Interview : "Schweigekartelle haben funktioniert"

Christine Bergmann (SPD) will als Regierungsbeauftragte auch familiären Missbrauch in den Blick nehmen.

Nicht nur Worte. Die Unabhängige Beauftragte für Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs fordert Wachsamkeit der Mitmenschen, Offenheit der Institutionen – und Geld von der Politik, um Missbrauch besser zu bekämpfen als in den letzten Jahrzehnten. Foto: Mike Wolff
Nicht nur Worte. Die Unabhängige Beauftragte für Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs fordert Wachsamkeit der Mitmenschen,...

Frau Bergmann, in Berlin ist ein Vater zu 800 Euro Geldstrafe verurteilt worden, weil er seine vierjährige Tochter zwei Mal geohrfeigt hat. Freut Sie das?

Jedenfalls zeigt das Urteil, dass Menschen heute ein solches Verhalten nicht mehr dulden. Es gibt in unserer Gesellschaft nichts Wichtigeres als den Schutz von Kindern. Wenn heute Gewalt gegen Kinder sanktioniert wird, hat das auch mit meiner politischen Arbeit zu tun: Ich habe als Bundesfamilienministerin vor zehn Jahren mit dafür gesorgt, dass wir das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert haben.

Warum haben Sie als Familienministerin das Thema aufgegriffen?

Es war schon damals klar, dass dieses Problem zu lange unter den Teppich gekehrt worden war. Ich hatte bereits als Berliner Senatorin Kampagnen gegen häusliche Gewalt ins Leben gerufen und entsprechende Hilfsangebote aufgebaut. Ich weiß, dass es lange dauert, bis man solche Tabus durchbricht.

Was haben Sie als Familienministerin konkret gegen Missbrauch von Kindern getan?

Wir haben rechtliche Grundlagen im Kinder- und Jugendschutz in den Bereichen neue Medien, Kinderpornografie und Kinderprostitution geschaffen, wir haben den Aktionsplan zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung mit auf den Weg gebracht, Beratungsstellen und die engere Vernetzung mit den Verbänden unterstützt. Wir sehen jetzt: Die Angebote, die wir aufgebaut haben, haben in diesen zehn Jahren nicht die Wirkung entfaltet, die wir uns gewünscht hatten. Es ist einiges passiert, aber es reicht nicht.

Nächste Woche tagt der Runde Tisch gegen sexuellen Missbrauch zum ersten Mal. Was erwarten Sie von seiner Arbeit?

Wir müssen es gemeinsam schaffen, die Gesellschaft stärker und dauerhaft für Missbrauch zu sensibilisieren. Es darf bei der derzeitigen Diskussion nicht vergessen werden, dass es nicht nur um den Missbrauch in kirchlichen, privaten und öffentlichen Einrichtungen geht, sondern auch um den Missbrauch im familiären Bereich. Wir müssen überprüfen, ob die Prävention gut aufgestellt ist, die Beratungs- und Hilfsangebote und die juristischen Sanktionen ausreichen.

Unabhängig vom Runden Tisch arbeiten Sie als Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs – woran?

Wir sind Anlaufstelle für Betroffene, aber auch für Angehörige oder Menschen, denen im beruflichen oder privaten Kontext Missbrauchsfälle an Kindern auffallen, wir haben den Auftrag zur Aufarbeitung und wir werden Empfehlungen für den Runden Tisch und die Bundesregierung erarbeiten, wie immaterielle und materielle Hilfen für die Opfer aussehen könnten. Ich will daraus ein Gesamtkonzept entwickeln, das die Lehren aus den bisherigen Erfahrungen zieht und die Institutionen miteinander vernetzt und in ihrer Arbeit stärkt. Es gibt ja schon gute Angebote zur Beratung und Fortbildung, beispielsweise auch für Schulen.

Wie kann Beratung helfen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In einer Grundschule sprach die Lehrerin in einer Klasse über sexuellen Missbrauch. Anschließend kam eine Schülerin zu ihr und sagte: So etwas macht mein Opa immer mit mir. Der offene Umgang mit diesem Thema in Institutionen ermutigt Opfer, über solche Taten zu reden. Nichts ist schlimmer für ein Opfer, als wenn seine Hilferufe verhallen.

Wie viele Menschen haben sich bislang bei Ihnen gemeldet?

Schriftlich sind wir schon erreichbar. Und wir arbeiten jetzt mit Hochdruck an der Einrichtung einer telefonischen Hotline. Dafür brauchen wir gut geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Lage sind, verständnisvoll und kompetent schwierige Gespräche zu führen. Jeder, der die Berichte von Menschen liest, die wir erhalten, muss erst einmal tief durchatmen.

Um was geht es diesen Menschen?

Sie wollen Anerkennung, sie wollen, dass die Taten öffentlich werden und das ihnen widerfahrene Unrecht benannt wird. Vielen ist es ein Anliegen, zu schildern, was passiert ist. Wir möchten auch wissen, ob sie Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner hatten, ob sie anderen davon berichtet haben, was daraufhin passiert ist. Wir wissen, dass Kinder meist mehrere Personen ansprechen müssen, bevor sie einen Erwachsenen finden, der der Sache dann nachgeht. Ein Großteil der Betroffenen wird von dem Wunsch getrieben, die Sache endlich einmal loszuwerden. Sie wollen aber auch, dass ihr Bericht Folgen hat.

Geht es nur um längst vergangene Taten?

Es geht auch um Fälle aus der Gegenwart. Es melden sich auch Angehörige, die Rat für den Umgang mit Kindern suchen, die Opfer von Missbrauch geworden sind.

Was erwarten Sie von Institutionen, in denen es Verdachtsfälle gibt?

Es ist unerlässlich, dass sich diese Institutionen auch selbst mit diesem Problem auseinandersetzen, aufklären und Strukturen aufbauen, die Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen. Wir sehen jetzt: Dort haben Schweigekartelle über Jahrzehnte funktioniert. Das darf nicht sein, das darf sich nicht wiederholen. Es geht aber in unserer Arbeit auch um Familien, denn etwa 90 Prozent des sexuellen Kindesmissbrauchs finden im familiären Umfeld statt.

Reicht eine interne Klärung bei den Organisationen aus?

Keineswegs. Wenn der Schutz der Institution wichtiger genommen wird als der Schutz des Kindes oder des Jugendlichen, wird es immer kritisch. Die Dinge müssen auf den Tisch, auch wenn es wehtut. Nur durch einen offenen Umgang mit den Vorfällen können solche Institutionen Vertrauen zurückgewinnen.

Begrüßen Sie, dass der Vatikan nun erklärt hat, dass bei Verdacht des Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen der Staatsanwalt eingeschaltet werden muss?

Ich begrüße auf alle Fälle, dass Missbrauch nicht mehr nur kirchenintern behandelt wird.

Gibt es Erfahrungen des Runden Tisches Heimerziehung der 50er und 60er Jahre, die für Ihre neue Aufgabe nützlich sind?

Sexueller Kindesmissbrauch betrifft auch den Runden Tisch Heimerziehung. Wir sind in Kontakt miteinander.

Die Rektorin der Odenwaldschule hat kürzlich in einem Interview gesagt, noch in den 80er Jahren sei Missbrauch kein Thema gewesen, über das man mit Eltern, Lehrern, Journalisten oder Polizisten hätte sprechen können. Sehen Sie einen Fortschritt, ist die Gesellschaft sensibler geworden?

Solche Prozesse brauchen viel Zeit. Kinderrechte werden heute ernster genommen, Kinder werden als eigene Persönlichkeiten glücklicherweise respektiert. Es gibt Fortschritte, aber wir sind noch lange nicht weit genug. Wir brauchen politisch einen langen Atem.

Das heißt, die Politik muss nicht nur reden, sondern auch Geld auftreiben?

Richtig. Nur Worte helfen nicht weiter. Es genügt nicht, nur die schlimme Realität zu beklagen. Die Politik muss auch bereit sein, Konsequenzen zu ziehen, und Institutionen dauerhaft finanzieren, die im Kampf gegen Missbrauch wichtig sind.

Besteht nicht die Gefahr, dass eine aufgeheizte Debatte viele Eltern in die Hysterie treibt – dass sie dann Gefahren sehen, wo gar keine sind?

Das kann ich in Einzelfällen nicht ausschließen. Aber meine Antwort ist eindeutig: Die Gefahr, dass sexueller Missbrauch nicht erkannt wird und das Opfer ohne Hilfe bleibt, ist sehr viel größer, als dass überreagiert wird.

Das Gespräch führten Frank Bachner und Hans Monath.

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