• INTERVIEW MIT GRIECHENLANDS WIRTSCHAFTSMINISTER: „Wir sollten einen kranken Mann heilen, nicht töten“

INTERVIEW MIT GRIECHENLANDS WIRTSCHAFTSMINISTER : „Wir sollten einen kranken Mann heilen, nicht töten“

Herr Minister, vergangene Woche sind die Finanzexperten der Troika von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Weltwährungsfonds unzufrieden aus Athen abgereist. Seither zweifeln viele deutsche Politiker wieder am Spar- und Reformwillen Griechenlands. Zu Recht?

Die Antwort darauf hat die Regierung am Dienstagabend gegeben, als wir schwierige Entscheidungen getroffen haben. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass wir vorankommen und unsere Verpflichtungen erfüllen. Dass es dabei Druck auf uns Griechen gibt, ist doch ganz logisch. Unsere Finanzlage und auch die der Euro-Zone hängt davon ab.

Dass es nach Plan läuft, können Sie nicht behaupten.

Das mache ich auch nicht – erst recht nicht als Minister, der für Wachstum zuständig ist. Die griechische Wirtschaft stirbt. Tag für Tag sehe ich, wie eigentlich gesunde Unternehmen pleite gehen. Wir sollten einen kranken Mann heilen und nicht töten.

Warum ist die Rezession aus Ihrer Sicht tiefer und anhaltender als vorhergesagt?

Wir haben in den vergangenen zwei Jahren massive Ausgabenkürzungen und Reformen umgesetzt. Wir haben Gehälter und Pensionen gekürzt, die Bevölkerung leidet. Den Preis dafür, dass wir als öffentliche Hand dieses riesige Sparziel angehen, zahlt der Privatsektor. Wir würgen die Wirtschaft ab, weil wir sehr hohe Steuersätze, auch für Unternehmen, eingeführt haben. Das mit Abstand größte Problem Griechenlands ist aber jetzt die fehlende Liquidität der Banken, die schlimme Probleme haben. Kleine und mittlere Unternehmen bekommen keine Kredite mehr.

Brauchen Sie weitere europäische Hilfe?

Natürlich ist die erste Priorität die Umschuldung – die Umsetzung der Beschlüsse der Euro-Gipfels vom 21. Juli. Wir brauchen aber Hilfe, um die Kreditklemme unserer Banken zu überwinden. Auch benötigen wir technische Unterstützung und einen Transfer von Know- how, speziell beim Umbau der Verwaltung. Die europäischen Staaten haben viel Erfahrung mit entsprechenden Reformen. Und natürlich bitten wir auch um Verständnis, weil wir Partner sind – sozial, politisch und ökonomisch. Wir fühlen uns als Teil dieser europäischen Familie und wollen das auch bleiben.

Die griechische Wirtschaft muss wieder wachsen. Wann rechnen Sie damit?

Ich hoffe, dass wir im zweiten Quartal nächsten Jahres erste Signale für Wachstum sehen werden.

Wenn die Troika Ende des Monats feststellt, dass die Vorgaben nicht erreicht werden, will der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble kein weiteres Geld genehmigen. Griechenland wäre pleite.

Das Problem ist nicht ein Prozentpunkt mehr oder weniger. Die Troika will sehen, dass wir voranschreiten und die Reformen in allen Bereichen anpacken. Wir haben doch zwei Möglichkeiten: Entweder setzen wir diese Reformen nach den Regeln unseres demokratischen Landes um. Oder wir machen es ohne sozialen Frieden und Stabilität. Wenn nämlich die jetzige Situation länger anhält, gibt es eine soziale Katastrophe, und Griechenland wird kollabieren.

Sie verlangen also mehr Zeit?

Ja. Dann werden wir diese Krise auch überwinden.

Michaelis Chrisochoidis ist Wirtschaftsminister in der Athener Regierung. Der 55-Jährige sitzt seit 1989 für

die Sozialdemokraten

im Parlament. Das

Gespräch führte

Christopher Ziedler.

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