Interview : "Scientology ist die Endphase einer Diktatur"

Wilfried Handl war 28 Jahre bei Scientology, zuletzt als Österreich-Chef. 2002 ist er ausgestiegen. Er weiß, warum Deutschland für die Sekte so wichtig ist und was es bedeutet, wenn jetzt ranghohe Mitglieder in den USA den Boss David Miscavige kritisieren.

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Warum sind Sie ausgestiegen?

Scientologisch gesehen war ich ein „Clear“. „Clears“ können angeblich nicht mal Schnupfen bekommen. Aber ich hatte Krebs – und wusste: Da stimmt was nicht.

Wie lange brauchten Sie nach dem Ausstieg, um sich innerlich zu distanzieren?
In den ersten zwei Jahren habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich als Aussteiger nicht doch auf dem Holzweg bin. Wenn man dann nicht aktiv dagegen angeht, laufen die Verhaltensmuster weiter. Ich bin immer noch nicht ganz weg.

Woran merken Sie das?
Ein klassisches Denkmuster von Scientology ist das zweckorientierte, sozialdarwinistische Denken. Das passt zwar sehr gut in die heutige Gesellschaft, aber ich will es trotzdem loswerden. Als ich in den ersten Jahren nach dem Ausstieg Vorträge gehalten habe, war meine größte Sorge: Wie komme ich an, verkaufe ich die Sache gut? Meine Darbietung war nur auf den Effekt ausgerichtet, weniger auf den Inhalt. Heute geht es mir viel mehr um die Sache.

Wurden Sie verfolgt nach dem Ausstieg?
Scientology hat die Strategie gewechselt. Jetzt präsentieren sie sich stark als Kirche, als Erlösungsweg. Dazu passt nicht, Abtrünnige zu verfolgen. Es wurde die Doktrin ausgegeben: Wer gehen will, kann gehen – vorausgesetzt, er hält die Klappe und will kein Geld zurück. Aber man wird zur „unterdrückerischen Person“ erklärt und darf keinen Kontakt haben mit anderen Scientologen. Ich habe den Kontakt zu meinen Söhnen verloren. Sie leben bei meiner Ex-Frau in den USA, einer Scientologin. Als ich anfing, Bücher zu schreiben, haben sie mich im Internet als Schwindler diffamiert. Aber sonst war nichts – bis gestern. Da habe ich die erste Mail bekommen, in der mir einer Gewalt angedroht hat.

Laut Verfassungsschutz gibt es in Deutschland nur noch 4000 bis 5000 Scientologen.
Ich vermute, es sind noch weniger. Zwei Aussteiger aus Berlin haben mir 2011 erzählt: In dem großen Kasten in Charlottenburg dürfen die Mitarbeiter den Aufzug nicht benutzen, um Strom zu sparen, die Telefone sind abgestellt. Sie können nur angerufen werden. Von den 60, 70 Mitarbeitern seien viele aus anderen Ländern und von der paramilitärischen Kaderschmiede „Sea Org“. Das Ganze sei ein potemkinsches Dorf. Trotzdem soll man Scientology nicht unterschätzen. Viele Leute stoßen im Internet auf ihre Seiten. Und die sind sehr professionell gemacht.
Wie wichtig ist Deutschland für Scientology?
Am wichtigsten sind die USA, dann kommt Deutschland, dann die Schweiz – weil hier so viel Geld zu holen ist. Selbst eine kleine Scientology- Gemeinde in Brandenburg bringt vermutlich mehr Geld zusammen als die Niederlassung in Budapest, wo 500 Mitarbeiter sind. Bei Scientology geht es immer ums Geld, darum, wie viel an die Zentrale in den USA abgeliefert wird.

Der Auftrag für die Berliner Zentrale ist: die Politik beeinflussen. Wie läuft so was?
Scientologen sind erst mal nicht unsympathisch. Also besucht man zu zweit einen Abgeordneten. Ich habe erlebt, dass viele im persönlichen Gespräch gar nicht abgeneigt sind, über Scientology zu diskutieren. Mit dem Satz „Scientology kann man nicht erklären, das müssen Sie erleben“ versucht man dann, die Leute in die Zentrale einzuladen.

Wie selbstständig ist eine Niederlassung?
Sie ist komplett abhängig von Befehlen aus den USA oder aus Kopenhagen, da sitzt die Europa-Zentrale. Von dort kommen die Vorgaben, Schwerpunkte, Quoten, wie viele Leute und wie viel Geld aquiriert werden müssen. Das Einzige, was Sie selbst entscheiden können, ist, ob sie Ihren Stresstest-Stand am Potsdamer Platz machen oder am Hauptbahnhof.

Was ist, wenn Quoten nicht erreicht werden?
Dann verschwinden die Verantwortlichen für ein paar Wochen in Kopenhagen oder in den USA, wo ihnen der Kopf gewaschen wird.

Gibt es Straflager?
Ja, in den USA, in Kopenhagen und in England. Aber da kommen nur Mitglieder der paramilitärischen „Sea Org“ rein. Die müssen dann von Bohnen und Reis leben, viel körperlich arbeiten, ständig Verhöre über sich ergehen lassen und leiden unter Schlafentzug.

Vor ein paar Tagen hat Debbie Cook, die vor kurzem noch zum obersten Führungskreis gehörte, Scientology-Boss Miscavige in einer Rundmail angegriffen. Was bedeutet das?
Scientology befindet sich in der Endphase einer Diktatur. Wenn eine Hardcore-Scientologin wie Debbie Cook Kritik übt, ist das ein Zeichen, dass vieles im Argen liegt.

Wilfried Handl(57) ist bislang der ranghöchste europäische Aussteiger. Mit Büchern und Vorträgen bekämpft er die Sekte und berät andere Aussteiger. Das Gespräch führte Claudia Keller.

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