Irak : Johnsons Liste soll US-Kollaborateure retten

Iraker, die mit den US-Besatzern kollaborierten, sind in ständiger Lebensgefahr. Ein junger Amerikaner will nicht länger zusehen und hat eine Hilfsorganisation gegründet. Sein Ziel: die Bedrohten aus dem Land holen.

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US-Soldaten holen die Fahne ein und verlassen den Irak.
US-Soldaten holen die Fahne ein und verlassen den Irak.Foto: picture alliance / dpa

Die E-Mail erreichte Kirk Johnson im Oktober 2006. Er sei auf der Flucht, schrieb der Freund. Weil sie sein Gesicht kannten, ihn fotografiert hatten, als er die internationale Zone in Bagdad verlassen hatte, wo er arbeitete. Weil sie dann auch bald seinen Wohnort wussten, ihm einen abgetrennten Hundekopf vor die Haustür legten, einen Zettel dazu: Das wird auch mit dir passieren.

Und Johnson, weit entfernt, öffnete seinen Laptop, legte ein Dokument an und tippte den Namen seines Freundes, seine Nummer, seinen Aufenthaltsort. Er versprach: Ich helfe dir.

Seitdem hat er dieses Versprechen Tausenden gegeben, hat ihre Namen Buchstabe für Buchstabe eingetragen in eine Liste, die immer länger wurde über die Jahre, immer kostbarer und wichtiger – und die es nun zu beschützen gilt wie wertvollen Schmuck.

Die Liste. Sie liegt, mehrfach kopiert und sorgfältig verwahrt in den Büros von nunmehr 100 Anwälten, die Johnson als Helfer gewinnen konnte, pro bono.

Die Liste ist auf keinem Server gespeichert, damit sich niemand Zugang verschaffen kann, dem nicht zu trauen ist.

Die Liste wartet darauf, abgearbeitet zu werden.

Eine Namensliste, Versprechen für diejenigen, die auf ihr verzeichnet sind, Herzstück von „The List Project to Resettle Iraqi Allies“, das Kirk Johnson gründete Ende 2006. Weil er, 30 Jahre alt, sich verantwortlich fühlt für Menschen, die sein Land zu vergessen droht.

Johnson kümmert sich um Iraker, die während der sieben Kriegsjahre mit den US-amerikanischen Besatzern kollaborierten, als Übersetzer, Techniker, Ingenieure. Tausende Menschen, die nun, da die US-Truppen langsam den Irak verlassen, Stück für Stück bis Dezember 2011, zurückbleiben – ausgesetzt den Todesdrohungen der terroristischen Organisation „The Islamic State of Iraq“, die ihre Landsleute als Verräter verfolgt.

Sein Ziel: die Menschen aus dem Land holen, und das möglichst schnell und mithilfe besonderer Visa, den SIV, Special Immigrant Visa. Er kämpft gegen die Bürokratie, die den Prozess verlangsamen lässt, gegen die verschärften Sicherheitsbestimmungen, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in Kraft traten und die den arabischen Bürgern die Einreise besonders erschweren.

Allein für das US-Verteidigungsministerium, so schätzt es selbst, arbeiteten in der zweiten Hälfte des Jahres 2009 mehr als 36 000 Iraker im Irak. Das Budget Office des Kongresses gab im August 2008 an, dass etwa 70 000 Iraker für Regierungsorganisationen oder deren Partner im Irak tätig seien. Ganz genaue Zahlen sind nicht bekannt.

Menschen, an die offenbar niemand dachte beim Planen des Abzugs. Der doch ansonsten so ausgefeilt sei, dass selbst die Rückreise eines einzelnen Kaffeebechers ohne Probleme nachverfolgt werden könnte. Sagt Kirk Johnson. Der nicht verstehen kann, warum an Kaffeebecher, nicht aber an Menschen gedacht wird. Der nun eben versucht zu helfen.

Männern wie N. zum Beispiel, der seinen Bruder sterben sah durch sieben Kugeln, die Terroristen auf ihn feuerten, weil er als Übersetzer für die Amerikaner arbeitete. N., der verfolgt wird allein deshalb, weil er der Bruder eines „Verräters“ ist.

Frauen wie Z., die für Unicef arbeitete und an die Hilfe der Amerikaner glaubte. Deren Tochter plötzlich SMS geschickt bekam mit Drohbotschaften. Deren Mann im Januar 2006 entführt wurde und nie wieder auftauchte.

Männern wie M., Übersetzer, der zwei Mordanschläge und eine Entführung überlebte. Der mit seinen sieben Kindern, eines schwerstverletzt, nach Syrien floh. Dort bat er die US-Botschaft um Hilfe. Seinen jüngsten Sohn, der bei einem der Anschläge Schädelfrakturen erlitten hatte, wollte er in ein Krankenhaus in den Vereinigten Staaten bringen lassen. „Sie brauchen eine Empfehlung eines Generals“, sagte man ihm. Wo sollte er den finden in Syrien, das er nicht verlassen kann? Er sagt: „Ich mailte dem Weißen Haus. Ich mailte der First Lady. Ich mailte Oprah Winfrey. Ich mailte Angelina Jolie. Und niemand antwortete.“

Dann mailte auch er Kirk Johnson.

Tief hat der die Hände in den Hosentaschen vergraben, als er zur Tür hereintritt; die Schultern hochgezogen, als liefe er durch einen Sturm. Dabei ist er nur aus Wannsee gekommen, wo er derzeit im Haus der American Academy als Fellow lebt – und ein Buch schreibt. Über Gewinner und Verlierer. Und über sich selbst, der dazwischen steht.

Sind es Schuldgefühle, die ihn antreiben? „Nein“, sagt er. Sein Projekt sei der Versuch, etwas Konkretes zu tun.

Johnson versucht nicht allein, Iraker zu retten. Er versucht, etwas wieder einzurenken, eine Perspektive wieder zurechtzurücken, die sich verschoben hat, er versucht, die Welt zu sortieren, eine Art globales Missverständnis auszuräumen.

Als sich Johnsons Perspektive zum ersten Mal änderte, war er 15 Jahre alt. Seine Großmutter nahm ihn mit auf eine dreiwöchige Reise durch Ägypten. Nie hatte die alte Dame in ihrem Leben die Chance gehabt, ein College zu besuchen. „Reisen“, sagt Johnson, „war für sie Bildung.“ So hatte sie sich vorgenommen, mit jedem ihrer Enkel einen anderen Teil der Welt zu besuchen. Mit Johnsons älterem Bruder fuhr sie nach Russland, mit ihm besuchte sie Ägypten.

Als er nach drei Wochen zurückkehrte nach West Chicago, eine Kleinstadt im Schatten der großen, „war die Welt viel größer als zuvor“.

„Alles in Ägypten war so kompliziert“, erinnert er sich und meint die Sprache, vor allem. „Das begeisterte mich.“ Der älteste Bruder also studierte Russisch, ein weiterer Spanisch. Es war, sagt Johnson, als wäre dieser Teil der Welt, den er gerade bereist hatte, nun für ihn reserviert. Zurück in Chicago meldete er sich sofort für einen Arabischkurs an einer Volkshochschule an. Später nahm er Privatstunden, die Universität von Chicago ließ ihn, den Schüler, Vorlesungen in Ägyptologie besuchen. Als er schließlich offiziell studieren konnte, belegte er Arabistik.

Der 11. September 2001 hob die Welt aus den Angeln, die sich Kirk Johnson eröffnet hatte Jahre zuvor. Als die Flugzeuge ins World Trade Center krachten, studierte er in Syrien, dank eines Stipendiums, das er von der Regierung erhalten hatte. Geheimdienste kontaktierten ihn, wollten ihn rekrutieren als Experten der Sprache. Er sollte Dokumente entschlüsseln, Mitschnitte von Telefonaten übersetzen. Er lehnte ab.

Lieber ging er mit dem Vater, Politiker in Illinois, zu einer Moschee am Rande Chicagos, die in Brand gesetzt worden war nach den Anschlägen. „Ich ging mit ihm, um zu der muslimischen Gemeinde in Arabisch zu sprechen“, sagt er. Die Sprache wollte er nutzen, um eine Brücke zu schlagen.

Als der Krieg im Irak seinen Anfang nahm, sah er eine zweite Chance.

Johnson studierte zu der Zeit in Ägypten. „Ich war gegen Saddam Hussein“, sagt er. „Aber ich war auch sehr gegen den Krieg im Irak. Er schien mir nicht richtig zu sein.“ Weil er das Bedürfnis hatte zu helfen, bewarb er sich beim US-amerikanischen Entwicklungsdienst Usaid. Mehrfach und ausdauernd, bis sie ihm schließlich einen Job gaben, im Dezember 2004, in Bagdad. Doch die Möglichkeiten der USA habe er überschätzt, sagt er heute. „Ich war völlig naiv. Es ging nicht nur darum, den Strom wieder anzustellen.“

Out of perspective, heißt es, wenn die Dinge nicht zusammenpassen, wenn Proportionen nicht harmonieren. Der Irak und die USA, stellte Kirk Johnson fest, das war ziemlich out of perspective. Was schon damit anfing, dass er unter 100 amerikanischen Kollegen der einzige war, der arabisch sprach. Und wieder musste er seine Weltsicht justieren.

Ein Beispiel. Ein Stromgenerator, Siemens, Millionen Dollar teuer, 700 Tonnen schwer, sollte aus der Türkei nach Kirkuk, Nordirak, gebracht werden. Fünf Meilen pro Stunde durfte er bewegt werden, damit nichts durchgerüttelt wurde und nichts zerstört. Der Plan, der einfach klang, wurde kompliziert. Straßen mussten planiert, Geleitschutz gezahlt werden. Drei Jahre länger als geplant dauerte das alles, sagt Johnson. Und als der Generator in Kirkuk ankam, in Betrieb genommen wurde von Irakern, zerstörten sie ihn innerhalb von 90 Tagen, weil keiner wusste, wie er korrekt zu bedienen war.

Weil Kirk Johnson so gut arabisch spricht, hielten ihn manche im Irak für einen Spion.
Weil Kirk Johnson so gut arabisch spricht, hielten ihn manche im Irak für einen Spion.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Kirk Johnson, der eingeflogen war, um die Welt zu sortieren, überhob sich an seinen eigenen Erwartungen und stieß zusammen mit der Realität. Sie erwischte ihn besonders in Falludjah, wohin er entsandt wurde als Regionalkoordinator. Dort war er nicht mehr ständig umringt von privaten Sicherheitsleuten wie in Bagdad, dort zog er herum mit den Marines, die Besseres zu tun hatten, als ihn zu beschützen. Fuhren sie im offenen Wagen durch die Straßen, saß Johnson hinten auf dem Verdeck, bereit, Handgranaten abzuwehren, die, so hieß es, von kleinen irakischen Kindern geworfen würden, die oft am Straßenrand standen. „Du entwickelst ein dickeres Fell“, sagt er.

Doch das dicke Fell umhüllte nach einiger Zeit einen Menschen, der übersensibel geworden war. Der alles abcheckte: die Räder des Autos am Straßenrand – zeigen sie zum Konvoi oder in die andere Richtung? Der Mann auf der Straße – trägt er nicht ein paar Lagen Kleidung zu viel? Vielleicht einen Sprengstoffgürtel darunter? Die Iraker, deren Sprache er verstand, deren Land er wieder aufbauen wollte – er lernte, sie auch als potenzielle Feinde zu sehen. Er litt daran.

Die Narben sind in seinem Gesicht zu sehen, zwischen den Augenbrauen und am Kinn. Denn als er 2005 ausflog aus dem Irak, zu einem weihnachtlichen Familientreffen in die Dominikanische Republik, da holte die Realität ihn ein. In Form einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Er schlafwandelte, kletterte aufs Fensterbrett, stürzte hinab, sechs Meter tief. Er brach sich beide Handgelenke, die Nase, das Jochbein, den Schädel und etliches mehr. Anstatt zurück in den Irak reiste er in ein Krankenhaus in den USA. „17 Stiche im Gesicht“, sagt er und reibt über die Nasenwurzel.

Im Irak wurde seine Position, zu der er nicht zurückkehrte, gestrichen, Projekte, die er begonnen hatte, nicht weitergeführt. „Ich war deprimiert“, sagt er. Dann erreichte ihn die Mail des Freundes.

Johnson veröffentlichte einen Artikel auf den Meinungsseiten der „Los Angeles Times“ – und bald schon kontaktierten ihn mehr und mehr Iraker, die von seinem Projekt gehört hatten. Er wandte sich an Senator Edward Kennedy, der die moralische Verpflichtung erkannte – und der es 2008 schließlich schaffte, etwas durchzusetzen: den „Refugee Crisis in Iraq Act“, der 25 000 Visa bereitstellen soll für irakische Kollaborateure und ihre Familien, 5000 pro Jahr, verteilt auf fünf Jahre. Doch alles funktioniert nur langsam. Zu langsam.

Von den 34 470 irakischen Kriegsflüchtlingen, die in den vergangenen Jahren von den USA aufgenommen wurden, seien weniger als zehn Prozent solche gewesen, die mit den Amerikanern zusammenarbeiteten, sagt Johnson.

Er drängt zur Eile. Auch deshalb, weil sich sein Projekt aus Spenden finanziert. Und die werden knapper, je weiter entfernt der Krieg im Irak erscheint.

Etwa 1000 irakischen Kollaborateuren konnte Johnson bereits helfen, rund 3000 Namen stehen noch auf seiner Liste. Er hat keine neuen mehr aufgenommen, zeitweilig. Weil er Angst hat, dass das Geld nicht reicht, um zu helfen. Weil er halten will, was er verspricht. In diesem Mai hat er einen großen Report veröffentlicht. Er hofft, damit die Politik zu erreichen – und den Präsidenten, der mit seinen Demokraten auf eine Niederlage zusteuert bei den Kongresswahlen an diesem Dienstag.

„Kein Präsident hat ein Interesse daran, Flüchtlinge ins Land zu bringen“, sagt Johnson, der trotzdem hofft, dass Barack Obama bald etwas tun wird. Die Kollaborateure ausfliegen auf eine Militärbasis zum Beispiel, wo die Menschen beschützt sind, während die Visa ausgestellt werden. So wie es die USA schon nach dem Vietnamkrieg taten, wenn auch spät. Er wird dafür weiter werben, bis es jemand hört.

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