Irak : Angst vor dem Saddam-Urteil

Aus Furcht vor Unruhen wegen des erwarteten Urteils gegen den ehemaligen irakischen Staatschef Saddam Hussein hat die Regierung für Sonntag eine Ausgangssperre in Bagdad und zwei Provinzen verhängt.

Bagdad - Neben der Hauptstadt seien die Provinzen Dijala und Salaheddin betroffen, sagte der nationale Sicherheitsberater Muaffak al Rubai. Zuvor war bereits ein Fahrverbot verhängt worden; die Armee wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Bei einem Einsatz irakischer Polizisten gegen mutmaßliche Terroristen wurden im Süden Bagdads 53 mutmaßliche Al Qaida-Anhänger getötet. Im Schiiten-Viertel Sadr City führten irakische und US-Truppen eine Razzia gegen Todesschwadrone.

Die irakischen Behörden befürchteten vor dem für Sonntag erwarteten Urteil gegen Saddam Hussein massive Unruhen. Das Verteidigungsministerium verhängte bereits am Freitag für die Armee eine Urlaubssperre. Der Anwalt des einstigen Machthabers, Chalil el Dulaimi, hatte am vergangenen Wochenende gewarnt, ein Todesurteil gegen den 69-Jährigen würde den Irak "in Feuer und Blut versenken und die Region in eine ungewisse Zukunft stürzen". Saddam Hussein muss sich in diesem Prozess seit Oktober 2005 wegen der Ermordung von 148 Schiiten aus dem Dorf Dudschail vor Gericht verantworten.

Bei den im Süden Bagdads Getöteten handele es sich um Mitglieder des Terror-Netzwerks Al Qaida, teilte das Innenministerium mit. Die Behörden hätten am Nachmittag Informationen erhalten, wonach "Bewaffnete" die Sicherheit in Thuwaitha bedrohten. Die daraufhin entsandten irakischen Polizisten hätten sich heftige Kämpfe mit den mutmaßlichen Al Qaida-Anhängern geliefert. Den Angaben des Innenministeriums zufolge wurden 16 mutmaßliche Terroristen festgenommen. Eine Sprecherin der US-Armee sagte, US-Truppen seien erst nach den Kämpfen vor Ort gewesen. Ihren Angaben zufolge wurden 52 mutmaßliche Al Qaida-Anhänger getötet, 16 weitere seien festgenommen worden. Zudem seien vier irakische Polizisten getötet und neun weitere verletzt worden.

Todesschwadrone in Bagdad

Irakische Spezialeinheiten durchkämmten gemeinsam mit US-Soldaten am Samstagmorgen das Bagdader Wohnviertel Sadr City, eine Hochburg der radikalen Schiiten, wie die US-Armee mitteilte. Die Truppen seien beschossen worden, es habe aber keine Verletzten gegeben. In Bagdad wurden nach Angaben mehrerer Sicherheitskräfte binnen 48 Stunden die Leichen von 83 Menschen gefunden. Allein zwischen Donnerstag und Freitagmorgen seien 56 Tote entdeckt worden. In der irakischen Hauptstadt verfolgen Todesschwadrone radikaler Schiiten und Sunniten Bewohner der jeweils anderen Religionsgruppe. Jeden Tag werden im Irak dutzende Menschen erschossen oder zu Tode gefoltert aufgefunden.

Nach Angaben des Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) treibt die tägliche Gewalt immer mehr Iraker in die Flucht. Zurzeit träfen Tag für Tag etwa 2000 Iraker in Syrien und etwa 1000 in Jordanien ein, sagte UNHCR-Sprecher Ron Redmond am Freitag in Genf. Nach Schätzungen des UNHCR sind im Innern des Landes mindestens 1,6 Millionen Iraker auf der Flucht; ins Ausland dürften demnach weitere 1,8 Millionen Menschen geflüchtet sein. (tso/AFP)

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