Irak : Bushs letztes Aufgebot

US-Präsident Bush setzt mit seiner "neuen Strategie" noch einmal alles auf eine Karte - und verknüpft sein Schicksal damit endgültig mit einem Sieg im Irak. Dabei nimmt er in Kauf, dass es zusehends einsamer um ihn wird.

Washington - Das abschließende Urteil über die stürmische Amtszeit von George W. Bush wird einer künftigen Generation von Historikern vorbehalten sein. Vielleicht wird ein Gelehrter für ihn einmal den Begriff des "Spieler-Präsidenten" prägen und dabei auf jene Rede verweisen, in der Bush am Mittwoch seine Irak-Strategie dargelegt hat. Wie ein Zocker, dem der Totalverlust des Einsatzes droht, setzte Bush darin alles auf eine Karte: Ein letztes Aufgebot an Truppen und Geld soll im Irak die Wende zum Besseren erzwingen. Bush spielt auf Risiko, er knüpft sein Schicksal unentflechtbar an den Irak.

Bushs lange erwartete Fernsehansprache an die Nation dürfte all jene bestätigt haben, die ihn als wirklichkeitsfremden Meister des Wunschdenkens und der trügerischen Hoffnungen sehen. Als hätte es nie die schwere Niederlage seiner Republikaner bei der Kongresswahl vom November gegeben, schleuderte der Präsident der kriegsmüden Öffentlichkeit eine trotzige Aufforderung zum Durchhalten entgegen. Unbeirrt sprach er von "Sieg". Über 20.000 zusätzliche Soldaten im Irak, ein Aufbauprogramm, die Stärkung von Iraks Sicherheitskräften sollen zu jenem Sieg führen, den die meisten US-Bürger derzeit partout nicht erkennen können.

Wer folgt Bush noch?

Der Präsident marschiert voran. Doch wer will ihm noch folgen? Bevor Bush im Irak siegen kann, muss er zunächst daheim den Kampf um die öffentliche Meinung gewinnen. Mehr als 60 Prozent der US-Bürger sind einer Umfrage zufolge gegen die Aufstockung der Irak-Truppen. Die Demokraten sprachen nach der Rede von einer unverantwortlichen "Eskalation" und wollen ihre neue Mehrheit im Kongress gegen den Plan mobilisieren. Auch republikanische Parteikollegen rücken von Bush ab. Selbst in den höchsten Rängen der Armee gab es Widerstand.

Bushs engste Gefolgsleute scharen sich derweil um ihn und versuchen, dem Volk die ungeliebte Botschaft schmackhaft zu machen. Verteidigungsminister Robert Gates kündigte an, die Gesamtzahl der US-Streitkräfte kräftig um 92.000 Soldaten zu erhöhen. Das dürfte durchaus populär sein: Die Personaldecke der Streitkräfte war wegen der aufwändigen Einsätze im Irak und anderswo zuletzt bis zum Zerreißen angespannt, die Einsatzzeiten der Soldaten wurden immer länger.

Baker-Empfehlung keine Option

Außenministerin Condoleezza Rice gab zugleich bekannt, den altgedienten Ex-Diplomaten Timothy Carney aus dem Ruhestand zu holen und als Koordinator für die verstärkte US-Wiederaufbauhilfe in Bagdad einzusetzen. So soll die neue Strategie neben der militärischen auch eine zivile Komponente bekommen.

Seinen Kritikern kam Bush mit einer Portion Selbstkritik entgegen. "Wo Fehler gemacht wurden, liegt die Verantwortung bei mir", sagte er in seiner Ansprache. Damit bezog er sich freilich nur auf taktische Irrtümer - an erster Stelle die zu geringe Zahl der US-Truppen im Irak. An der Schicksalsentscheidung seiner Präsidentschaft, den Befehl zum Einmarsch im Irak, ließ Bush hingegen weiterhin keinen Zweifel erkennen. Ein geordneter Rückzug, wie ihn etwa die überparteiliche Baker-Kommission als halbwegs eleganten Ausweg aus dem Irak-Schlamassel empfahl, ist für ihn keine Option.

"Die entscheidende ideologische Schlacht unserer Zeit"

Während sich viele Kriegsgegner und den USA fragen, warum nun 20.000 weitere Soldaten in die Schusslinie zwischen den rivalisierenden Milizen in Bagdad und Umgebung geschickt werden, deutet Bush die Gewalt auf dem Schlachtfeld Irak weiterhin als Kampf mit höherer Bedeutung: "Wir haben hier die entscheidende ideologische Schlacht unserer Zeit", sagte er. Es gehe um den langen Kampf zwischen Freiheit und Extremismus.

Sein neuer Verteidigungsminister Gates griff die Botschaft am nächsten Morgen auf und sagte, niemand könne wissen, wie lange die US-Truppen noch im Irak bleiben müssten. Eines ließen Bush und seine Minister offen: Was passiert, wenn die neue Strategie so wie die Strategien vor ihr scheitert? Schließlich haben die USA im Irak schon viel versucht, ohne das Ruder herumreißen zu können. (Von Peter Wütherich, AFP)

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben