Politik : „Irak kann in einem Jahr Atomrakete haben“

Experten: Bagdad besitzt aber bislang kein waffenfähiges Uran / Größte Gefahr derzeit durch chemische Waffen

NAME

Brüssel. Der Irak ist nach Einschätzung des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London nach wie vor „stark an der Entwicklung von Atomwaffen“ interessiert. Das Regime in Bagdad sei aber noch weit davon entfernt, selbst spaltbares Material herstellen zu können. Mit angereichertem Uran aus dem Ausland allerdings könnte Irak eine Rakete mit einem Atomsprengkopf bestücken, heißt es in der am Montag in Brüssel vorgestellten Studie. Diese könnte nach Ansicht des Instituts-Direktors John Chipman unter anderem Länder wie Kuwait, die Türkei, Jordanien und Israel erreichen. Unterdessen begründete US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice einen Präventiv-Schlag gegen Saddam Hussein damit, dass man es sich nicht leisten könne, auf eine Atompilzwolke als Beweis zu warten.

Man dürfe nicht unterschätzen, dass eines der wichtigsten politischen Ziele Saddams die Beschaffung von Massenvernichtungsmitteln sei, sagte Klaus Becher, der dem IISS seit drei Jahren angehört, in Brüssel. Das Institut sieht die Studie als „Dienstleistung für die derzeitige politische Debatte“. Sie stützt sich auf offen zugängliches Material und nicht auf Geheimdienstberichte. Irak habe immer danach gestrebt, seine Raketen mit Atomsprengköpfen auszurüsten, fügte Chipman hinzu. Im Besitz von spaltbarem Material, würde das Land maximal ein Jahr brauchen, um eine Rakete mit einem solchen Sprengkopf auszurüsten.

Seit Saddam Hussein 1998 die UN-Waffeninspektoren aus dem Land gejagt hat, stehen jedoch die biologischen Waffen, über die der Irak in großem Umfang verfügt, im Mittelpunkt der Sorge des Institutes. „Der Irak hat seine Kampffähigkeit bei den biologischen und chemischen Waffen zurückgewonnen“, urteilen die Wissenschaftler. Tausende Liter Anthrax, Botulinum und andere Gifte seien seit 1998 produziert worden. Dabei sind die gegenwärtigen Bestände unbekannt. Mit biologischen und bakteriologischen Waffen könnte der Irak jederzeit Israel angreifen. Das Gleiche gilt für die chemischen Waffen. Mehrere hundert Tonnen Senfgas, Sarin und andere Nervengase seien vorhanden, so die Studie.

„Wenn Raketen mit chemischen Sprengköpfen auf Israel abgefeuert würden, könnte Israel mit seiner Nuklearfähigkeit zurückschlagen. Das muss vermieden werden“, sagte Becher. Denn das bedeutete einen Atomkrieg. Der Irak verfüge zwar nicht über so weitreichende Raketen, dass Mittel- und Nordeuropa getroffen werden könnten. Doch Israel, Saudi Arabien, die Türkei, der Iran und Kuwait liegen in Reichweite der irakischen Raketen. Das Londoner Institut nimmt an, dass Saddam noch zwölf Raketen mit einer Reichweite von 650 Kilometern besitzt. Er könnte auch über Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 200 Kilometern verfügen. Unklar ist dem Institut, inwieweit der Irak in der Lage ist, biologische Waffen in großen Mengen einzusetzen. Denn es ist unbekannt, ob er Waffensysteme bereithält, die biologische Massenvernichtungswaffen aus der Luft versprühen können. Der Irak verfüge jedoch über eine nicht bekannte Anzahl von Trainingsflugzeugen der Marke L29, die möglicherweise als unbemannte Flugkörper biologische oder chemische Waffen transportieren können.

Die Wissenschaftler äußerten sich nicht dazu, ob es sinnvoll ist, das Aufrüstungsprogramm Saddams mit Waffengewalt zu stoppen. Es sei aber zwingend, dass Waffeninspektoren umgehend eine Bestandsaufnahme machen, die chemischen und biologischen Waffen sowie deren Produktionsanlagen müssten unschädlich gemacht werden. Bereits die begrenzte Wiederaufnahme der Öllieferungen habe dazu geführt, dass Irak zusätzliche Mittel zur Herstellung von biologischen und chemischen Waffen erhalten habe. Mariele Schulze Berndt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben