollen in der Zusammenarbeit als Nationalstaaten Europa entwickeln. Wir haben uns natürlich angeschlossen und sind insoweit auf die Nation zurückgeworfen. Unsere Identität mit einer selbstverständlichen inneren Einheit ist noch zu erreichen. Europa ist Baustelle, aber die Nation ist für mich Heimat, in der Definition von Willy Brandt: Stolz ohne Überheblichkeit.

Das Gespräch führte Sebastian Bickerich. Das Foto machte Dominik Butzmann (laif).

CHRONIK

JOURNALIST

Egon Bahr, geboren 1922, arbeitete nach dem Krieg als Journalist bei der „Berliner Zeitung“, anschließend bei der „Allgemeinen Zeitung“ und dem Tagesspiegel. Von 1950 bis 1960 war er Chefkommentator und Leiter des Bonner Büros des Rias.

POLITIKER

Seit 1956 ist Bahr Mitglied der SPD und begleitete fortan Willy Brandt in mehreren politischen Ämtern – als Sprecher des Berliner Senats, in Bonn als

Planungschef im Auswärtigen Amt, als Bundesminister für besondere Aufgaben und als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

FREUND

Egon Bahr gilt nicht nur als einer der wichtigsten Berater Willy Brandts, vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik. Er zählte auch zu seinen engsten Vertrauten, wie seine filmisch festgehaltene Reaktion auf Brandts Rücktritt 1973 zeigt, als er bei der entscheidenden SPD-Fraktionssitzung in Tränen ausbrach.

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