Interview : "Wir müssen Vernachlässigung früher erkennen"

Kiels Sozialministerin Gitta Trauernicht über Lehren aus dem Fall Lea-Sophie und das neue Kinderschutzgesetz des Landes Schleswig-Holstein.

Trauernicht
Gitta Trauernicht ist seit 2004 Sozialministerin in Kiel. -Foto: ddp

Jessica in Hamburg, Kevin in Bremen, jetzt der tragische Tod in Schwerin: Was läuft falsch in unserer Gesellschaft?

Immer mehr Familien sind belastet durch Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Armut – psychische und physische Probleme kommen hinzu. Viele sind nicht vorbereitet auf ihre Rolle als Eltern, nutzen aber auch vorhandene Entlastungs- und Unterstützungsangebote nicht.

Ist es berechtigt, dass man die Jugendbehörde in Schwerin so stark attackiert? Oder wird nur eine schuldige Stelle gesucht, um von anderen Versäumnissen abzulenken?

Der Auftritt des Jugendamtes war mehr als unglücklich. Man hat nicht seine Betroffenheit zum Ausdruck gebracht, sondern sich auf Vorschriften berufen. Die dort Verantwortlichen haben nicht deutlich gemacht, dass immer Prognosen vorgenommen werden, dass diese falsch oder richtig sein können, dass diese aber auch schlecht gemacht sein können, dass mangelnde Professionalität vorgelegen hat. Man war zu wenig selbstkritisch.

Schleswig-Holstein hat in der vergangenen Woche ein neues Kinderschutzgesetz verabschiedet. Was ist dessen Kern?

Im Mittelpunkt des Gesetzes steht die Prävention, die frühe Hilfe, ein Umdenken auf den Anfang. Die Hilfen müssen schon zur Geburt oder davor an die Familien herangetragen werden. Es muss eine aufsuchende und nachhaltige Hilfe sein. Wir geben vor, dass es lokale Netzwerke Kinderschutz in den Kommunen geben muss. Ferner wird die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Schule, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten verzahnt und verbessert, um bei bereits eingetretener Kindesvernachlässigung zügig im Interesse des Kindes handeln zu können. Und wir verankern die verbindlichen Früherkennungsuntersuchungen – sechs Vorstellungen beim Arzt bis zum fünften Lebensjahr – mit einem kontrollierenden Einladungs- und Meldewesen.

Sollten andere Bundesländer sich daran messen? Ist nicht eigentlich auch die Bundesebene gefordert?

Im Rahmen einer Sonderkonferenz am 24. November 2006 zum Thema Kinderschutz und im Rahmen von Bundesratsaktivitäten hatten wir den Druck und die Erwartung auf die Bundesebene gerichtet, doch wir sind enttäuscht worden. Ich wollte daher nicht länger warten, sondern meine Möglichkeiten als Landesministerin mit einem eigenständigen Kinderschutzgesetz ausschöpfen. Ich weiß, dass sich auch andere Bundesländer auf den Weg gemacht haben, ein solches oder ähnliches Gesetz zu verabschieden. Ich halte das für erforderlich. Gut wäre es gewesen, wenn die Bundesebene dies koordiniert hätte, damit die rechtlichen Situationen in den einzelnen Ländern gleich gewesen wären.

Wie ist es um die Sensibilität für Kindes- und Familienauffälligkeiten bestellt? Funktionieren Kontroll- und Frühwarnsysteme?

Auch bei einem dichter geknüpften Netz mit Hilfen für Eltern und Kinder ist es nicht ausgeschlossen, dass ein Kind noch hindurch fallen kann, wenn die Eltern in verbrecherischer Absicht Kinder töten. Dennoch glaube ich, dass wir weiterkommen durch eine Kultur des Hinschauens, durch eine Verantwortungsgemeinschaft. Der Fall Lea-Sophie zeigt, wir müssen professioneller werden, wir müssen Vernachlässigung frühzeitiger erkennen.

Das Gespräch führte Dieter Hanisch

Gitta Trauernicht (SPD) ist seit 2004 Sozialministerin in der großen Koalition von Schleswig-Holstein. Von 2000 bis 2003 hatte sie dieses Amt in Niedersachsen inne.

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