Interview zum Nobelpreis : "Wie ein Meilenkonto für Vielflieger"

Der libanesische Politologe Paul Salem spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Obama, den Friedensnobelpreis und dessen Bedeutung für den Nahen Osten.

Interview: Martin Gehlen

Herr Salem, was bedeutet Barack Obamas Friedensnobelpreis für den Nahen und Mittleren Osten?

Diese Auszeichnung wird sein Ansehen in der Region weiter erhöhen. Ob sich das allerdings in politische Fortschritte umsetzen lässt, ist offen und hängt nicht von ihm alleine ab. Die Herausforderungen, denen er sich gegenüber sieht, sind sehr komplex und vertrackt. Insofern hat er den Friedensnobelpreis bekommen, ohne bisher etwas Substantielles in der Region erreicht zu haben.

Also ist das Ganze eher eine symbolische Geste?

Die Probleme hier richten sich nicht nach skandinavischen Nobelpreiskomitees. Auch Menachem Begin, Schimon Peres und Jassir Arafat haben den Friedensnobelpreis bekommen. Die Auszeichnung funktioniert eher wie ein Meilenkonto für Vielflieger. Sie bekommen noch ein paar Meilen obendrauf. Aber ob und wo Sie diese einlösen können, dass kann ihnen niemand voraussagen.

Obama hat sich in Kairo an die gesamte muslimische Welt gewandt. Wie stark wirkt diese Rede noch nach?

Sein Auftritt untermauerte sein Prestige als Mann mit muslimischem Familienhintergrund und afrikanischen Wurzeln. Er ist kein weißer Kolonialist und kein christlicher Kreuzritter. Die Bevölkerung bringt ihm nach wie vor große Sympathien entgegen – auch wenn es erste Enttäuschungen gibt.

Zum Beispiel?

Immer mehr Menschen kritisieren, dass Obama nicht genug Druck auf Israel ausübt. Beispiel Siedlungsstopp. Für die Gesamtlösung des Konflikts ist dies ein winziger Aspekt. Aber wenn es hier schon klemmt, wie sollen dann die richtig großen Probleme angepackt und gelöst werden. Trotzdem sind diese negativen Gefühle noch nicht in offenen Ärger oder Feindseligkeit umgeschlagen. Die Leute unterstellen Obama nach wie vor, dass er eine neue Politik versucht – anders als viele seiner Vorgänger im Weißen Haus.

Was werden die Prioritäten der Obama-Administration in der Region sein?

Noch existiert kein ausgearbeitetes politisches Gesamtkonzept für den Nahen Osten. Erste Schwerpunkte jedoch sind bereits erkennbar. Der Nahostkonflikt und die Verhandlungen mit dem Iran stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. Im Irak hat Obama mit der Einlösung seines Versprechens begonnen, die Truppen abzuziehen. Auch im Verhältnis zu Syrien zeichnet sich ein Neubeginn ab.

Den meisten Applaus bekam Obama in Kairo, als er im Namen der arabischen und muslimischen Gesellschaften mehr Freiheit und mehr Respekt für Menschenrechte forderte. Was erwarten Sie auf diesem Feld?

Er wird dieses Thema nicht so explizit betonen, wie sein Vorgänger George W. Bush. Aber er wird sich für mehr politischen Wettkampf und freiere Wahlen einsetzen. Obama hat in Kairo ein sehr positives Bild des Islams gezeichnet und ihn mit Freiheit und Menschenrechten in Verbindung gebracht. Darum wird er dafür werben, dass künftig islamistische Parteien stärker in den politischen Prozess einbezogen werden. Damit sind nicht bewaffnete Bewegungen wie Hamas und Hisbollah gemeint, sondern zum Beispiel die Muslimbruderschaft in Ägypten.

Paul Salem (48) ist Direktor des Middle East Centers der Carnegie Stiftung in Beirut. Der Libanese hat an der Harvard Universität studiert und ist Autor zahlreicher Bücher über den Nahen und Mittleren Osten.

304041_0_a17cd15e.jpg Foto: Carnegie-Stiftung
Paul Salem.Foto: Carnegie-Stiftung

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben