Interview : "Wie im antiken Griechenland“

Ein FU-Wissenschaftler über homophobe Angriffe und die Rolle des Islam.

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Foto: Mike Wolff

Seit den Attacken junger Migranten auf Schwule wird in Berlin über deren angeblich besondere Homophobie, kulturelle und religiöse Hintergründe diskutiert. Hans Peter Pökel, Arabist an der FU, ist Experte für deren literarische Quellen.

Herr Pökel, hat der Islam ein spezielles Problem mit Homosexualität?

Der Islam hat grundsätzlich kein negatives Bild der Sexualität. Er bejaht sie vollständig als menschlich und notwendig. Unterdrückung ist anders als im Christentum kein Ziel und Sex wird weder als dämonisch noch als böser Trieb gesehen. Homosexualität im heutigen Sinne kennen die klassischen Texte gar nicht. Man müsste eher von Knabenliebe sprechen.

Was heißt das?

Das Konzept ist mit dem des antiken Griechenland zu vergleichen. Ein erwachsener freier Mann darf eine sexuelle Beziehung mit einem Heranwachsenden eingehen – Voraussetzung ist allerdings, dass er der „aktive“ Teil ist, der „penetrierende Mann“. Und er muss natürlich seine soziale Pflicht erfüllen, eine Frau haben und Kinder zeugen. Die arabisch-islamische Welt sah Homosexualität nicht als Verstoß gegen die Natur oder Sünde an, sondern gegebenenfalls als Verstoß gegen soziale Regeln. Auch Männlichkeit ist nichts Biologisches, sondern eine Frage des gesellschaftlichen Status. Penetriert zu werden, schädigt den Status des freien Mannes. Umgekehrt wird der penetrierende Mann bis heute gar nicht als homosexuell angesehen. Diese Sicht ist übrigens nicht typisch islamisch, sondern Teil der Kultur des gesamten Mittelmeerraums. Ein Heranwachsender wird nicht als Mann gesehen, deswegen ist eine sexuelle Handlung mit ihm nichts Schändliches. Er gilt aber als tabu, sobald sich der erste Bartflaum zeigt und unterliegt dann selbst der Erwartung zu heiraten.

Sex zwischen Frauen wäre dann also überhaupt kein Problem?

Dazu gibt es kaum Quellen. „Sihaq“, das Wort für lesbischen Sex, taucht im Koran gar nicht auf; es gibt nur Interpretationen, die behaupten, einzelne Suren seien implizit darauf bezogen. Problematisch ist frau-weibliche Sexualität insofern, als man annimmt, dass mindestens eine der Frauen die Rolle des Mannes übernimmt.

Von den klassischen Texten zur Gegenwart: Wer sich als Schwulenfeind auf den Islam beruft, ist also auf dem Holzweg?

Es gibt durchaus eine religiöse Tradition des „liwat“ – das ist die arabische Bezeichnung für das, was man im europäischen Mittelalter sodomitas nannte, nicht ausschließlich Homosexualität, sondern jegliche Art zeugungsfeindlicher Sexualität – derzufolge Mohammed in Anlehnung an die Legende vom Untergang Sodoms schwere Strafen gegen Homosexuelle ausgesprochen haben soll. Aber schon im Mittelalter wurde bezweifelt, dass diese Hadithe, also Worte des Propheten, authentisch seien. Im 11. Jahrhundert hat sie zum Beispiel der bedeutende andalusische Gelehrte Ibn Hazm in einem seiner Werke diskutiert und verworfen. Die gesamte Prophetentradition zum „liwat“ ist seiner Meinung nach nicht haltbar – und die tatsächliche Praxis und die arabische Belletristik bezeugen das.

Was bringt dann Migranten dazu, sich homophob zu äußern oder zuzuschlagen?

Da muss ich zum einen Teil spekulieren: Die Angreifer in Berlin waren 15 bis 24 Jahre alt. Ich vermute, da ist Abgrenzung, auch gewalttätige, gegen sexuelles Anderssein auch ein Versuch, dem eigenen sexuellen Ich auf die Spur zu kommen. Andererseits hat sich die islamische Sicht auf Sexualität vor allem in den letzten 150 Jahren stark verändert.

Inwiefern?

Paradoxerweise ist sie stark verwestlicht. Mit dem Kolonialismus kam auch die viktorianische Prüderie in den Orient und es gab diese Mischung aus Faszination und Abscheu vor dem angeblich wollüstig-verweichlichten, lasziven Orient. Gegen dieses westlich-orientalistische Klischee wehrt man sich in arabischen Ländern bis heute durch besondere Strenge und Tabuisierung von Sexualität im Allgemeinen. Und die Verfolgung von Homosexuellen ist oft ganz grausam. Dafür lässt sich die authentische islamische Tradition aber kaum verantwortlich machen, sondern eher diejenigen, die ihre eigene ablehnende Haltung durch die religiösen Quellen bestätigt sehen wollen.

Das Gespräch führte Andrea Dernbach.

Hans Peter Pökel (32) forscht über Geschlechterbilder in der klassischen ara bischen Literatur. Er arbeitet am Institut für Semitistik und Arabistik der Freien Universität in Berlin.

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