Intifada : Spur der Steine

Der Chef der radikalislamischen Hamas, Chaled Maschaal, hat zu einer „dritten Intifada“ aufgerufen. Was bedeutet diese Drohung, und was war das Ergebnis der ersten beiden dieser Aufstände?

Andrea Dernbach
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Das arabische Wort „Intifada“ bedeutet „etwas von sich schütteln“, „wach werden“, „zum Bewusstsein kommen“. Es wurde in den vergangenen 20 Jahren zum Stichwort für den palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besatzung im Gazastreifen und im Westjordanland.

Die erste Intifada begann im Dezember 1987. Sie wurde als „Krieg der Steine“ bekannt, war auch von Akten zivilen Ungehorsams geprägt und zunächst von palästinensischen Jugendlichen getragen, die Steine und Molotowcocktails gegen israelisches Militär, aber auch gegen Zivilisten warfen. Die Reaktion des israelischen Militärs war meist drastisch. Am Ende der sechs Jahre dieses ersten Aufstands wurden etwa 2400 Tote gezählt. Und die erste Intifada gilt auch als die eigentliche Geburtsstunde der radikalislamischen Hamas, die sich bis dahin sozialen Aufgaben in den besetzten Gebieten gewidmet hatte und deren Aktivisten nun zur Gewalt griffen. Der Name Hamas soll zum ersten Mal in einem Flugblatt vom Dezember 1987 verwendet worden sein. Mit dem Vertrag von Oslo 1993 endete die erste Intifada. Die Palästinenser erhielten erstmals eine Art Selbstregierung, die Autonomiebehörde unter Jassir Arafat.

Der zweite Aufstand, auch Al-Aqsa-Intifada genannt, brach im September 2000 los. Anlass war der Besuch von Ariel Scharon, der wenige Monate später israelischer Premier werden sollte, auf dem Jerusalemer Tempelberg, der Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen heilig ist. Die Palästinenser sahen im Besuch gerade des Falken Scharon eine besondere Provokation – er war nicht nur ein früher Fürsprecher der Siedlerbewegung, sondern wird von den Palästinensern auch als Mit- oder gar Hauptverantwortlicher für die Massaker gesehen, die Israels christlich-libanesische Verbündete 1982 in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila begingen. Tatsächlich war die zweite Intifada eine Reaktion auf die Erfolglosigkeit des in Oslo begonnenen Friedensprozesses. Marwan Barghouti, damals Fatah-Chef im Westjordanland und Anführer der zweiten Intifada, erklärte das Ziel im Gespräch mit dem Tagesspiegel Anfang 2001 so: „Verhandlungen ohne Druck von der Straße haben keinen Sinn. Das haben wir nach Oslo sieben Jahre lang probiert, für die Menschen hier hat sich dadurch nichts verändert. Die Palästinenser haben die Nase voll von Fernsehbildern, auf denen händeschüttelnde Politiker zu sehen sind.“

Auch der Blutzoll der zweiten Intifada war hoch: Israelischen Quellen zufolge starben mehr als tausend Israelis bei militärischen Konfrontationen und durch Terrorakte, und mehr als dreimal so viele ( 3500) Palästinenser. Seit dem Abkommen zwischen Scharon und Arafats Nachfolger Abbas Anfang 2005 galt diese Intifada als beendet. Scharon hatte zuvor den Abzug aus Gaza bekannt gegeben.

Eine dritte Intifada, erst recht von jener Gewalttätigkeit, wie sie jetzt Führer der Hamas androhen, würde erneut tausende Menschen das Leben kosten und die Zukunftsaussichten der Region weiter drastisch verringern. Die Wirtschaft im palästinensischen Autonomiegebiet wurde schon im ersten Jahr der zweiten Intifada praktisch abgewürgt. Aber auch in Israel schnellte damals die Arbeitslosigkeit nach oben, Investitionen und Exporte fuhren in den Keller. Mag sein, dass diese Aussicht denen genügt, die jetzt zur dritten Intifada rufen.

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