Interview : Taliban-Kenner Rashid: "Deutschland erkennt die Realität nicht"

Ahmed Rashid spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über die Berliner Politik, Abzugspläne und die Rolle Pakistans. Der 61-jährige pakistanische Journalist gehört zu den besten Kennern der Taliban und Al Qaida.

An vorderster Front. Deutsche Soldaten der internationalen Afghanistanschutztruppe im Feldlager Feisabad.
An vorderster Front. Deutsche Soldaten der internationalen Afghanistanschutztruppe im Feldlager Feisabad.Foto: dpa

Deutsche Politiker sprechen inzwischen offen vom „Krieg“ gegen die Taliban. Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen?

Die US-Kommandeure und die Nato haben deutlich gesagt, dass eine politische Vereinbarung gebraucht wird, um diesen Krieg zu beenden, und dass dieser Krieg nicht auf dem Schlachtfeld gewonnen werden kann. Aber andererseits müssen sie darauf hoffen, dass sie die Taliban entscheidend schwächen. Das Problem an der deutschen Haltung ist, dass sie die Realität vor Ort nicht zur Kenntnis nimmt. Die Bundesregierung will nicht wahrhaben, dass es einen Aufstand gibt, der mittlerweile ganz Afghanistan erfasst hat und nun auch nach Pakistan und Zentralasien hinüberreicht. Es gibt im Bundestag keine ernsthafte Debatte über dieses Thema. Die Einschränkungen für die Bundeswehrsoldaten haben nicht nur Nato-Einsätze gelähmt, sondern auch die afghanische Bevölkerung. Das war eine sehr riskante Politik.

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen die deutschen Soldaten mehr „Präsenz in der Fläche“ zeigen. Wie hoch ist das Risiko, dass die Taliban ihre Angriffe aus dem Hinterhalt auf deutsche Soldaten noch verstärken werden?

Die Taliban zielen auf diejenigen, die sie als schwache und verwundbare Nato-Mitglieder betrachten: Dazu gehören spanische, italienische und deutsche Soldaten, in deren Heimatländern verstärkte Abzugsdiskussionen geführt werden. Alles deutet darauf hin, dass die Taliban-Führung ihre Kommandeure im Norden Afghanistans angewiesen hat, Bundeswehrsoldaten ins Visier zu nehmen. Erschwerend kommt für die deutschen Soldaten hinzu, dass sie nur eine geringe Kenntnis von ihrem Einsatzgebiet haben und zu wenig Feindaufklärung betreiben. Sie haben ihre Lager bisher zu selten verlassen. Oftmals wissen sie nicht zu unterscheiden: Wer ist ein Taliban – und wer nicht? Dagegen haben die US-Soldaten und die Briten in ihren Einsatzregionen sehr viel mehr Zeit darauf verwendet, mit Dorfältesten zu sprechen und Dorfversammlungen abzuhalten. Dies wurde leider von den Deutschen sehr stark vernachlässigt.

Nach den Worten von Bundesaußenminister Guido Westerwelle soll ab 2011 das Bundeswehrkontingent in Afghanistan erstmals reduziert werden. 2013 soll dann möglichst die Sicherheitsverantwortung an die Afghanen übergeben werden. Ist denn ein solcher Zeitplan überhaupt haltbar?

Die Ankündigung von US-Präsident Barack Obama, dass der Abzug der US-Truppen bis Mitte 2011 beginnen soll, ist sehr unrealistisch.

Sie waren im Dezember 2001 noch davon ausgegangen, dass die Taliban bestenfalls noch einige Widerstandsnester würden halten können, zumal sie auch den Rückhalt bei der eigenen ethnischen Gruppe, den Paschtunen, verloren hätten. Diese Prognose ist leider nicht eingetroffen.

Ja, aber damals dachte auch niemand, dass die Amerikaner sich so schnell von Afghanistan abwenden und in den Irak einmarschieren würden. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir heute viele der gegenwärtigen Probleme nicht.

Wie lange wird der internationale Einsatz überhaupt noch dauern?

Die Kanadier und die Niederländer ziehen im kommenden Jahr ab. Obama hat ein Interesse daran, einige Soldaten bis zum Sommer 2011 abzuziehen. Ich befürchte, dass dies zu einem groß angelegten Abzug anderer Nato-Staaten führen könnte. Entscheidend wird in den nächsten Monaten sein, ob es den Amerikanern und der Nato gelingt, einen Friedensprozess zwischen der Zentralregierung in Kabul und der Taliban-Führung zu unterstützen.

Wie könnte das gelingen?

Die Gespräche mit den Taliban laufen im Geheimen bereits seit neun Jahren. Die Amerikaner könnten die Führung in Kabul dabei unterstützen, zunächst mit den Taliban – vielleicht in einem neutralen Drittland – zumindest eine Art Waffenstillstand auszuhandeln, auf dessen Basis die Verhandlungen dann weitergeführt werden könnten. Der Dialog müsste sich zunächst hauptsächlich mit der Frage befassen, in welcher Form die Taliban-Führung an einer Machtteilung in Afghanistan beteiligt werden kann.

Liegt der Schlüssel für eine Verhandlungslösung mit den Taliban überhaupt in Afghanistan? Zuletzt war eine Annäherung zwischen den USA und Pakistan zu beobachten, die sich auch auf das Vorgehen gegenüber den Taliban auswirken könnte.

Pakistan hält in der Tat viele Karten selbst in der Hand. Die pakistanische Führung hat gegenüber dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai bereits deutlich gemacht, dass sie an Verhandlungen mit den Taliban beteiligt werden möchte. Das wirft aber wieder neue Probleme auf: Indien, Iran, Russland und den zentralasiatischen Ländern widerstrebt eine herausgehobene Rolle Pakistans. Neue regionale Spannungen könnten die Folge sein. Je schneller die USA und die Nato also die Idee einer Verhandlungslösung unterstützen, umso besser.

Das Gespräch führten Albrecht Meier und Ulrike Scheffer.

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